Warum Amazon Apple das Fürchten lehrt

Dass Amazon neue Tablet-Modelle präsentiert, war schon vor Wochen durchgesickert. Mit einem solch massiven Frontalangriff hatte jedoch keiner gerechnet. buchreport.de erklärt, warum sich der iPad-Erfinder jetzt erstmals Sorgen machen muss.

Wenn Amazon in den USA und international die Startseiten der Shops für Briefe des Konzernchefs an seine Kunden freiräumt (wie gestern Abend z.B. in den USA und Deutschland), suchen die Marketing-Strategen im Unternehmen größtmögliche Aufmerksamkeit beim Kunden. Wenn Jeff Bezos außerdem eine große Pressekonferenz abhält und dabei vielleicht so selbstbewusst wie nie auftritt, lautet das Signal auch jenseits des bekannten PR-Geklingels: Hier ist etwas Großes im Schwange. Amazons Paukenschläge sollen besonders  Cupertino, die Zentrale von Apple, erschüttern.
Markige Sprüche kennt die Medienwelt von Bezos. Gestern jedoch stieß der Amazon-Chef allerdings gleich zahlreiche Kampfansagen aus. In Richtung der zahlreichen Hersteller von Tablets auf Basis von Android-Technologie (beispielsweise von Samsung) behauptete Bezos: „Im vergangenen Jahr kamen mehr als zwei Dutzend Android-Tablets auf den Markt, und keiner hat sie gekauft.“ Mit Blick auf das Apple-Tablet erklärte Bezos, das eigene Kindle Fire HD-Tablet (in der großen Variante mit Mobilfunk-Schnittsteller) sei nicht nur das beste Tablet für den Preis, sondern grundsätzlich das beste Tablet.
Das Selbstbewusstsein von Bezos erscheint nicht unbegründet. 2011 konnte er sich mit dem Fire-Tablet im Ranking der erfolgreichsten Tablet-Bauer aus dem Stand auf dem 2. Rang platzieren, hinter Apple, aber noch vor dem bisherigen Vize-Champion Samsung. Laut Amazon kontrolliert man mit dem Kindle Fire inzwischen 22% des US-Tablet-Markts – was Analysten auf einen Absatz von 5 Mio Geräten hochrechnen.
Wie fällt das Duell beider Online-Giganten bei Technik, Preis und Angebot aus?
Preis

Wenig überraschend an Bezos‘ neuen Tablet-Modellen ist die Tatsache, dass Amazon den Wegbereiter des Tablet-Marktes im Lowend-Bereich angreift. Das günstigste Tablet kostet nur noch 159 Dollar/Euro, während Apple erst bei 499 Dollar / 479 Euro loslegt. Laut Jeff Bezos liegen die Kosten inklusive Mobilfunkvertrag bei der Amazon-Lösung über 400 Dollar unter der Apple-Offerte. Bezeichnend für die verschiedenen Geschäftsmodelle ist eine Aussage von Bezos: „Wir möchten nur Geld verdienen, wenn die Kunden unsere Geräte nutzen, nicht wenn sie sie kaufen.“ – Amazon will vom Inhalte-Verkauf profitieren, Apple setzt auf hohe Margen bei der Hardware.

Technik/Software

Erstaunlich ist, dass Amazon Apple nicht nur preislich, sondern auch technisch in der Königsklasse angreift, mit einem Gerät, das zumindest von den Spezifikationen her (Tests liegen noch nicht vor) den technischen Vorsprung von Apple kassiert hat  bzw. vielleicht sogar an Apple vorbei zieht:

  • Display: Apples großen Vorteil beim Display (Retina-Auflösung) kontert Amazon mit einem eigenen HD-Display, das laut Amazon-Hymnen „beispiellos“ sei (was von Produkttestern noch zu verifizieren ist). 
  • W-LAN: Gleichziehen mit dem iPad will Amazon durch die Unterstützung beider W-LAN-Bänder (2,4 GHz und 5 GHz), was eine schnellere Datenübertragung ermöglichen soll.
  • Audio: Punkten will Amazon einerseits im Audio-Bereich, mit zwei Lautsprechern und angeblich Surround-Sound.
  • Cloud: Auch beim Speichern von Medieninhalten in der Cloud bietet Amazon das aus Kundensicht attraktivere Angebot: Apple bietet 5 GB kostenlos an und verlangt darüberhinaus bis zu 80 Euro pro Jahr (für 50 GB). Amazon hat eine kostenlose Gigabyte-Flat im Portfolio.
  • Whispersync: Die Inhalte über verschiedene Geräte synchronisieren können sowohl Fire als auch iPad. Für Leser könnte Amazon durch das jetzt präsentierte erweiterte Whispersync für Bücher die Nase vorn haben. Demnach findet die Software sogar beim Wechsel vom E-Book zum Hör-Buch die aktuelle Leseposition.  
  • Unklar ist, wer bei der Software, dem Betriebssystem, perspektivisch vorne liegt. Amazon setzt Android von Google ein (angeblich die aktuellste Version 4.0), allerdings stark auf die eigene Hardware hin zugeschnitten. Das iOS-System von Apple bietet sicherlich mehr Möglichkeiten, die Frage ist aber, wie viele Kunden tatsächlich Gebrauch davon machen.

Inhalte

Wer das reichhaltigere Medien-Angebot bereithält, ist umstritten. Zumindest im E-Book-Bereich dürfte Amazon weit vorne liegen, allein schon, weil die Akquise in den USA bereits 2007, mit dem Start des Kindle-Programms, begann. Das iPad (und somit das iBooks-Programm) startete erst 2010.

Einen gewichtigen Vorteil hat Apple aktuell und auf absehbare Zeit allerdings noch: Das App-Angebot ist sowohl reichhaltiger als auch attraktiver, hinzu kommt, dass die Apps auf den iOS-Geräten in der Regel besser funktionieren, da sie einem (vergleichsweise) genauen Test unterzogen werden. Die Umsätze der App-Anbieter sind über die Apple-Plattform weitaus höher.

Fazit

Angesichts des Ausgangs dieses Vergleichs, bei dem Amazon offenbar aktuell die Führung übernommen hat, wird die noch im Herbst zu erwartende Einführung einer günstigeren iPad-Modells („iPad mini“?) darüber entscheiden, ob Apple den Absatz-Vorsprung im kommenden Jahr wird halten können. Die Analysten von Gartner haben gestern bereits einen Rückblick und eine Prognose vorgelegt:

Apple/iOS (iPad): 
  • 40 Mio Geräte 2011 verkauft
  • Marktanteil 2011: 66,6%
  • Prognose für 2012: 73 Mio Geräte, 61% Marktanteil
Google/Android
(gemeint sind nicht nur die Google-eigenen Tablets, sondern alle Tablets mit Google-Betriebssystem, darunter auch die Amazon-Fire-Geräte, die eine Android-Variante einsetzen):
  • 17,3 Mio Geräte 2011 verkauft
  • Marktanteil 2011: 28,8%
  • Prognose für 2012: 37,9 Mio Geräte, 32% Marktanteil
Windows:
  • 2011 noch nicht gestartet
  • Prognose für 2012: 4,9 Mio Geräte, 4,1% Marktanteil
Research in Motion/BlackBerry:
  • 807.000 Geräte 2011 verkauft
  • Marktanteil 2011: 1,3%
  • Prognose für 2012: 2,6 Mio Geräte, 2,2% Marktanteil
Andere Anbieter (dazu zählt auch Barnes & Noble mit dem Nook-Tablet):
  • 1,9 Mio Geräte 2011 verkauft
  • Marktanteil 2011: 3,2%
  • Prognose für 2012: 510.000 Geräte, 0,4% Marktanteil

Kommentare

3 Kommentare zu "Warum Amazon Apple das Fürchten lehrt"

  1. Die Cloud von Amazon ist auch in Zukunft nicht generell kostenlos. Dies gilt lt. vorliegenden Informationen nur für Inhalte, die von Amazon bezogen wurden.

  2. Pardon, aber wer hat NICHT mit einem „solch massiven Frontalangriff“ gerechnet? Die Meisten sind in ihren Prognosen noch viel weiter gegangen – Werbefinanziertes Readermodell zum Beispiel in der Kampfpreisklasse unter 100 USD.. Amazon hat, nur meine Meinung, vielleicht beim Thema „Medienkonsum“ kurzfristig die Führung übernommen, aber beim iPad und anderen Tablets geht es um sehr viel mehr, da sollte sich die Content-Industrie mal nicht zu ernst nehmen.

    • Gemeint ist, dass niemand damit gerechnet hat, dass Amazon Apple mit einem High-End-Gerät attackiert. Dass Amazon weit unter die 200-Dollar-Marke geht und technisch und inhaltlich aufrüstet, das war natürlich klar. Außerdem Gefühlten 99% der Tablet-User geht es um Medienkonsum, nicht um Bild- oder Videobearbeitung, genau deshalb ist Amazons Tablet-Light-Ansatz (Software) so überzeugend. Das schreibt übrigens ein, soviel Offenheit ist leider nötig, notorischer Amazon-Fanboy.

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