Natürliche Autorität ist erlernbar

Matthias Nöllke. Foto: Uli Regenscheid.

Matthias Nöllke, promovierter Literaturwissenschaftler und ausgebildeter Journalist, ist vielfacher Buchautor, Keynote Speaker und Management-Coach mit Wohnsitz in München. Management-Bionik ist eines seiner Spezialgebiete. Foto: Uli Regenscheid.

Ohne Führung keine zielgerichtete Entwicklung. Ohne Autorität keine Führung. Aber warum hat in einem Team nicht unbedingt der die Autorität, der auf dem Treppchen ganz oben steht? Und warum tun sich viele Führungskräfte so schwer mit der Autorität über ihr Team? Der Blick in die Natur zeigt: Natürliche Autorität hat mit der Hierarchie wenig zu tun. Die gute Nachricht: Sie ist erlernbar.

In allen sozial lebenden Tierarten nämlich handeln die Gruppenmitglieder ihren Status miteinander aus. Beim Menschen sind handgreifliche Rangkämpfe tabu. Die Methoden, wie man Autorität demonstriert, sind subtiler. Und man muss und kann sie beherrschen, wenn man eine Gruppe führen möchte. Dies zeigt Management-Vordenker Matthias Nöllke im HR-Channel von buchreport.de.

Es gibt Führungskräfte, die verfügen über hohe Intelligenz, sie sind fachlich kompetent, vielleicht sogar sympathisch. Sie können sich gut in andere einfühlen, und doch fehlt ihnen eine entscheidende Fähigkeit: die natürliche Autorität. Die können sie für ihre Aufgabe aber gut gebrauchen. Denn ohne natürliche Autorität ist Führung sehr viel mühsamer. Früher oder später stößt man auf Widerstand. Die Anderen sind nicht bereit, so jemandem ganz selbstverständlich zu folgen. Es gibt Einwände, Bedenken, manche setzen sich über die Vorgaben auch einfach hinweg. Dann stellt sich die Frage: Wie reagieren? Diskussion beenden? Drohen, Druck aufbauen, Strafen verhängen? Nützt alles nichts. Oder nur kurzfristig. Denn es ändert nichts daran: Ohne natürliche Autorität wird man immer wieder solche Probleme bekommen.

Doch was ist natürliche Autorität überhaupt? Und wie entsteht sie? Werfen wir einen Blick ins Tierreich, so bekommen wir den ein oder anderen Anhaltspunkt. Soziale Tiere leben in mehr oder weniger festgefügten Hierarchien. Dabei müssen sie ihren Status erst einmal klären. Dies ist noch wichtiger, als einen möglichst hohen Rang einzunehmen. Man möchte wissen, wo man steht. Unklarheiten sind belastend. Das gilt eben auch für menschliche Teams. Dabei ist nicht die offizielle Hierarchie maßgeblich, sondern wie sich die einzelnen Gruppenmitglieder aufeinander einstellen.

Ganz automatisch, ohne dass es uns bewusst wird, handeln wir aus, wer das Sagen hat. In einer Gruppe können Sie den höchsten Status haben, auch wenn Sie offiziell nur einfaches Mitglied sind. Verfügen Sie über die stärkste natürliche Autorität, wird sich auch der Teamleiter nicht über Ihren Willen hinwegsetzen.

Gleich am Anfang die Machtverhältnisse klären

Treten Sie neu in eine Gruppe ein, müssen Sie erst einmal in Ihrem Status verortet werden. Dies ist nicht anders als bei unseren haarigen Vettern. An Ihrem Auftreten entscheidet es sich, wie Sie eingeordnet werden. Sollen Sie die Führung übernehmen, kommt es darauf an, dass Sie von Anfang an natürliche Autorität ausstrahlen. Das bedeutet nicht unbedingt, dass Sie den andern vorschreiben müssen, was sie zu tun haben. Selbstverständlich können Sie die anderen um Rat fragen, abwarten und sich erst einmal ein Bild machen. Entscheidend ist, dass Sie gegenüber den andern nicht ins Hintertreffen geraten, sich ihnen nicht unterordnen und sich nicht überspielen lassen. Später ist so etwas nämlich nur mühsam wieder aufzuholen.

Ein besonderer Fall liegt vor, wenn Sie vorher einfaches Gruppenmitglied gewesen sind und nun die Führung übernehmen sollen. Dies gelingt nur dann, wenn Sie Ihr Verhalten ändern und ganz bewusst die Führungsrolle annehmen. Das hat Auswirkungen auf Ihre Körpersprache, Ihre Stimme und Ihr Auftreten. So eine Umstellung kann durchaus gelingen. Denn mit der Übernahme der Führungsrolle tritt eine neue Situation ein. Das müssen Sie aber durch Ihr Verhalten deutlich markieren. Verhält sich jemand Ihnen gegenüber wie in den „alten Zeiten“, dürfen Sie das nicht durchgehen lassen.

Auftreten und Ausstrahlung

Tiere können ihren Status nicht durch Sprache zum Ausdruck bringen. Alles zeigt sich daher in ihrer Körperhaltung und der Art, wie sie sich bewegen.

Diese Signale werden unmittelbar verstanden. Die Artgenossen passen ihr eigenes Verhalten entsprechend an. Bei uns Menschen läuft das gar nicht so anders ab. Auch wir sind ja soziale Tiere und reagieren im Prinzip genauso, wenn jemand dominiert oder signalisiert, dass er sich uns unterordnet. Auch dagegen ist schwer anzukommen: Wenn Sie feststellen, dass Ihr Vorgesetzter Ihren Blicken ausweicht, können Sie fast gar nicht anders, als sich ihm überlegen zu fühlen. Das ist eine fast schon körperliche Reaktion.

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Natürliche Autorität erlangen Sie daher nur, wenn Sie den andern gegenüber entsprechend auftreten. Das heißt in erster Linie, dass Sie Stärke und Sicherheit ausstrahlen, auch Selbstsicherheit. Sie bewegen sich bedächtig, auf keinen Fall hastig. Den andern begegnen Sie offen und freundlich, auf keinen Fall feindselig. Das hindert Sie nicht daran, umgehend zu reagieren, wenn Sie jemand nicht mit Respekt behandelt. Darauf müssen Sie bestehen, sonst geht Ihre natürliche Autorität verloren auch bei denen, die gar nicht direkt betroffen sind, sondern nur Zeuge werden.

Auch Kleinigkeiten können da zählen. Und doch zeichnet es Menschen mit natürlicher Autorität aus, dass sie manche Provokation schlicht an sich abprallen lassen. Sie entscheiden sich, solchen Manövern keine Beachtung zu schenken. Damit würden sie diese nur aufwerten. Sie schonen lieber ihre Kräfte für die Dinge, die wirklich wichtig sind.

Autorität wird von den andern verliehen

Ob und wie viel Autorität jemand besitzt, das hängt ganz wesentlich von den anderen ab. Autorität wird Ihnen zugestanden oder eben nicht. Sie wird vor allem unter drei Bedingungen zugestanden:

  • Klarheit: Den andern ist deutlich, wofür Sie stehen.

  • Kompetenz: Die andern trauen Ihnen das zu, was Sie vorhaben.

  • Gemeinsame Ziele: Sie möchten etwas erreichen, das im Sinne der anderen ist.

Daraus ergibt sich, was Ihre natürliche Autorität schwächt: Bleiben Sie schwammig, lassen Sie Zweifel erkennen oder wirkt es so, als würden Sie sich von anderen instrumentalisieren lassen? Offenbaren Sie Wissenslücken, reden Sie anderen nach dem Mund, vor allem aber: urteilen Sie schlecht? Schon Kleinigkeiten können Ihre Autorität untergraben. Doch Kompetenz und Klarheit nutzen Ihnen gar nichts, wenn Sie ein Ziel verfolgen, das die anderen nur am Rande interessiert oder sie womöglich beunruhigt.

Natürliche Autorität auf den Punkt gebracht bedeutet: Die anderen möchten sich von Ihnen führen lassen, weil sie darauf vertrauen, dass dies zu ihrem Guten geschieht.

Konflikte klären statt Kuschelkurs

Die Klarheit der natürlichen Autorität schließt mit ein, Konflikten nicht auszuweichen, sondern sie womöglich zu suchen, um sie dann zu lösen. Konflikte deuten auf Interessensunterschiede hin. Die müssen auf den Tisch. Nur so können sie geklärt werden. Dabei verträgt sich natürliche Autorität nicht mit einem Kuschelkurs. Sie sucht eher die Konfrontation, als ihr auszuweichen. Nicht um die anderen einzuschüchtern, sondern um die Positionen zu klären und für eine Lösung zu sorgen.

Die vermeintliche Kraft der Verwundbarkeit

Natürliche Autorität entfaltet sich am stärksten durch die Kraft der Persönlichkeit. Wir haben den Eindruck, unser Gegenüber ist ganz bei sich selbst und folgt nicht etwa einer Rolle. Eben darin liegt ja der Unterschied zu einer „nicht-natürlichen“ Autorität. Dieser beruht auf Vereinbarungen, Positionsmacht oder eben der Übernahme einer Führungsfunktion. Die natürliche Autorität stellt sich demgegenüber dadurch her, dass Sie sich nicht verstellen, sondern möglichst „natürlich“ und „authentisch“ sind. So eine weit verbreitete Auffassung. Demnach gewinnen Sie an natürlicher Autorität, wenn Sie Schwächen nicht verdecken, sondern zeigen. Von der Autorin Brene Brown stammt der Begriff von der „Kraft der Verwundbarkeit“. Wenn Sie sich „verwundbar“ zeigen, verbindet Sie das mit den andern. Es nimmt ihnen die Angst, Sie könnten Ihre Macht missbrauchen. Sie sind genauso verletzlich wie wir alle. Allerdings lohnt es sich, etwas genauer hinzuschauen, damit Sie sich nicht selbst ins Aus schießen.

Es ist schon richtig: Wer sich besonders hart und unverwundbar gibt, der tut dies häufig, um seine Defizite zu verdecken. Das ist schon im Tierreich so: Alphatiere, die geschwächt oder verwundet sind, drohen häufiger als ihre kraftstrotzenden Kollegen. Außerdem zahlt man für ständige Dominanz einen hohen Preis. Denn solche Demonstrationen von Stärke kosten sehr viel Energie. Auf die Dauer kann man sich diesen harten Charakterpanzer nicht leisten. Und es stimmt: Echte Souveränität zeigt sich vor allem dort, wo jemand freimütig seine Schwächen bekennt. Aber dies kann eben nur geschehen, solange die eigene Position nicht gefährdet ist.

Die eigenen Schwächen hervorzukehren ist sozusagen ein „Handicap-Signal“ (nachzulesen im Buchkapitel über die „drei Erfolgsprinzipien der Natur“): Man kann es sich nur dann leisten, wenn man völlig ungefährdet ist. Die „Kraft der Verwundbarkeit“ entfaltet sich nur, solange Sie nicht ernsthaft verletzt werden können. Sobald Sie es mit einem halbwegs gleichwertigen Konkurrenten zu tun haben, ziehen Sie augenblicklich den Kürzeren, wenn Sie erkennen lassen, wo Sie tatsächlich „verwundbar“ sind. Auch die Unterstützung Ihrer eigenen Leute bröckelt, sobald sie den Eindruck haben, dass Sie angeschlagen oder leicht zu verwunden sind. Wir folgen lieber jemandem, der Stärke ausstrahlt und nicht „Verwundbarkeit“.

Und schließlich schwächen Sie auch in Verhandlungen Ihre Position, wenn Sie zu erkennen geben, wo Sie verwundbar und auf die Gegenseite angewiesen sind. Es ist ein verhängnisvoller Irrtum anzunehmen, dass man Ihnen entgegenkommt, wenn man weiß, wie stark Sie den andern brauchen. Das Gegenteil ist der Fall. Der andere wird sich veranlasst sehen, den Preis für die Einigung stark nach oben zu setzen. Die Annahme, dass er Ihnen entgegenkommt, weil Sie ihm sympathisch sind und Sie ja ohnehin in einem Boot sitzen, ist sehr naiv. Es gehört zwar dazu, nach einer Einigung die gemeinsamen Interessen zu betonen, doch die entscheidende Frage ist, wer was bekommen hat und wer sich in strittigen Punkten durchsetzen konnte. Da kann es durchaus sein, dass die vermeintlich schwächere Seite unter dem Strich sehr viel mehr erreichen konnte. Doch nur wenn sie glaubhaft machen kann, dass sie auf eine Einigung nicht so stark angewiesen ist, sondern sehr gut darauf verzichten kann. Oder aber es stellt sich im Laufe der Verhandlungen heraus, dass die vermeintlichen Schwachpunkte und Verwundbarkeiten gar keine sind, sondern eher dazu dienten, den Verhandlungspartner in Sicherheit zu wiegen.

Mit freundlicher Genehmigung des Haufe Verlages.

Noellke,ManagementBIOnik. CoverMatthias Nöllke

ManagementBIOnik. Wie Tiere und Pflanzen Führungskräfte inspirieren können. Inklusive Arbeitshilfen online

277 Seiten broschiert. EUR 24,95

ISBN 978-3-648-12404-8

Haufe Verlag 2019

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