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Autoren, Verlage und Buchhandel warnen vor »wirtschaftlichem Desaster«

Der Konflikt um den E-Book-Verleih der Bibliotheken spitzt sich zu: Autoren, Verlage und Buchhandel haben zum Wochenende vor der Frankfurter Buchmesse ihre Kampagne „Fair Lesen“ gestartet. Das Bündnis wendet sich gegen Forderungen einer gesetzlichen Regelung, dass Bibliotheken E-Books direkt nach Erscheinen in die Ausleihe geben dürfen. Eine solche „Zwangslizenzierung“ würde wichtige Erlösquellen von Autorinnen und Autoren, Verlagen und Buchhandel gefährden.

Kampagne für »faire« Bibliothekslizenzen

Hintergrund:

  • Der Deutsche Bibliotheksverband fordert seit langem einen sofortigen und pauschal abzugeltenden Zugriff auf die E-Book-Angebote der Verlage für die Bibliotheksausleihe.
  • Im Frühjahr hatte eine Initiative des Bundesrats, also der Kammer der Bundesländer, die die Bibliotheken finanzieren, eine entsprechende Änderung des Urheberrechts gefordert. 
  • Entsprechende, zum Teil modifizierte Forderungen finden sich auch in den Programmen der Parteien, die jetzt über einen Koalitionsvertrag zur Bildung einer neuen Bundesregierung verhandeln.

In den Wochenendausgaben der „Süddeutschen Zeitung“ und „Frankfurter Allgemeine“ argumentiert die Initiative in doppelseitigen Anzeigen so:

  • „Heute sind wir in Sorge, dass die Politik unsere Arbeitsgrundlage aufs Spiel setzt – durch Bestrebungen, mit dem Zugang zu Literatur zugleich digitale Ausleihe zu Niedrigpreisen zu erzwingen. Der Weg dorthin soll über die öffentlichen Bibliotheken führen. Doch dieser Weg wäre fatal.“
  • „Selbstverständlich schätzen wir das Konzept der Bibliotheken, Menschen unabhängig von ihrer finanziellen Lage die Möglichkeit zum Lesen von Büchern zu geben. Gleichzeitig müssen sich Autorinnen und Autoren auf gerechte Vergütung verlassen können – und frei in ihren Entscheidungen bleiben. Dafür sorgt der Buchmarkt, der zugleich Grundvoraussetzung für literarische Vielfalt ist.“
  • „Wenn aber aufgrund politischer Entscheidungen neue Werke ab dem Tag ihres Erscheinens in allen Bibliotheken in der nahezu kostenlosen Online-Ausleihe verfügbar gemacht werden müssen, gefährdet das einen seit Jahrzehnten funktionierenden Markt und damit die Existenzgrundlage von Autorinnen und Autoren, Übersetzerinnen und Übersetzern, Verlagen und Buchhandlungen.“
  • „Die erzwungene Online-Ausleihe zu Niedrigpreis-Bedingungen – insbesondere für Neuerscheinungen – wäre ein wirtschaftliches Desaster für alle, die vom Kulturgut Buch leben. Wer die Onleihe für E-Books nahe am Nulltarif fordert, der bedroht die literarische Freiheit in unserem Land. Deshalb fordern wir: Lesen muss fair bleiben – denn Schreiben ist nicht umsonst.“

Verlage: 46% der E-Book-Nutzung läuft über Bibliotheken

Die Verlage verweisen darauf, dass sie den Bibliotheken „bereits den Großteil ihrer EBooks“ zur Verfügung stellen. Demnach lizenzieren knapp 7200 Verlage derzeit mehr als eine halbe Mio EBookTitel. Lizenzieren heißt: Bislang haben Verlage die Freiheit, zu verhandeln, ob und zu welchen Bedingungen sie ihre E-Books an die Bibliotheken geben. Eine Reihe von Neuerscheinungen, namentlich potenzielle Bestseller, werden aber erst mit Zeitverzug bereitgestellt (Fachjargon: Windowing) und zunächst nur zum festen Preis über Onlineshops des Buchhandels und anderer Anbieter wie Amazon angeboten, bevor sie für die digitale Leihe in Bibliotheken lizenziert werden. Die meisten Verkäufe erfolgen in den ersten Monaten nach Erscheinen und sind deshalb entscheidend für den wirtschaftlichen Erfolg eines Buches und damit auch für die Einnahmen von Autoren, Verlagen und Handel.

Wenn der »Onleihe«-Boom den Kaufmarkt gefährdet

Die digitale Ausleihe über die Bibliotheken, abgegolten mit dem Jahresbeitrag für den Bibliotheksausweis, ist als Flatrate deutlich günstiger für Digitalleser als der bezahlte Download zum gebundenen Preis. Das E-Lending („Onleihe“) macht nach Angaben der Initiative bereits 46% aller EBookNutzungen aus. Jedoch würden die Verlage und mittelbar Autorinnen und Autoren nur 6% des gesamten EBookUmsatzes mit den Erlösen aus der BibliotheksOnleihe erzielen. Auch für den Buchhandel entfällt die Marge.

Die Initiative formuliert: „Sollte die Entscheidungshoheit von Autoren, Autorinnen und Verlagen, welche Titel wann zu welchen Bedingungen in die digitale Leihe überführt werden, gesetzlich eingeschränkt werden, wird dadurch die wirtschaftliche Grundlage nicht nur der Urheberinnen, Urheber und Verlage, sondern auch der Buchhandlungen zerstört.“ Gefordert wird, die existentiellen Rahmenbedingungen zu respektieren. 

Kommentare

7 Kommentare zu "Autoren, Verlage und Buchhandel warnen vor »wirtschaftlichem Desaster«"

  1. Ihre eigenwillige Definition von „Flatrate“ überzeugt mich nicht. Jedenfalls ist die Sorge, dass bei einer Möglichkeit der Lizenzierung sofort bei Erscheinungstermin so viele Lizenzen durch Bibliotheken erworben werden, dass sämtliche Bibliotheksnutzenden (10 % der Bevölkerung) sofort ohne Wartezeit auf alles zugreifen können, völlig unbegründet. So viel Etat haben die Bibliotheken nämlich nicht.

  2. Der Begriff Flatrate suggeriert, dass alle E-Books permanent und jederzeit für alle Nutzenden zur Verfügung stünden. Dem ist aber nicht so, wie oben schon erklärt. Und die Behauptung in diesem Zusammenhang, die Onleihe sei nahezu kostenlos, stimmt einfach nicht. Bibliotheken zahlen hohe Preise für Lizenzen. Dass die Lesenden dagegen nichts bzw. nur die Mitgliedsgebühr bezahlen, ist richtig. Das ist doch aber bei Printbüchern genauso. Bibliotheken gehen hier ihrer ureigensten Aufgabe nach, Teilhabe zu schaffen für diejenigen, die sich Buchkäufe nicht leisten können! Teilhabe im digitalen Bereich gehört genauso dazu.
    Dass durch E-Book-Ausleihe weniger E-Books gekauft werden, ist übrigens gar nicht erwiesen. Die Gfk-Studie zeigt zum Beispiel, dass Entleihende diejenigen sind, die am häufigsten E-Books kaufen.
    Und schließlich: eine faire Vergütung darf sich nicht auf prognostizierte Verkaufsausfälle, sondern sollte sich auf die tatsächliche Nutzung beziehen.

    • Sie können Flatrate natürlich für sich neu definieren … Weil Sie ja wohl Bibliothekarin und entsprechend die Gegenseite zur der beschriebenen „Fair Lesen“-Kampagne sind, können Sie ja vielleicht mal Beispiele für die „hohen Preise“ bei populären E-Books nennen?

  3. Bei Disney+ habe ich eine Flatrate, weil ich da noch nie die Meldung hatte: „Tut mit leid, »Das Erwachen der Macht« wird gerade schon von jemand anderem geschaut.” Auf mein letztes E-Book habe ich hingegen zwei Wochen gewartet. Ganz wie auf eine Printausgabe.

    • Der Ausdruck Flatrate ist angemessen, weil er Pauschale (flat fee) bedeutet, unabhängig von genutzten Stückzahlen. Und es ist möglich, für die Mitgliedschaft in der Bibliothek den ganzen verfügbaren Bestand zu nutzen. Es gibt übrigens auch bei einigen digitalen Flatrate-Angeboten Einschränkungen (z.B. Datenmengen, Geschwindigkeit).

  4. Die Realität ist doch, dass es eben keine Flatrate für E-Books in öffentlichen Bibliotheken gibt! Die Bibliotheken zahlen Lizenzgebühren pro E-Book (oft höher als die Ausgaben für ein Print-Exemplar) und können pro Lizenz auch nur einmal ausleihen. In dieser Zeit ist das E-Book für andere Nutzer gesperrt, das ist also analog zur Ausleihe von Printexemplaren. Das führt übrigens oft zu extrem langen Wartezeiten. Der Deutsche Bibliotheksverband setzt sich für eine faire Vergütung auch für E-Books über die Bibliothekstantieme ein. Diese Fakten werden im Artikel leider unterschlagen.

    • Unter Flatrate versteht man eine Pauschale, für die man (digitale) Produkte unabhängig von der Abnahmemenge nutzen kann, also z.B. telefonieren oder Medien streamen. Das gilt analog auch für die Bibliotheksnutzung, auch wenn das komplette Angebot nicht ständig verfügbar ist.
      Zur wohlfeilen Forderung der Vergütung per Bibliothekstantieme: Während der Verleih von Printexemplaren relativ wenig Einfluss auf das Primärgeschäft Buchverkauf hat, würde eine faire Kompensation der E-Book-Ausfälle (zumal wenn auch die Bestseller einbezogen würden) auf eine Vervielfachung der Bibliothekstantieme hinauslaufen. Wie wahrscheinlich ist das?

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