Warum US-Buchverlage auf Moralklauseln setzen

„Damit ihre Verlage sicher sind vor Shitstorms, müssen amerikanische Autoren in ihren Verträgen Wohlverhalten garantieren und strikte Moralklauseln unterschreiben. Mit Moral haben die indes wenig zu tun“, schreibt Kerstin Kohlenberg in ihrem Artikel in der „Zeit“ („ZEIT“ plus Inhalt).

In ihrer Analyse zu dieser Entwicklung auf dem amerikanischen Buchmarkt nennt Kohlenberg verschiedene Beispiele vom „rechten schwulen Provokateur“ Milo Yiannopoulos bis zu den „Starautorinnen“ Jane Mayer und Masha Gessen. Sie kommt zu dem Schluss, dass die Verträge weniger mit Moral als mit ökonomischen Vor- und Nachteilen zu tun haben: „Die Moralklauseln bringen ein bisschen von der Logik der Internet-Ökonomie in das Verlagswesen. Wir stellen dir eine Plattform zur Verfügung, du steuerst dein Auto bei (Uber), deine Wohnung (Airbnb) oder dein Buch. Solltest du ein Problem haben (Unfall, Wohnungsschaden oder Publicity-Desaster), dann bist du auf dich allein gestellt.“

Als erstes Beispiel bringt Kohlenberg das Beispiel von Milo Yiannopoulos, der Pädophilie verteidigt haben soll und deshalb einen großen Shitstorm auf sich zog. Nachdem sich die rechte Nachrichtenseite „Breitbart“ von ihm distanzierte, habe auch Threshold Editions, der konservative Verlagsableger von Simon & Schuster sein Buchprojekt gestoppt. „Yiannopoulos verklagte den Verlag wegen Vertragsbruch auf zehn Millionen Dollar“, berichtet Kohlenberg, weshalb Simon & Schuster eine Moralklausel in seine Verträge schrieb: „In dem Standardvertrag von Simon & Schuster heißt es nun, dass der Verlag die Möglichkeit habe, einen Vertrag zu beenden, wenn das Verhalten des Autors ‚den Autor oder den Verleger in der Öffentlichkeit der Lächerlichkeit, Verachtung, dem Hohn, Hass oder der Zensur aussetzt oder den Verkauf des Werkes materiell vermindert‘“.

Eine solche Moralklausel sei unter den Verlagen mittlerweile weit verbreitet, so die „Zeit“-Redakteurin. Ein großer Teil der linken Öffentlichkeit der USA begrüße diese Klauseln. Es sei eine Art Mitbestimmungsrecht über die Frage, wer als Autor Erfolg verdient habe und wer nicht. Doch wenn die Anschuldigungen gegen einen Autor als falsch identifiziert wurden, sei es meist zu spät und der Vertrag wurde bereits gekündigt.

„,Für uns ist es nicht wichtig, ob ein Vorwurf stimmt oder nicht‘, sagt ein Vertreter des Verlags Penguin Random House der „Zeit“. ,Wir sind keine Moralpolizei. Uns interessiert allein die Wirkung der Vorwürfe. Also, welche finanziellen Auswirkungen haben sie für den Verlag? Können wir den Autor noch vermarkten?‘“. Kohlenberger sieht darin ein Problem und stellt fest: „Die Moralklauseln sind daher nichts anderes als eine neue Form unternehmerischer Gier. Den Vorteil für mich, den Nachteil für dich.“

Das Phänomen sei keineswegs neu. In Hollywood habe es schon seit den Zwanzigern Moralklauseln in Verträgen gegeben, weil das Studio von Stummfilm-Schauspieler Roscoe Arbuckle nach seinen sexuellen Missbrauchs-Anschuldigungen große Verluste machte. „Für die Medien blieb er nach dem aufsehenerregenden Prozess schuldig“, obwohl er vom Gericht für unschuldig gesprochen wurde. Danach „fanden die Klauseln ihren Weg in all jene Branchen, die ebenfalls stark auf einzelne Superstars und deren öffentliches Image setzten: im Sport, im Fernsehen, im Modelgeschäft“ und mittlerweile eben auch in die Buchbranche.

Dabei gehe es schon längst nicht mehr um das einzelne Buch, schreibt Kohlenberg: „Yiannopoulos’ Buch schaffte es auch im Selbstverlag auf Platz eins der Bestsellerliste der New York Times. Doch zunehmend werden Verlagen regelrechte Boykotte angedroht, sollten sie sich nicht von einem öffentlich in Ungnade gefallenen Autor trennen.“

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