Missbrauchen die Wissenschaftsbibliotheken ihre Marktmacht?

Bereits im Januar hatte buchreport über die beim Bundeskartellamt eingegangene Beschwerde des Börsenvereins gegen den bundesweiten Gemeinschaftseinkauf von Zeitschriften-Lizenzen berichtet. Jetzt kommuniziert der Verband auch ganz offiziell seine Bedenken.

Worum es geht: Unter dem Projektnamen „Deal“ haben sich alle relevanten deutschen Wissenschaftsinstitutionen zusammengetan, um eine horizontale Einkaufskooperation zu bilden. Statt individueller Abonnementverträge sollen bundesweite Lizenzverträge abgeschlossen werden. Die Allianz der Wissenschaftsorganisationen will ihre gebündelte Einkaufsmacht nutzen, um erstmals bundesweite Lizenzverträge über das elektronische Zeitschriftenportfolio von Wissenschaftsverlagen abzuschließen.

Das Ziel von „Deal“: Die Bibliotheken der Hochschulen und wissenschaftlichen Institutionen wollen niedrigere Lizenzpreise zahlen und zugleich bei den Verlagen modifizierte Geschäftsmodelle u.a. mit einer verbindlichen Open-Access-Komponente durchsetzen.

Die Verhandlungspartner: Für die Allianz der Wissenschaftsorganisationen führt die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) derzeit die Verhandlung mit den internationalen Wissenschaftsriesen Elsevier, Springer Nature und Wiley.

Die Druckmittel: Viele Bibliotheken haben zum Jahreswechsel 2016/17 ihre Abonnements der E-Journals von Elsevier gekündigt, andere dies für den nächsten Termin angekündigt. Mit Elsevier wird bereits seit vergangenem Sommer verhandelt, bisher noch ohne konkretes Ergebnis.

Was der Börsenverein moniert: Nach Ansicht des Verbands missbraucht die Allianz der Deutschen Wissenschaftsorganisationen mit dem Vorhaben ihre Marktmacht beim Bezug elektronischer Wissenschaftszeitschriften.

„Hunderte Verlage ausgeschlossen“

Dabei hebt der Börsenverein darauf ab, dass derzeit nur mit den drei größten Verlage verhandelt wird: „Hunderte deutscher Wissenschaftsverlage und Fachinformationslieferanten schließt die Allianz der Deutschen Wissenschaftsorganisationen dabei aus.“

Die „Deal“-Verhandler haben zwar erklärt, die Verhandlungen mit den großen Verlagen sollten das Muster für Vereinbarungen mit weiteren Verlagen sein, aber die Verbindung aus Zeitschriften-Abonnements und Open-Access-Verpflichtung könnte die Position der marktführenden Verlage weiter ausbauen. Darauf zielt die Argumentation des Börsenvereins:

  • „Kleine Wissenschaftsverlage, die die große Mehrheit in Deutschland ausmachen, bleiben bei den Verhandlungen außen vor.“
  • „Mangels nennenswerter Absatzalternativen verschlechtern sich ihre Marktchancen drastisch.“
  • „Ihre Open-Access-Projekte sind nicht mehr wettbewerbsfähig, wenn Wissenschaftler unter Druck geraten, möglichst dort zu publizieren, wo die Trägereinrichtungen bereits für die Open-Access-Veröffentlichungen bezahlt haben.“

Die Auswahlkriterien und Lizenzbedingungen für den von der Allianz angestoßenen Bezugsprozess seine dabei „vollkommen intransparent“.

Kritisiert wird auch, dass Buchhandel und Fachinformationsdienstleister bei den jetzt angestrebten Nationallizenzen mit den Wissenschaftsverlagen „weitgehend aus dem Handel mit deutschen Wissenschaftseinrichtungen verdrängt“ würden.

Kommentare

1 Kommentar zu "Missbrauchen die Wissenschaftsbibliotheken ihre Marktmacht?"

  1. Man könnte auch so argumentieren, wie es etliche internationale Bibliotheken gegenüber den Big Three tun: Wir kündigen das Abo, weil unsere Leute ohnehin ihre Zeitschriften bei russischen Piraten holen.

    – Ich weiß es von Verlagsvertrieblern, aber auch die Nutzerzahlen bei Sci-Hub (größte Wissenschaftsseite der Welt, und aktuell in Russland noch nicht einmal so richtig illegal) sprechen eindeutig. SpringerLink oder Sciencedirect haben die längst überholt.

    Blöd halt, dass bei dieser Gelegenheit auch die Bibliotheken überflüssig werden.

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