»Eine direkte Möglichkeit, Feedback vom Leser zu erhalten«

Hanser-Lektor Volker Herzberg. Foto: Hanser Verlag

Leser können das Buch noch im Entstehungsprozess lesen, kommentieren und diskutieren. Diese Idee hat der Hanser Verlag mit dem Format Hanser Early Reading und dem thematisch passenden Titel „Der Agile Coach“ von Axel Schröder umgesetzt (buchreport.de berichtete). Kurz vor Erscheinen des Buchs zieht Lektor Volker Herzberg im Prozesschannel von buchreport.de eine Zwischenbilanz, stellvertretend für das Early-Reading-Team aus Direktmarketing-Managerin Yvonne Hacker, Fachbuch-Vertriebsleiter Matthias Scharm und Hersteller Jörg Strohbach und Herzberg. 

Warum Early Access Publishing?

Mit diesem Angebot bekommt der Kunde nach Erwerb des Titels noch während des Schreibprozesses elektronischen Zugang zum Buch. Hanser sieht es als Innovation in der Kommunikation von Autor und Leserschaft. Buchprojekte, die mitunter mehrere Jahre dauern, können über dieses Format Schritt für Schritt und zeitnah an den Leser gebracht werden. Aktualitätssensible Inhalte sind nicht schon bei Erscheinen wieder veraltet, wie es bei mehrjährigen Buchprojekten unter Umständen der Fall sein kann.

Der Leser ist live bei der Buchentstehung dabei und hat die Möglichkeit, durch Vorschläge und Hinweise indirekt am Buch mitzuwirken: Der Leser kann den Inhalt kommentieren, mit den Autoren und anderen Lesern offene Fragen interaktiv erörtern und diskutieren, Wünsche äußern und eigene Ideen beisteuern. Das Leserfeedback in der Kommentarfunktion gibt den Autoren wichtige Rückmeldung und Zielgruppenimpulse und hilft somit das Buch zu verbessern.

Was hat Sie dazu inspiriert?

Der Autor und die im Verlag begonnenen agilen Arbeitsweisen. Außerdem besteht seitens des Verlages der Wunsch, seine Zielgruppen besser kennenzulernen und daraus Verbesserungspotenziale und neue Produktideen abzuleiten. Der Buchkäufer ist ja in der Regel eine wenig bekannte Person.

Ist Hanser Early Reading eingebettet in die Verlagsstrategie, und wenn ja, wie?

Der Hanser Verlag plant eine weitere Digitalisierung der Produkte innerhalb eines zielgruppengerechten Angebots. Dazu sind Informationen über die Zielgruppe, über die Leser unerlässlich. Early Access Publishing ist eine direkte Möglichkeit, Feedback vom Leser zu erhalten, um solche Angebote stetig zu verbessern.

Der Channel Produktion & Prozesse

Weitere Lösungen, Impulse und Erfahrungsberichte für die Verlagsproduktion lesen Sie im Channel Produktion & Prozesse von buchreport und Channel-Partner Publisher Consultants. Hier mehr… 

Welche Erfahrungen haben Autor und die verschiedenen Verlagsabteilungen im Zuge der Buchentstehung gemacht?

Der Autor hat die Initiative zu diesem Projekt ergriffen. Für den Autor bedeutet es Mehraufwand, weil er neben dem Schreiben und der Betreuung von Co-Autoren auch noch mit dem strikteren Projektmanagement konfrontiert ist. Es gibt nicht nur einen Abgabetermin, sondern viele Abgabetermine.  Das muss vom Autor ausreichend berücksichtigt werden. Hier gibt es eine Lernkurve.

Im Lektorat ist ebenfalls eine andere Arbeitsweise nötig, da man eingehende Inhalte ad hoc bearbeiten muss. Planungs- und Organisationsaufwand für eine regelmäßige Belieferung der Plattform mit Content und die Absprache mit dem technischen Support kommen zur klassischen Buchprojektbetreuung hinzu.

Im Vertrieb und Marketing müssen technische Anbindung von Bezahldienstleistern und DSGVO-Konformität geklärt bzw. hergestellt werden. Außerdem muss die neue Produktform genau definiert werden, auch in Hinsicht auf die Buchpreisbindung. Es entsteht Erklärungsaufwand zur neuen Angebotsform für alle Beteiligten der Lieferkette. Die Marketingmaßnahmen liefen analog zu anderen Maßnahmen des Verlages, müssen aber noch produkt- und medienspezifischer ausgebaut werden, wenn man wirklich langfristig erfolgreich sein will.

Die Aufgaben der Technik bestehen in der Erstellung eines Prototyps, in der Auswahl der geeigneten Software – weder ist eine Standardsoftware vorhanden noch sind die Prozesse über Verlagssysteme abbildbar – und in der Aufbereitung der Inhalte in Handarbeit, da es beim Prototyp noch keine automatisierten Prozesse gibt. Es entsteht ein hoher zeitlicher und personeller Zusatzaufwand, der bei Folgeprojekten auf jeden Fall minimiert werden müsste.

Das Hanser-Early-Reading-Team

Das Hanser-Early-Reading-Team

Was ändert sich rechtlich, wenn die Leser quasi am Buch mitdenken?

Es werden keine Inhalte von Lesern direkt übernommen. Deshalb entstehen keine rechtlichen Probleme mit dem Copyright etc. Übernommen werden ggf. Anregungen und Ideen, aber das hat keine rechtliche Relevanz. Letztlich wird jeder Content immer vom Autor generiert.

Ist eine Community entstanden?

Leider nein. Dafür reicht ein Pilotprojekt einfach nicht aus. Denkbar ist so etwas, wenn man in bestimmten Themenbereichen verstärkt Early Publishing macht. Dann sammelt sich über eine gewisse Zeit eine Stammleserschaft, die vielleicht das Bedürfnis hat, sich auszutauschen. Bei Einzelprojekten ist das sehr unwahrscheinlich. Hier sind Kontinuität und Durchhaltevermögen gefragt.

In Ihrer Werbung für das Buch nehmen Sie keinen erkennbaren Bezug auf Early Reading. Wie ist das Programm in Ihr Marketing integriert?

Werbung läuft online über die Hanser Website, verschiedene Hanser-Portale und Mailings. Eine Verschränkung mit Werbung für das Buch wäre auf jeden Fall wünschenswert und notwendig. Das funktioniert aber nur, wenn Early Publishing keinen Sonderstatus hat. Es sollte eine digitale Angebotsform von vielen sein, die innerhalb eines Marketing-Gesamtkonzepts adäquat und vernetzt beworben wird.

Sind Sie insgesamt zufrieden mit dem ersten Early-Reading-Projekt?

Im Rahmen der agilen Arbeitsweise im Verlag haben wir das Projekt erfolgreich abgeschlossen. Die Resonanz aus dem Markt hätte besser sein können, das ist aber immer relativ zu den Marketingaktivitäten zu bewerten. Hier fehlen uns noch die Erfahrungen. Die Resonanz aus der Fachpresse und der Branche war gut. Early Publishing wird in dieser Form mit dem „handgemachten“ Prototypen nicht weitergeführt. Early Publishing ist aber denkbar im Rahmen eines standardisierten Online-Angebotes, bei dem die Kunden dringend gefragte Inhalte frühzeitig abrufen können.

Die frühe und schnelle Veröffentlichung von Inhalten ist weiterhin ein wichtiges Ziel des Verlages. Das ist zum Beispiel für Compliance-Themen, also dort, wo es um die Einhaltung von Regeln geht, sehr attraktiv. Hier werden wir verschiedene digitale Angebotsformen ausprobieren.

Wie viele Titel sollen in diesem Format künftig entstehen?

Das ist noch nicht absehbar. Zunächst geht es darum herauszufinden, welche Themen in erster Linie interessant wären. Aus unserer Sicht werden das eher Need-to-have- und Compliance-Titel sein als zum Beispiel sachbuchartige Softskill-Titel.

Und natürlich das, was sonst noch relevant erscheint. Aus dem Test konnten wir noch keine Erkenntnisse ableiten, ob die Kommentarfunktion und die Möglichkeit, dass der Leser mitwirkt, wirklich wichtig sind und geschätzt werden oder nicht. Denkbar wäre auch eine Early-Reading-Variante ohne Kommentarfunkton. Das würde den Verwaltungsaufwand für Verlag und Autor wiederum erheblich reduzieren.

Der Agile Coach. Der Menschen-größer-Macher. Praxishandbuch.

Herausgegeben von Axel Schröder.

220 Seiten, durchgehend vierfarbig. Fester Einband. Erscheinungstermin Februar 2020.

Buch mit E-Book (PDF) inside: EUR 49,99

E-Book (PDF): EUR 39,99

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