Amazon erscheint plötzlich viel sympathischer

Osiander-Chef Christian Riethmüller ist für klare Ansagen bekannt. In der aktuellen Ausgabe des DFV-Wirtschaftsmagazins „Der Handel“ (Juli/August) warnt Riethmüller vor Amazons Expansionsstrategie in den stationären Handel: „Wenn Amazon in Deutschland solche Läden [wie in Seattle] aufmacht, verlieren die ganz schnell ihr schlechtes Image, dass sie Arbeitsplätze vernichten, ihre Leute schlecht behandeln und Steuern woanders zahlen.“

Denn: Die Amazon-Leute im Laden sind trotz allem gut drauf: „Die Mitarbeiter in Seattle wirkten so überzeugend, dass Amazon für seinen Onlineshop in Deutschland nichts Besseres tun könnte, als auch hier eigene Läden zu eröffnen.“

Die „extrem kundenorientierten“ Mitarbeiter will Riethmüller auch in der eigenen Kette (36 Läden, ca. 75 Mio Euro Umsatz, die Nr. 5 der stationären Läden im buchreport-Ranking): „Mein Traum ist es, dass wir uns zu 100 Prozent auf die Kunden konzentrieren, ohne Nebentätigkeiten.“ Deshalb will Riethmüller feste Infoplätze in den Buchhandlungen abschaffen, weil das die Buchhändler abhalte, auf die Kunden zuzugehen.

Im Interview mit „Der Handel“ reflektiert Riethmüller auch den von der Beraterfirma Porsche Consulting angestoßenen Veränderungsprozess: Die Tätigkeit in den Läden veränderten sich so gravierend, „dass ich noch nicht weiß, ob dabei jeder Mitarbeiter mitgehen will“.

„Keine 10 Italien-Kochbücher“

Imponiert hat Riethmüller auch das zugespitzte Angebot im Amazon-Laden. Zwar wolle er nicht nur 6000 Titel wie dort, aber auch keine 60.000 Titel mehr: „Zehn Italien-Kochbücher sind zu viel.“ Da müsse man als Verkäufer eine klare Empfehlung aussprechen.

Riethmüller warnt die Branche:  Man habe Amazon bereits zweimal unterschätzt, als Online-Versandhändler und bei der Markteroberung als E-Book-Anbieter. Man dürfe Amazon jetzt nicht auch noch stationär unterschätzen, aber: „Leider ist unsere Branche  immer noch so verkrustet, dass man sich damit nicht auseinandersetzt.“

„Hiesiger Omnichannel ist nur eine Vorstufe“

In dem 9-Seiten-Stück der Handelszeitschrift zum Buchhandel kommt auch Handelsprofessor Gerrit Heinemann zu Wort. Der bezeichnet die Omnichannel-Konzepte hiesiger stationärer Händler lediglich als eine „Vorstufe“. Die Konzepte griffen zu kurz, weil dabei „nicht der Ladenraum selbst, sondern fast nur der Weg übers Netz ins Geschäft gesehen wird“. Der stationäre Handel müsse auch den Laden völlig neu anpacken.

Demgegenüber herrschte zuletzt in der Buchbranche eher eine gewisse Selbstzufriedenheit mit der erreichten Vernetzung:

  • Der neue Thalia-Mehrheitseigner Manuel Herder streicht aktuell die Erfolge der Omnichannel-Strategie des stationären Marktführers heraus (s. buchreport.express 28/2016).
  • Der Branchenverband Börsenverein, dem der andere Osiander-Geschäftsführer Heinrich Riethmüller vorsteht, hatte auf seiner Wirtschaftspressekonferenz im Juni ebenfalls selbstbewusste Töne angeschlagen. 

„Mit der jetzt nahezu vollständig umgesetzten Multi-Channel-Strategie der Buchhandlungen und einer aktiven Innovationskultur bei den Verlagen hat die Branche einen großen Schritt nach vorn getan“, so Börsenvereins-Hauptgeschäftsführer Alexander Skipis, der Amazon sogar als nicht auf der Höhe der Zeit charakterisierte, denn auffällig sei, „dass der reine Online-Handel wie beispielsweise Amazon heute dort steht, wo die Buchbranche vor zehn Jahren stand.“ Er sei festgelegt auf ein Vertriebsmodell, das dem Kunden immer weniger ausreiche, denn er wolle die Kombination aus allen Möglichkeiten, um den größtmöglichen Nutzen zu haben.

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