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Groß und schön, aber zu langsam drehend

Das Thema Kunstbuch im Sortiment hat an Bedeutung verloren. Kundschaft und Kaufverhalten haben sich in den vergangenen Jahren verändert. Für Buchhandel und Verlage ergeben sich dennoch Anlässe und Chancen.

Frontal präsentiert: Bei Extrabuch in Münster verliert das Thema Kunst an Bedeutung. Aktuelle Ausstellungskataloge und Klassiker haben aber weiterhin ihre Berechtigung. Dieser Eindruck wird auch von anderen Fachbuchhändlern und Verlagen geteilt. (Foto: buchreport/CS)

Das spezielle, in die Tiefe gehende Kunstbuch hat zunehmend ausgedient, zumindest gemessen am Absatz. Die Informa­tionsbeschaffung aus wissenschaftlichem Interesse hat sich eher ins Digitale ver­lagert, eine Erkenntnis, die nicht nur die Warengruppe Kunst betrifft. Unter Druck stehen die auf das Thema Kunst spezialisierten Verlage an mehreren Stellen: Neben aktuellen Material- und Energiekosten spüren sie ein verändertes Einkaufsverhalten im Sortimentsbuchhandel. Das bestätigt u.a. Meike Griese-Storck, eine der Sprecherinnen der IG Kunstbuch im Börsenverein. Die Interessengemeinschaft vertritt rund 60 Verlage und ist naturgemäß mit der Frage beschäftigt, wie man Kunstbücher im Handel platziert. Und dass eben dort Nachholbedarf besteht, ist als Herausforderung längst erkannt. Just in diesen Tagen entwickelt die IG daher einen Plan, um sich hier mit ihren Büchern wieder stärker in den Fokus zu bringen: „Wir überlegen, in 2023 ein neues Format ins Leben zu rufen, die Kunstbuchtage“, verrät Griese-Storck. Die Idee sei an die bereits etablierten Regionalbuchtage angelehnt und ist als Angebot gedacht, das gemeinsam mit dem Buchhandel geplant werden könnte. Noch existiert nur die Idee, doch ein erstes Treffen im November ist bereits vereinbart, auf dem sich ein Plan konkretisieren könnte. Der grobe Terminplan steht bereits: Der September ist als sinnvoller Rahmen für solche Kunstbuchtage identifiziert – kurz vor der Buchmesse und dem Start ins vorweihnachtliche Geschäft und die Geschenksaison.

Dass sich in den vergangenen Jahren sowohl Kundenstruktur wie Nachfrage verändert haben, bestätigen aber im Grunde viele Branchenteilnehmer. Zwar sei die Berechtigung für das Kunstbuch nach wie vor gegeben, doch sei ein repräsentativ gefüllter Bücherschrank heute nicht mehr für alle Menschen so attraktiv wie früher, ahnt Griese-Storck. Auch Fachbuchhandlungen mit einschlägigem Schwerpunkt spüren das. Das Kunstbuch sei eine Warengruppe mit schwindender Bedeutung, umschreibt beispielsweise Christoph Thiele. Der Buchhändler arbeitet bei Extrabuch in Münster, einer Fachbuchhandlung für Kunst, Architektur, Design und Fotografie. Gefragt seien vor allem die Kataloge aktueller Ausstellungen oder aber Monographien bekannter Künstler wie Gerhard Richter oder Horst Janssen, Bücher für ein Bildungsbürgertum gesetzteren Alters. Laufkundschaft mit Interesse an Kunst sei dagegen immer weniger zu sehen, sagt Thiele.

Sinnbildlich im Untergeschoss

Ein paar hundert Meter weiter, bei der Thalia-Buchhandlung Poertgen Herder, lässt sich diese Einschätzung auch auf das populäre Sortiment eines großen Filialisten übertragen: Im Untergeschoss findet die Warengruppe dort ihren Platz, neben einer Wand voller frontal präsentierter und populärer Titel aus dem Kölner Taschen Verlag. Ungleich prominenter platziert ist dort stattdessen New-Adult-Belletristik im Erdgeschoss – das darf durchaus symbolisch verstanden werden. Die Verlage hätten da erwartungsgemäß Vorschläge: „Es muss nicht immer das ganz große Schaufenster sein. Oft eignen sich Kunstbände auch als Ergänzung zum Sortiment oder schönen Thementischen“, heißt es beispiels­weise bei Prestel: „Bildbände haben hier auch den Vorteil, dass sie dank des hohen Ladenpreises hohe Umsätze generieren und dank der bibliophilen Ausstattung dem Käufer ein haptisches Erlebnis bieten.“

Verständnis für eine nicht immer offensive Präsentation der Warengruppe ist durchaus vorhanden. Christine Jäger-Ulbricht ist Geschäftsführerin im auf Ausstellungskataloge spezialisierten Sandstein Verlag (Dresden). Sie sagt: „Es muss ja auch Sinn ergeben für die Buchhandlung. Einfach irgendetwas hinzustellen, bringt eher nichts.“ Bewusst platzierte Themen seien dagegen sinnvoll. Das könnten konkrete Anlässe sein wie das Bauhaus-Jubiläum 2019. Befristete Anlässe, natürlich. Aber man müsse realistisch sein: Es müsse auch verkauft werden können, was man präsentiere, so Jäger-Ulbricht.

Dass das Kunstbuch ein schwieriger zu bestellendes Feld geworden ist, sieht indes auch die Münchner Kunstbuchhandlung Werner, die 2021 vom Hirmer Verlag übernommen wurde. Aktuelle Kataloge würden vor allem verkauft, sagt Marianne Breitsameter, die bei Werner für den Bereich Kunst zuständig ist, den Eindruck aus der Branche. Der Typ Akademiker mit tiefgehenden Interessen sei dagegen kaum noch als Kunde anzutreffen. Und auch Dozenten bestätigten im Gespräch, dass Studierende zunehmend auf Online-Quellen zurückgriffen.

Bei Werner wie auch bei Extrabuch klingt zudem die gemein­same Erkenntnis an, dass sich das Einkaufsverhalten von Bibliotheken und Museumsshops verändert habe. Hier wie dort würden zwar Novitäten zur Ansicht geliefert, doch der tatsächliche Absatz aus dem Sortiment halte sich mittlerweile spürbar in Grenzen.

Gezielter Einkauf

Bei Werner hat man darauf reagiert: Für das eigene Lager werde nur noch sehr selektiert eingekauft. „Eher Bildbände und Kataloge, vor allem zu Ausstellungen in großen und wichtigen Museen“, so Breitsameter und verweist auf Ausstellungen wie die Documenta in Kassel. Doch eine Veranstaltung wie diese im 5-Jahres-Turnus wird kaum zur Rettung der Warengruppe dienen können. In München funktioniert das Geschäftsmodell noch, vor allem dank der Stammkunden, die gezielt nach Titeln suchen. Und nach dem (wirtschaftlich bedingten) Umzug im Jahr 2018 sei zumindest der Anteil der Laufkundschaft etwas gestiegen. „Da entdecken uns Kunden auch durchaus mal neu.“

Passende Fachbuchhandlungen sind allerdings immer seltener zu finden. Ende 2021 schloss Sautter und Lackmann in Hamburg. Wegen fehlender wirtschaftlicher Perspektive, wie es nüchtern hieß.

Carsten Schulte 

Kunst & Bildband – im buchreport.magazin 10/2022

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