Wie mittelständisches Open-Access-Publishing sichtbar bleibt

Mehr zu den Veränderungen im Wissenschaftsmarkt im buchreport-Themendossier „Wissenschaftspublizistik”.

Open Access ist das Wissenschaftspublishing der Zukunft. Doch im „Deal”-Zeitalter droht der Mittelstand im Bibliotheksgeschäft an die Wand gedrückt und damit für Autoren und Forschungsförderer unattraktiv zu werden. Wie kann er dem drohenden Bedeutungsverlust begegnen?

Zentrale Transaktions-Plattformen als Vermittlungsinstanzen zwischen Forschenden, Forschungsförderern, Verlagen und Bibliotheken sind eine aktuelle Antwort auf diese Problemlage. Der Wissenschaftsverleger und Open-Access-Pionier Sven Fund zeigt im Prozess-Channel von buchreport.de die Potenziale derartiger Intermediäre auf. Fund ist selbst Gründer der Vermittlungsplattform Oable, die seit September 2020 ihre Dienste anbietet.

 

Sven Fund ist Geschäftsführer der Beratung Fullstopp sowie des Open-Access-Dienstleisters Knowledge Unlatched (KU), der auch hinter Oable steht. (Foto: privat)

Wenn die Großen DEALen – wo bleibt da der Publishing-Mittelstand?

„Deal” konzentriert immer mehr Geschäft auf die großen akademischen Publisher und deren Lizenzierungs- und Transaktionsplattformen, die infolge dieser Sichtbarkeit auch als Marketingplattformen wichtig werden; der verlegerische Mittelstand droht auf der Strecke zu bleiben, auch im Wettbewerb um Open-Access-Inhalte und -Publikationsgebühren.

Wie Open-Access-Publishing funktioniert

Open Access ist über die vergangenen beiden Dekaden zu einem großen Geschäft für Verlage geworden – und noch dazu zu einem, das deutlich stärker wächst als der Gesamtmarkt des wissenschaftlichen Publizierens. Es ist viel Bewegung in dem Erlösmodell, bei dem nicht mehr der Lesende zahlt, sondern der Publizierende (bzw. jeweils die Forschungsinstitutionen, an denen beide arbeiten). Rund 700 Mio US-Dollar werden heute jährlich in diesem Modell umgesetzt.

Dabei hat sich die Struktur in den vergangenen Jahren deutlich verschoben. Zwar machen Article Processing Charges (APCs) noch immer den Großteil des Umsatzes aus, aber neue Strukturen in der Zusammenarbeit zwischen Bibliotheken und Verlagen fassen mit hoher Geschwindigkeit Fuß. Ob „Read and Publish” oder „Subscribe to Open” – der Kreativität sind derzeit keine Grenzen gesetzt, wenn es um die Transformation bisheriger Inhalte-Abos in stärker publikationsorientierte Finanzierungs-Modelle geht. Beispiel sind die „Deal”-Abschlüsse in Deutschland mit Wiley und Springer Nature. Diese stehen für einen „unfallfreien“ Übergang von der Bezahlung des Lesezugriffs auf ein Modell, das sich an den Publikationsleistungen der Wissenschaftler und ihrer Institutionen orientiert.

Projekt Deal

Die deutschen Wissenschaftsorganisationen verhandeln seit 2016 unter der Federführung der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) über bundesweite Lizenzverträge für das gesamte elektronische Zeitschriften-Portfolio der großen Wissenschaftsverlage Elsevier, Springer Nature und Wiley. Durch eine eingebaute Open-Access-Komponente sollen Forschende zudem die Option bekommen, Artikel bei den Verlagen OA zu veröffentlichen („Publish and Read“-Modell). Die langwierigen und komplexen Verhandlungen, die die Umstellung auf OA beschleunigen sollen, laufen unter dem Schlagwort „Projekt Deal“.

Anfang 2019 wurde mit Wiley die erste dieser Nationallizenzen geschlossen und das grundlegende „Deal“-Modell, bei dem die Kosten für den Zugang zum elektronischen Zeitschriftenportfolio des Verlags mit den anfallenden OA-Publikationsgebühren gekoppelt werden, im Laufe des Jahres erstmals auf- und umgesetzt. Der vergleichbare Vertrag mit Springer Nature startete im Januar 2020. Die Verhandlungen mit Elsevier ruhten zuletzt.

Daraus ergeben sich zwei Probleme: Die zu administrierenden Open-Access-Volumina steigen stark an. Zudem differenzieren sich die Modelle immer weiter aus, sodass es großen Einrichtungen, die die Publikationen ihrer Forschenden finanzieren, schwerfällt, den Überblick zu bewahren. Große Universitäten bringen es schon heute problemlos auf tausende von Artikeln, Kapiteln und Büchern im Jahr. In jedem einzelnen Fall müssen die Zugehörigkeit des Wissenschaftlers zur jeweiligen Einrichtung, die richtige Lizenzierungsform, das richtige Repositorium für die Ablage eines Beitrags, die Bezahlung und viele andere Dinge überprüft, ausgewählt oder nachgehalten werden.

Schlechte Daten – schlechte Prozesse – schlechtes Geschäft

Die Art, wie kleinere Wissenschaftsverlage mit Bibliotheken handeln, ist noch immer von antiquierten Insellösungen geprägt, bei denen die Verschleuderung von Ressourcen an der Tagesordnung ist. Eine große Bibliothek im europäischen Ausland muss Tag für Tag die Arbeitsleistung von 15 wissenschaftlichen Bibliothekaren aufwenden, um der Flut schlechter Daten Herr zu werden. Das Problem sitzt tief: Auch wenn es Standards für Metadaten gibt, halten sich weder Wissenschaftler noch Verlage notwendigerweise an diese Standards. Das geschieht oft ohne böse Absicht, die Folgen für Bibliotheken als Empfänger der Daten sind allerdings verheerend: Statt einheitlicher und gut zu verarbeitender Inhalts- und vor allem Metadaten herrscht oft Chaos in den Systemen; Prüfungen und Prozesse müssen aufwändig händisch durchgeführt werden.

Auch der Akquiseprozess der Bibliotheken ist schwer steuerbar. Open Access lässt sich nicht klassisch bei einem Händler „einkaufen“, da die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler entscheiden, in welcher Zeitschrift und damit bei welchem Verlag sie publizieren. Bibliotheken reagieren darauf, indem sie mit großen Wissenschaftsverlagen Rahmenverträge verhandeln, die die Publikationsbedingungen unabhängig vom Fall des einzelnen Artikels definieren. Derartige Rahmenverträge funktionieren naturgemäß nur bei den größten von tausenden von Verlagen, und mit wachsendem Artikelvolumen nehmen die strukturellen Probleme der Bibliotheken weiter zu.

Für jene Verlage, die nicht zu den Top 5 gehören, ist die Entwicklung verhängnisvoll. Mit ihnen gibt es keine Rahmenvereinbarungen. Oft nutzen sie keine Systeme, die die Verarbeitung der Artikel erleichtern. Sie fürchten zunehmend – wie die Diskussionen um Projekt „Deal” in Deutschland gezeigt haben – mit Open-Access-Angeboten in Zeitschriften von der Bildfläche zu verschwinden. Das trifft einen großen Teil der Wissenschaftsverlage, und die Folgen sind grundstürzend: Dem Mittelstand des Publizierens fällt die Teilnahme an einem Zukunftsmodell der Branche, das die Erlöse der kommenden Jahre entscheidend beeinflussen wird, immer schwerer.

Zentrale Handelsplattformen: eine Chance für Sichtbarkeit und Geschäft

Als Reaktion auf die Problematik sehr kleinteiliger Geschäftsbeziehungen im Open Access entwickelten zunächst Verlage mit einem großen Open-Access-Portfolio eigene teilautomatisierte Dashboards – denn APCs haben deutlich geringere Transaktionsvolumina als „Big Deals“ im Zeitschriften- oder E-Book-Geschäft. Das brachte Linderung und half vor allem diesen Verlagen, ihre starke Marktposition jenseits der Inhalte weiter auszubauen. Es löste allerdings weder die Probleme der Bibliotheken, die zunehmend übergreifende Lösungen forderten, noch jene der kleineren Verlage, die sich kein Schaufenster in Form eines Dashboards leisten konnten.

Bereits seit einigen Jahren versuchen verschiedene Anbieter, das Problem wachsender Komplexität für kleine und mittelgroße Verlage sowie für Bibliotheken zu lösen. Naturgemäß richteten sich diese Angebote zunächst an Verlage – hier bewerteten die Anbieter das kommerzielle Interesse am höchsten. Rightslink und SciPris sind zwei Vertreter dieses Modells. Hier können Verlage – aus ihrer Perspektive – Zahlungen für Open-Access-Artikel und Kapitel in Zeitschriften und Büchern abwickeln und überwachen.

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Und auch einige Forschungsfinanzierer, die für von ihnen finanzierte Projekte oft die APCs übernehmen, bemühten sich um eine Lösung. So entwickelte Chronos mit der Bill and Melinda Gates Foundation eine Lösung, die deutlich mehr Struktur in Metadaten und Prozesse brachte. Aber während diese Dienste den Institutionen oder Einkaufskonsortien das Andocken ermöglichen, fehlt es nach wie vor an einer End-to-End-Lösung mit ausreichender Anziehungskraft, möglicherweise aufgrund unterschiedlicher Ausgangspunkte der Beteiligten, wie Kenner des Marktes vermuten. Die Problemstellung von Universitäten und Forschungseinrichtungen, den Publikations-Output unabhängig von Verlag, Produktart und Form der Vereinbarung organisieren zu müssen, lösen diese Systeme bisher nicht ausreichend.

Weiter wurde bisher überraschenderweise noch keine Lösung vorgelegt, die dezidiert aus Bibliotheksperspektive entwickelt wurde.

Ein Beitrag zur Problemlösung

Oable wurde aus der Perspektive von Bibliotheken entwickelt – gemeinsam mit einer Gruppe von Universitäten aus Europa und den USA. Es löst das Problem der verlagsübergreifenden Perspektive ebenso wie die Herausforderung, verschiedene Arten von vertraglichen Beziehungen zwischen Verlagen und Universitäten abbilden zu können. Dabei setzt Oable auf ein flexibles Datenmodell, das neben der Einrichtung individueller Strukturen an Forschungseinrichtungen – wie Instituts- und Kostenstellen – ein hohes Maß an Automatisierung erlaubt. So können über Rahmenverträge definierte Bedingungen und Kosten ohne manuelle Intervention durch Oable verarbeitet werden.

Unterstützt durch Schnittstellen der Submission-Systeme für Zeitschriftenartikel, fließen die Metadaten ins System von Oable. Zusätzlich arbeitet Oable in Übereinstimmung mit OA Switchboard, einem wichtigen Austauschknotenpunkt für Metadaten von Open-Access-Artikeln, der es den Instituten ermöglicht, passende Metadaten zu beziehen. Wo es keine Schnittstellen oder – beispielsweise bei kleineren Verlagen – keine Quellsysteme gibt, können diese Upload-Frontends nutzen. Das Ergebnis für die Institution ist, dass Oable den Institutionen harmonisierte, verlags- und kanalübergreifende Metadaten zur Verfügung stellt – ein Eckpfeiler der Lösung.

Sobald die Parameter und Regeln für Open-Access-Abkommen festgelegt sind, kann die sogenannte Workflow-Engine die strukturierten Metadaten verarbeiten. Diese Workflow-Engine ermöglicht es Institutionen, ihre individuellen Arbeitsabläufe zu definieren, einschließlich verlags- und abteilungsspezifischer Genehmigungsstrukturen und Zahlungsmethoden. Dabei spielt die Automatisierung in der Bibliothek eine Schlüsselrolle. Automatisierte Antworten können definiert und automatische Konformitätsprüfungen durchgeführt werden, während für einige Verlage eine manuelle Genehmigung als Routineverfahren beibehalten werden kann. Anstatt in unterschiedlichen Zeitabständen Rechnungen zu erhalten, können die Institutionen automatisch eine Bestellung bei ihrem Bibliotheksagenten aufgeben, um jeden Monat eine einzige Rechnung pro Kostenstelle zu erhalten – einschließlich klar strukturierter Metadaten, die die Zuordnung zu einem Bestellvorgang belegen.

Der Interoperabilität der Daten kommt eine wachsende Bedeutung zu, gerade im Umfeld von Open Access. Nicht nur Inhalte sollten durch jedermann frei nutzbar sein, so die Überlegung hinter Oable, sondern auch Metadaten und anonymisierte Nutzungsdaten. Die Struktur des Systems ermöglicht es Bibliotheken, Vor- und Folgesysteme, etwa OpenAPC zu integrieren. Auch verschiedene Repositorien und Bibliothekssysteme wie ALMA und Folio werden einzubinden sein.

Strukturiert bis hin zum Berichtswesen

So ermöglichen Lösungen wie Oable eine strukturierte und effiziente Datenpipeline und einen Arbeitsablauf, der die Grundlage für das wichtigste Merkmal bildet: das Berichtswesen. Der Abruf von Berichten über Ausgaben auf Abteilungsebene ist kein Problem mehr, sondern nur noch eine Frage von wenigen Klicks. Ebenso sind die verbleibenden Publikationsbilanzen mit den Verlagen sofort sichtbar und ermöglichen eine effiziente Überwachung von Open-Access-Abkommen.

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