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Jan Weitendorf von Hacht: »Werden zu rechtswidrigem Verhalten gezwungen«

Der Streit um die Einkaufskonditionen, namentlich der Spreizung der Rabatte für große und kleine Händler, wird jetzt auf offener Bühne ausgetragen:

  • Auf der Frankfurter Buchmesse hatte Thalia-Chef Michael Busch den Börsenverein angegriffen wegen dessen Versuch, den Streit um die Spreizung der Einkaufskonditionen zwischen großen und kleinen Marktteilnehmern zu befrieden. Der Verband will damit auch eine gerichtliche Auseinandersetzung um den Konditionen-Paragraphen 6 des Buchpreisbindungsgesetzes vermeiden. Thalia hat ein Rechtsgutachten vorgelegt, dem zufolge besondere Leistungen und Innovationen von Händlern höhere Rabatte rechtfertigen könnten.
  • Dagegen wendet sich der Verleger Jan Weitendorf von Hacht in einem Offenen Brief. Er kritisiert Thalia wegen des Drehens an der Konditionenschraube, die die Verlage zu rechtswidrigem Handeln zwinge (weil im Buchpreisbindungsgesetz die Verlage zu preisbindungskonformen Konditionen verpflichtet werden). Wirtschaftlich seien die Konditionenforderungen für mittelständische Verlage die Ansage, „dass das Wachstum von Thalia unterstützt werden soll, damit wir uns klanglos vom Markt verabschieden können“.

Auch Weitendorf kritisert den Börsenverein, der als 3-Sparten-Verband womöglich keine richtige Interessenvertretung kleinerer Verlage leisten könne.

Jan Weitendorf von Hacht ist Verleger der W1-Media-Gruppe (Atrium Verlag, Arche, NordSüd Verlag, Jumbo Neue Medien). Sein offener Brief im Wortlaut (gegenüber der Urfassung vom 1. November leicht ergänzt):

Offener Brief:

Jan Weitendorf von Hacht. (Foto: Rainer Uebelhöde)

»Der Buchhandelsmarktführer und größte Beitragszahler im Börsenverein opponiert – so fängt der Artikel im buchreport vom 28. Oktober an [hier: die Online-Version]. Im Börsenblatt vom gleichen Tag wird Michael Busch mit „Eine Diskussion über Rabatte zu führen ist unsinnig“ zitiert.

Und im Mittagsnewsletter des verbandsnahen Börsenblattes vom 31.10.2021 wird das von Thalia in Auftrag gegebene Gutachten von Taylor Wessing als Gastbeitrag zu Verlagsrabatten angekündigt.

Da fragt man sich doch, wessen Verband dieser Verband ist?  Wieso erhält ein Buchhändler, der einer unter vielen Beitragszahlern ist, ständig eine solche Aufmerksamkeit? Und wo sind die offiziellen Gegenpositionen?

Was mich in der gesamten Diskussion aber am meisten ärgert, ist, dass sämtliche Lieferanten von Thalia in einen Topf geworfen werden. Denn worum geht es hier überhaupt? Es geht um das Überleben des Verlagswesens in seiner jetzigen Ausprägung – es geht darum, wer sich überhaupt Rabatt von 50% und mehr leisten kann! Wir stehen als Verlage seit Jahren unter erheblichem Druck von allen Seiten – zurzeit mehr denn je, resultierend aus Preiserhöhungen auf allen Seiten (Papier, Logistik, Energie, Honorare etc.) – alle wollen mehr, aber die vielfach beschworenen Preiserhöhungen führen nur dazu, dass der Buchhandel nicht den Mut hat, die teureren Bücher einzukaufen, das kann ich aus leidlicher Erfahrung hier kundtun. Gerade diejenigen, die dazu auffordern, sind die, die sich beim Einkauf irgendwie nicht mehr daran erinnern wollen. 

Wenn ich mir als mittelständischer Verlag keine Rabatte über 50% beim Barsortiment leisten kann, dann muss Thalia das akzeptieren – das tun sie aber nicht. Thalia handelt nach dem Prinzip „wir sind der Größte – was nicht ausdrücklich verboten ist, ist erlaubt!“ 
Das hat zur Folge, dass wir zu rechtswidrigem Handeln gezwungen werden. Es ist nicht Thalia, die gegen das BPG [Buchpreisbindungs-Gesetz, Red.] verstoßen, sondern es sind die kleinen Verlage, die ansonsten ausgelistet würden. 

Ein Verlag, der von Thalia ausgelistet wird, wird in geringerem Maße, aber trotzdem über das Barsortiment bezogen, da sich auch Thalia mit den Größten messen muss.

Was ist denn die Innovation, die Thalia bietet? Die Konditionen reichen gerade dazu, neue Buchhandlungen in das System Thalia zu integrieren und damit die Konditionenschraube noch weiter zu drehen.  Aber für mittelständische Verlage ist das eher die Ansage, dass das Wachstum von Thalia unterstützt werden soll, damit wir uns klanglos vom Markt verabschieden können.

Und hier ist doch genau der Ansatz des Buchpreisbindungs-Gesetzes! Die Vielfalt im Deutschen Buchmarkt soll gewährleistet werden. Insofern muss es auch eine Obergrenze der Konditionen geben, die die Vielfalt der Verlagslandschaft und damit die Vielfalt unterschiedlicher Bücher und Meinungen garantiert!

Ich bin für weniger Aufmerksamtkeit für Busch und für mehr Miteinander als Gegeneinander.  Ansonsten werden auch wir Verlage uns fragen müssen, ob der 3-Sparten-Verband die richtige Interessenvertretung ist. Zumindest was die kleinen Verlage betrifft, fragen wir uns das schon seit längerer Zeit.«

Streit um Konditionenspreizung: Kaum zu klammernde Interessen

 

Kommentare

1 Kommentar zu "Jan Weitendorf von Hacht: »Werden zu rechtswidrigem Verhalten gezwungen«"

  1. Völlig richtig. Allerdings bestellt Thalia nur das bei uns, was sie unbedingt bestellen müssen. Im Regal steht kaum noch ein kleiner Verlag. Das betrifft aber in einer weiteren Stufe den gesamten stationären Handel. Ohne amazon gäbe es viele kleine Verlage schon nicht mehr. Der Onlinehandel wird mehr und mehr zum Freund der kleinen Verlage. Hier entscheiden die LeserInnen nach Interesse und nicht nachdem, was man Ihnen unter die Nase hält.
    Gut, dass Jan Weitendorf diesen Brief geschrieben hat. Wäre er der Verleger eines Kleinverlages hätte sich wohl kaum jemand für seinen Meinung interessiert. Insofern sollte sich auch die Fachpresse hier ein paar Gedanken machen. Und der Börsenverein braucht deutlich mehr Diskussion.

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