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10 Lehren aus der Open-Access-Arbeit

Philipp Hess ist beim Open-Access-Dienstleister Knowledge Unlatched für Publisher Relations verantwortlich. (Foto: privat)

2020 markierte einen Meilenstein im Open-Access-Publishing: Erstmals erschienen mehr wissenschaftliche Artikel im OA als im Bezahlmodell. Die Pandemie wirkte als Beschleuniger, zeigte gleichzeitig aber auch strukturelle Grenzen auf.

Am Beispiel des OA-Dienstleisters Knowledge Unlatched (KU) beschreibt dessen Verlags-Manager Philipp Hess im Channel Produktion & Prozesse von buchreport.de, was das Unternehmen aus 10 Jahren Open Access mit Verlagen und Bibliotheken gelernt hat, und versucht eine Standortbestimmung der gesamten Bewegung.

 

Open Access (OA) wird seit Jahren als Zukunft des wissenschaftlichen Publizierens gesehen, die Zahl „offen“ verlegter Zeitschriftenartikel überstieg 2020 jene im Bezahlmodell. Zeit, eine auf Beobachtungen und Zahlen von Knowledge Unlatched (KU) basierte Zwischenbilanz zu ziehen. KU verfolgt dabei einen kollaborativen Ansatz von Verlagen und Bibliotheken, um Open Access für Bücher und Zeitschriften in größerem Stil zu finanzieren.

1. Gemeinschaftliches Handeln funktioniert

Nach den klassischen Schulen der Betriebswirtschaftslehre ist es keineswegs selbstverständlich, dass gemeinschaftliches Handeln von Akteuren auf der ganzen Welt funktionieren kann. Natürlich gibt es verschiedene Koordinationsprobleme, allerdings hat sich gezeigt, dass über 630 Bibliotheken und mehr als 100 Verlage weltweit ein stabiles Ökosystem schaffen können, das die Finanzierung von bisher rund 2300 Open-Access-Büchern und 50 Zeitschriften ermöglicht hat. Die kollektive Finanzierung über die vergangenen 9 Jahre beläuft sich auf etwa 13 Mio Euro.

2. Open Access ist mehrsprachig

Das Modell von KU startete als Initiative für englischsprachige Monografien. Inzwischen wurde es auf deutsch-, spanisch- und französischsprachige Inhalte ausgeweitet, die Bibliotheken so finanziert haben. Anfänglich bestanden Bedenken, dass die weitaus geringere Zahl der Bibliotheken, die sich für nicht-englische Inhalte interessiert, nicht ausreichen würde, um die notwendigen Mittel für Bücher in anderen Sprachen aufzubringen. Es hat sich aber gezeigt, dass das möglich ist: Mit Angeboten wie dem politikwissenschaftlichen Programm des Bielefelder Verlags Transcript, dem erziehungswissenschaftlichen Programm von Wbv Media oder mit der Initiative OpenEdition in Frankreich wurden nicht-englischsprachige Modelle gestartet.

3. Fortschreitende Spezialisierung

Gleichzeitig zeigt das Beispiel unseres ursprünglichen, heute KU Select genannten Modells, dass auch Modelle mit breiterem thematischem Inhalt einem Wandel unterliegen und sich weiter spezialisieren. So wurde bereits im vergangenen Jahr die Titelauswahl thematisch gestrafft und auf Disziplinen mit hoher Nutzung konzentriert – eine Entscheidung, die von den Bibliothekaren begrüßt wurde. Diese Spezialisierung soll auch dazu beitragen, dass die Bibliotheken ihre Mittelverwendung beim Bestandsaufbau leichter umstellen können.

Sowohl auf der Angebots- als auch auf der Nachfrageseite gab es in mehreren Pledging-Runden einen hohen Anteil an wiederkehrenden Teilnehmern. Das finanzielle Engagement von Bibliotheken ist heute ebenso vom individuellen Profil der Institution getrieben wie der traditionelle Erwerb von Bezahlinhalten.

4. Zunehmende Quantifizierung des Open Access

Angesichts des stark wachsenden Angebots an Open-Access-Initiativen und -Produkten ist zu beobachten, dass Bibliotheken deutlich stärker als in den Anfängen daran interessiert sind, die Effekte ihrer Arbeit messbar zu machen. Während die Unterstützung einiger Initiativen zunächst durch ein hohes Maß an Idealismus und politischem Wohlwollen motiviert war, entwickelt sich institutionell gefördertes Open Access zunehmend zu einer Erwerbungsform, die sich im Wettbewerb mit anderen Modellen behaupten muss.

Dies stellt einige Open-Access-Anbieter vor Herausforderungen. Insbesondere gilt dies bei einem Zugangsmodell, bei dem die dezentrale Speicherung und Nutzung von Inhalten integraler Bestandteil ist. Es liegt auf der Hand, dass Nutzer*innen solcher Open-Access-Modelle nicht mehr zwangsläufig ihren institutionellen (und damit leicht messbaren) Zugang nutzen. Der Wert klassischer Nutzungsnachweise im IP-Bereich einer Institution sinkt daher erheblich – gerade im vergangenen Jahr, in dem pandemiebedingt fast niemand überhaupt den Lesesaal einer Bibliothek nutzen konnte.

Wir beobachten, dass Bibliotheken – wie auch Verlage – ihre Entscheidungen bezüglich der Unterstützung von Open Access immer öfter auf Basis von Nutzungs- und Zitationsstatistiken treffen. Mit dem Portal KU Open Analytics gibt es nun eine Lösung, die die Nutzung von fast zwei Dutzend Plattformen konsolidiert und Einblicke in die Nutzung von Open Content liefern kann. Die Daten können auch die standortbezogene Nutzung außerhalb des institutionellen IP-Bereichs umfassen.

5. Zentrale, verlässliche Strukturen gewinnen an Bedeutung

Die dezentralen Strukturen, die Open Access prägen, stoßen zunehmend an ihre Grenzen, wie das obige Beispiel der Nutzungserfassung zeigt. Angesichts der wachsenden Menge offen zugänglicher Inhalte und angesichts der Orte, an denen diese sich „verstecken“, gerät diese Dezentralität zunehmend unter Druck. Die massive Unterstützung der Verlage beim Aufbau der Open Research Library (www.openresearchlibrary.org) und die sehr gute Annahme durch Wissenschaftler*innen beweisen, dass offene Strukturen, die ein Mindestmaß an Standards aufweisen, von wachsender Bedeutung sind.

 

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6. Timing ist zentral

KU hat in den vergangenen Jahren mehrere Versuche unternommen, den optimalen Zeitpunkt für den Start von Angebotsrunden zu ermitteln – und das in einem globalen Kontext, in dem Haushaltsjahre und Erwerbungspraktiken stark variieren. Es überrascht nicht, dass der optimale Zeitpunkt in das traditionelle Bestellverhalten von Bibliotheken weltweit passt. Versuche von Verlagen, Produkte zu einem späteren oder früheren Zeitpunkt auf den Markt zu bringen, waren bisher selten erfolgreich. Es erscheint daher ratsam, neue Produkte im zweiten Quartal des Kalenderjahres auf den Markt zu bringen, um die Finanzierung in den beiden folgenden Quartalen zu sichern.

7. Rolle des Handels offen

Seit 2016 arbeitet KU mit Händlern zusammen, und die Zahl der Partner ist mittlerweile zweistellig und wächst. Während man davon ausgehen könnte, dass solche Partner in der Regel sehr wichtige Vermittler in der institutionellen OA sind, sind die Erfahrungen bisher gemischt. Einige Reseller, vor allem im deutschsprachigen Raum, haben sich aufgrund ihrer Kundenkenntnis und ihres Vertriebs-Know-hows als sehr erfolgreiche Partner erwiesen, andere wiederum stehen effizienten Prozessen eher entgegen. Die Abhängigkeit der Bibliotheken von einzelnen Wiederverkäufern ist oft hoch, das institutionelle Wissen des Buchhandels über Open Access bleibt jedoch begrenzt.

8. Finanzielle Unterstützung ist zunehmend verlässlich

Gerade im Jahr 2020, einem Jahr wachsender finanzieller Instabilität für Bibliotheken in einigen Teilen der Welt, hat sich gezeigt, dass die Ausgaben für Open Access steigen, während die Geschäftsmodelle mit „geschlossenen“ Inhalten deutlich unter Druck geraten sind.

Bibliothekar*innen scheinen den Worten zunehmend Taten folgen zu lassen, und das sowohl bei etablierten Modellen wie auch bei neuen, wie etwa Subscribe to Open.

9. Zeitschriften und Bücher funktionieren grundlegend unterschiedlich

Die Hoffnung vieler, Open Access könne ein Ende des „Schismas“ zwischen wissenschaftlichen Zeitschriften und Büchern bringen, hat sich nicht bewahrheitet. Ursache dafür sind die nach wie vor grundsätzlich unterschiedlichen Finanzierungsbedingungen – und das deutlich stärker als die oft zitierten Verschiedenheiten in den Publikationsgepflogenheiten. Trotz dieser Unterschiede: Es muss heute kein Buch und keine Zeitschrift mehr mangels Veröffentlichungs- oder Fördermöglichkeiten hinter einer Paywall erscheinen.

10. Krisen beschleunigen Veränderung

2020 war in vielen Verlagen eine deutliche Beschleunigung von Innovationen im Bereich Open Science zu beobachten. Dabei wirkt die Corona-Krise primär als Katalysator, der dem ohnehin bestehenden öffentlichen Druck zu offeneren Zugangsmodellen Nachdruck verleiht. Eine größere Zahl an Verlagen verfolgt heute eine Umstellung ihres Geschäftsmodells auf Open Access innerhalb eines Zeitraums von drei bis fünf Jahren. Dafür wird es massive Investments und ein hohes Maß an Kreativität und Veränderungsfähigkeit brauchen.

Ausblick

Open Access ist das dominante Geschäftsmodell von Wissenschaftsverlagen geworden, zwar (noch) nicht hinsichtlich der Umsatz- und Erlösgenerierung, wohl aber mit Blick auf die Zukunftsinvestitionen von Bibliotheken und Verlagen. Es wird massiver Anstrengungen bedürfen, das erforderliche Tempo beim Umbau zu erreichen, und die wirtschaftlichen Risiken dürften dabei steigen. Nun können jene ruhiger schlafen, die früh innoviert und nicht durch Gewinnmitnahmen die Kapitalmärkte beeindruckt haben. Das Zeitfenster, auf den fahrenden Open-Access-Zug aufzuspringen und so seine Wettbewerbssituation zu verbessern, schließt sich jetzt schnell.

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