»Es kommt nicht auf die Lautstärke, sondern auf den Inhalt an«

Tijen Onaran. Foto: Urban Zintel

Tijen Onaran ist Unternehmerin, Moderatorin und Speakerin. Mit dem Beratungs-Netzwerk Global Digital Women engagiert sie sich für die Vernetzung und Sichtbarkeit von Frauen in der Digitalbranche und berät Unternehmen in Diversitätsfragen. Foto: Urban Zintel

Die Zeit der Datensilos ist ebenso vorbei wie die der selbstherrlichen Abteilungs-Fürsten und der Klubs weißer Männer, stellt Digitalisierungs-Vordenkerin Tijen Onaran fest. Die Unternehmerin, Moderatorin und Speakerin  engagiert sich für die Vernetzung und Sichtbarkeit von Frauen in der Digitalbranche und berät zudem Unternehmen in Diversitätsfragen. Capital wählte sie unter die Top 40 unter 40, und das Manager Magazin erklärte sie zu einer der 100 einflussreichsten Frauen in der deutschen Wirtschaft.

Im Interview für den HR-Channel von buchreport.de erklärt sie, dass gerade die Sozialen Medien karriereförderndes Gehör und Sichtbarkeit verschaffen, dafür müsse man nicht „laut werden“.

Ohne Diversität gibt es keine Digitalisierung. Warum sollte das so sein – Japan und China digitalisieren sich doch auch?

Auch wenn es anders üblich ist: Ich halte nichts von Vergleichen mit China oder Japan in Bezug auf Digitalisierung. Zum einen, weil Märkte, Unternehmenskulturen und Einstellung zu Arbeit anders sind, zum anderen, weil Diversität in den jeweiligen Ländern nicht gleich Diversität ist. Alleine der Begriff Diversität wird in Deutschland bzw. Europa ganz anders diskutiert als in den USA oder China. Was ich durch meine Arbeit mit Global Digital Women sehe und auch in einer Studie mit der Universität Flensburg festgestellt habe, ist, dass divers, und zwar nicht nur in Bezug auf Geschlechter divers zusammengesetzte Teams, besser darin sind, digitale Geschäftsmodelle zu denken und umzusetzen.

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Wie kommunikativ muss nach Tijen Onaran eine erfolgreiche Fachkraft sein?

So kommunikativ, wie jede und jeder sich damit wohlfühlt. Zumal es auch unterschiedliche Formen von Kommunikation gibt: online, offline, laut, leise, direkt, indirekt und viele weitere. Entscheidend ist, dass es zu mir als Typ passt, welche Form der Kommunikation ich wähle. Ich muss wissen, welche unterschiedlichen Formen von Kommunikation es gibt, um dann zu entscheiden, welcher Weg der richtige für mich ist. Bin ich in einer Branche unterwegs, die zu großen Teilen noch offline kommuniziert, muss ich meine Zeit so einsetzen, dass ich eben diese Offline-Situationen nutze. Stelle ich aber fest, dass es online unterschiedliche Fachgruppen gibt, in denen meine Themen diskutiert werden, sollte ich meine Aufmerksamkeit dorthin lenken.

In der Buchbranche wimmelt es von introvertierten Menschen, die dort arbeiten, gerade weil sie introvertiert sind. Haben solche „stillen Wasser“ überhaupt noch eine Zukunft?

Ich würde sogar sagen: In Zeiten von „immer lauter, immer schneller, immer weiter“ finden gerade introvertierte Menschen Gehör. Über die Sozialen Medien beobachte ich beispielsweise, dass es eine starke #introversion-Community gibt, die sich gegenseitig unterstützt und aufzeigt, dass das Laute nicht ausschlaggebend ist. An dem Beispiel zeigt sich, dass die Kraft der digitalen Kanäle nicht nur darin liegt, den bereits Lauten eine Stimme zu geben, sondern vor allem auch darin, die Leisen wahrnehmbar zu machen.

Viele fürchten, durch permanente Präsenz in den Sozialen Medien zu nerven. Sind Medienmenschen heute „laut“ genug?

Das Tolle an den Sozialen Medien ist ja: Die Lautstärke bestimme ich selbst. Es geht sehr laut, es geht aber eben auch sehr leise! Es kommt nicht auf die Lautstärke, sondern eher auf den Inhalt an. Muss ich jeden Tag auf meinen eigenen Kanälen ein Selfie posten? Eher nein. Muss ich aber wissen, was auf den unterschiedlichen Sozialen Medien an Kommunikation möglich ist? Ja! Ich bin ein großer Fan von Selbstbestimmung, das bedeutet: Selbst zu wissen, welche Schlagzahl für meine Kommunikation die beste ist und welches digitale Medium meine Themen am besten repräsentiert, ist viel entscheidender, als ohne Plan und wie wild zu posten.

Wie geht das: auf die richtige Weise laut sein?

Zunächst muss ich mir klar darüber werden, was mein Ziel ist, wenn ich sichtbar sein möchte. Geht es mir darum, in meinem Netzwerk für mehr Visibilität zu sorgen, was meine Themen betrifft, sollte ich mich darauf konzentrieren, wo eben dieses Netzwerk kommuniziert. Wenn ich beispielsweise eine neue Position anstrebe, muss ich mir überlegen, wo und mit wem ich über meine Talente, die ich habe, sprechen kann. Ich empfehle zu Beginn, sich selbst folgende Frage zu stellen: Was kann ich richtig gut und was auch richtig schlecht? Aus beidem lässt sich ableiten, an welcher Stelle ich lauter sein kann und wo ich lieber sehr leise sein sollte.

Hat die Medienbranche – also auch die Unternehmen – insgesamt ein Defizit an Lautstärke?

Weniger an Lautstärke als an Breitenwirkung. Lange Zeit war es so, dass viele Berufe und auch Inhalte in der Medienbranche selbsterklärend waren. Es war klar: Wenn ich Journalistin oder Journalist bin, schreibe ich für ein Medium. Heute gibt es Online-Medien, Social Media Manager, Manager für digitale Inhalte, Content-Creators und viele weitere neue, und zum Teil kaum verstehbare Jobbezeichnungen. Daraus resultiert Ungewissheit, und hier tut Lautstärke gut. Denn nur wenn ich verstehbar und greifbar mache, welche Jobs und Inhalte es in der Medienbranche gibt, bleiben Unternehmen der Medienbranche auch zukunftsfähig.

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