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Gestaltete Vorschauen – (fast) ohne manuelle Grafik

Die klassische Verlagsvorschau behauptet sich neben der Digitalversion. Der Satz- und Gestaltungsaufwand kann aber digital reduziert werden.

Die Einführung digitaler Vorschauen hat klassische Programm-Informationen nicht überflüssig gemacht: Zwar forcieren Filialisten ihren Einkauf über VLB-Tix, aber Buchhändler vor Ort bevorzugen weiterhin die gedruckte Vorschau, sei es aus gewohntem Arbeitsablauf oder aus Kritik an den Tix-Funktionen und wegen bisher nicht erhörter Verbesserungsvorschläge. Im Ergebnis bedeutet das: Es werden weiterhin auf Wunsch von Marketing und Vertrieb in den Verlagen entsprechende Vorschauen erstellt, während die Controller eigentlich Einsparungen beim hohen Aufwand erhofft hatten.

Getrieben von Zeit- und Kostendruck, kommt so die Option ins Spiel, Satz und Gestaltung zu automatisieren. Als Datenquellen für eine Automatisierung von Novitätenkatalogen bieten sich die Produkt- und Marketingdatenstämme der Verlagssoftwares an. Das Prinzip in Kurzform: Alle Inhaltselemente werden über konfigurierbare Layoutregeln in die Druckvorstufe überführt. Der Zwischenschritt über ein Layoutprogramm entfällt.

 

Produktion aus der Verlagssoftware

Automatisierte Vorschau: Die Herder-Verlagsleiter Philipp Lindinger (o.) und Simon Biallowons haben positive Erfahrungen mit Vorschauen gesammelt, die nicht individuell durchgestaltet sind. (Fotos: privat; Herder)

Der Herder Verlag generiert jedenfalls seit Frühjahr 2019 seine 8 Kataloge, in diesem Herbst zusammen fast 300 Seiten, aus der Verlagssoftware. Herder ist darin Pilotkunde von Pondus, dessen Verlagssoftware er seit 2012 einsetzt und an dem er seitdem auch als Minderheitsgesellschafter beteiligt ist. In diesem Jahr hat Pondus mit Piper einen weiteren großen Publikumsverlag als Kunden gemeldet, der den Schritt zur automatisierten Produktion von gedruckten Verkaufsunterlagen nutzt. Auch Edel und Aufbau arbeiten an dem Thema.

Es gibt vermutlich kaum einen Verlag, in dem die bevorstehende Katalogproduktion Begeisterungsstürme hervorruft. Dennoch gab es auch bei Herder vernehmliches „Bauchgrummeln“ bei der Vorstellung, die „Visitenkarte“ des Marketings einer automatisierten Produktion aus Datenbank-­Inhalten und Layoutregeln zu überlassen. Vor allem dort, wo mehr über Bilder und weniger über Daten kommuniziert wird – beim Geschenk- und Kinderbuch –, waren Vorbehalte zu diskutieren, wie die im September in die Herder-Geschäftsleitung beförderten Philipp Lindinger (Marketing & Vertrieb) und Simon Biallowons (Programm) verraten. Eine Kinderbuch-Vorschau sei eben kein Bahnticket, das einfach nur lesbare Informationen enthalten muss.

Aber von visuellen Effekten weniger abhängige Abteilungen wie die meisten Lektorate erkannten schnell die Potenziale der Automatisierung – zuallererst war das die dramatisch verkürzte Produktionszeit in Redaktion und Vorstufe. Diese liegt nach Schätzungen von Experten bei nahezu einem Monat. Um diesen Zeitraum später als bei der konventionellen DTP-gestützten Produktion zu nutzen, muss für die automatisierte Herstellung einer Novitätenvorschau das redaktionelle Material vorliegen, vor allem:

  • Bibliografische Daten, darunter Erscheinungstermine und Umfänge, die in dieser kritischen Phase der Programmentstehung manchmal im Wochenrhythmus schwanken, da einige Autoren und Redakteure noch mit Hochdruck an ihren Manuskripten sitzen
  • Beschreibende Texte, oft genug Zankapfel zwischen den verschiedenen StakeholderGruppen, von der Achse Autor–Lektor bis zum Lizenzverkauf
  • Cover, deren Entwürfe in vielen Häusern auf den Rechnern externer Dienstleister entstehen und die intern komplexe Freigabeprozesse über sich ergehen lassen müssen
  • Innenbilder, die aus mitten in der Entstehung begriffenen Produktionen ausgekoppelt und nicht nur inhaltlich und marketingtechnisch, sondern auch mit Blick auf Urheberrechte geprüft werden müssen
  • Marketing-Assets wie Sticker und Störer zur Beschreibung von Werbe- und Vertriebsaktionen oder von Autorenauftritten in den Medien, an denen die zuständigen Abteilungen bis zum letzten Moment kreativ und kalkulatorisch feinschleifen

All diese Daten können bei einer automatisierten Produktion völlig unabhängig voneinander produziert, qualitätsgesichert und im Verlagssystem abgelegt werden. Das Aufgabenmanagement der Verlagssoftware unterstützt gemäß vordefinierten Abläufen die verantwortlichen Fachkräfte mit Terminen und Erinnerungen.

Für Verlage wie Herder, die immer auch wieder mit Schnellschüssen aufwarten, ist es ein gewichtiger Wettbewerbsvorteil, wenn der Zeitgewinn bei der Katalogproduktion es erlaubt, Eiltitel in die Vorschau noch aufzunehmen – ein Argument, das auch Vorschau-Traditionalisten überzeugen kann.

 

Automatik mit kleinen »Ausbrüchen«

Jedem Titel in der Verlagssoftware kann das Produktionsteam je nach Art des zu erzeugenden Kataloges verschiedene Ansichten zuweisen – vom schmucklosen zweizeiligen Texteintrag bis zur reichhaltigen Präsentation über ganze Seiten mit „Appetizern“ aus dem Inhalt. Gleichzeitig kann die Produktion katalogbezogene Stile wie Farbfonds, Satzspiegel und andere zuweisen. Während an Gestaltung und Umbruch noch geschraubt wird, können die Fachabteilungen derweil letzte inhaltliche Detailkorrekturen einspeisen. Diese stehen anschließend in jedem Werbeobjekt zur Verfügung, in dem ein Titel von nun an verplant wird.

Ein Klick auf den Startknopf der Rendering-Engine im letztmöglichen Augenblick kann schließlich einen gestalterisch CD-konformen und redaktionell hochaktuellen Katalogumbruch auslösen. Diese Automatisierung muss aber nicht auf die Spitze getrieben werden: Ausbrüche sind möglich, für die zum Beispiel klassisch mit DTP gestaltete PDFs an die Stelle von Platzhalterseiten treten. So können individuelle, von den Standardregeln abweichende Layouts trotzdem realisiert werden. Es liegt auf der Hand, dass diese Vorgehensweise ohne die erwähnten Zeit- und Prozessvorteile auskommen muss. Aber solche Präsentationen sind beherrschbare Ausnahmen, während klassischerweise eine gesamte Vorschau aus derartigen „Ausnahmen“ bestehen kann.

Endprodukte des Knopfdrucks sind zwei PDFs – ein Screen-PDF, das die Rendering-Engine des Pondus-Schwesterunternehmens Publishing One automatisch in einen Online-Blätterkatalog verwandelt, und ein übliches Print-PDF mit Beschnittzugaben, das der Drucker erhält. Beide Versionen frieren einen definierten Redaktionsstand ein. Das System erlaubt theoretisch beliebig wiederholte Produktionen auf jeweils aktuellem Datenstand, für den unkompliziert auszutauschenden Online-Blätterkatalog oder für nachgelagerte Verwertungsstufen wie Lizenzhandel oder für programm- oder kundensegmentbezogene Verkaufsaktionen.

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Der digitale Blätterkatalog, der nach Einschätzung der Herder-Geschäftsleiter Biallowons und Lindinger die gedruckte Vorschau auf Sicht ablösen dürfte, liegt in einem frei zugänglichen Webverzeichnis bereit. Dafür muss nur der Link verteilt werden statt PDFs, deren Größe geeignet ist, einzelnen Mailclients „Verdauungsbeschwerden“ zu verursachen.

Die Konkurrenz des Blätterkatalogs als digitale, beliebig oft verfügbare Information erlaubt es, die Auflage des gedruckten Katalogs zu reduzieren, damit deutlich Material einzusparen und auch Nachhaltigkeitszielen näher zu kommen.

Einen anderen, gar nicht erwarteten, aber sehr erwünschten Teamgeist-Nebeneffekt des automatisierten Prozesses haben die Herder-Verlagsleiter beobachtet: Durch die Kürze des Prozesses, das Aufgabenmanagement der Verlagssoftware und die hohe Integration aller beitragenden Abteilungen steige das Gefühl der Mitverantwortung am Produkt.

Beim Versand der fertigen digitalen und auf Papier produzierten Novitäten-Kataloge kommt schließlich noch einmal die Verlagssoftware mit den dort abgelegten und kategorisierten Adressen ins Spiel.

Michael Lemster  lemster@buchreport.de

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