Amazon hat am meisten zu verlieren

Zwei Macmillan-Imprints haben den Anfang gemacht, und jetzt scheint die DRM-Front allmählich zu bröckeln, wie sich auf der BookExpo in New York abgezeichnet hat. Bei Penguin denkt man über den Wechsel zum Wasserzeichen-Schutz nach, wie Digital-Chefin Molly Barton erklärte. Und Random House-Digital-Chefin Madeline McIntosh stellte die ketzerische Frage, ob es tatsächlich kommerzielle oder nur „konstruierte Gründe“ für ein Festhalten am harten Kopierschutz gebe. Die US-Vertriebsgemeinschaft IPG will ihren 400 Verlagen anbieten, die E-Books ohne DRM zu veröffentlichen.
Im Interview begründet der Chef von Momentum, dem australischen Digitalverlag von Macmillan, die eigene Abkehr von hartem Kopierschutz und erklärt, warum der Trend besonders Amazon treffen würde.
Ist der Verzicht auf DRM bei den Macmillan-Imprints Tor und Momentum eine grundlegende Veränderung in der Macmillan-Gruppe?
Es sendet zumindest das Signal, dass man bereit ist, den Verkauf von E-Books ohne DRM zu versuchen. Ich bin sicher, dass man sich die Ergebnisse ganz genau anschauen wird, und ich hoffe, dass es zum Vorbild für die gesamte Gruppe und den Industriezweig wird.
Wo liegen die Gründe für diese Entscheidung in Ihrem Verlagshaus?
Ich habe mich schon immer dafür ausgesprochen, E-Books nicht mit DRM zu versehen. Als dann unsere Schwester Tor auf DRM verzichtet hat, habe ich für uns die Möglichkeit gesehen, das gleiche zu tun. Der Verzicht auf DRM stimmt voll und ganz mit dem Ziel von Momentum überein, Bücher so gut zugänglich wie möglich zu machen.
Fördert der Verzicht auf DRM nicht eher Raubkopierer? Hachette-UK-Chef Tim Hely Hutchinson sagt: „DRM ist nicht in der Lage das File-Sharing durch die wirklich entschlossenen Raubkopierer zu verhindern, aber es beendet das gelegentliche und beiläufige Raubkopieren im Großteil der Fälle. Es arbeitet im Hintergrund ohne irgendwelche Probleme für irgendjemanden zu verursachen.“
Ich glaube nicht, dass wir schon genug verlässliche Informationen haben, um solche weitreichenden Kommentare abzugeben. Genauso haben wir wenig Erfahrung mit Experimenten, wie wir jetzt eines unternehmen. Aber selbst ohne DRM ist es nicht sonderlich einfach, ein E-Book von einem Händler online zum Tausch bereit zu stellen. Und natürlich hoffe ich, dass die meisten Leute es auch nicht tun werden. Das tatsächliche Piraterie-Problem besteht durch die Verbreitung von E-Books auf gebührenpflichtigen File-Sharing-Seiten. DRM ist nicht auch nur im Ansatz eine Lösung für dieses Problem. Auch wenn DRM in den meisten Fällen völlig reibungslos funktioniert, sind die wenigen Fälle, in denen es Probleme bereitet, extrem ärgerlich und frustrierend für die Leser. Wir wollen, dass alle unsere Leser zufrieden bleiben.
Falls viele andere Verleger folgen sollten, was wird das für Konsequenzen haben?
Wenn die Verleger flächendeckend auf DRM verzichten, werden auf lange Sicht die Voraussetzungen für die Händler angeglichen und der Wettbewerb wird gefördert.
Wie würde dies Amazon als Pro-DRM-Vertreter betreffen?
Sicherlich hätte Amazon am meisten zu verlieren, wenn alle Verleger jetzt DRM aufgeben würden. Trotzdem werden sie noch nicht vor Angst mit den Knien schlottern. Amazon hat den bezahlten Markt für E-Books praktisch erschaffen. Und das haben sie in erster Linie durch eine überaus ansprechende Plattform zum Lesen und zum Vertrieb von E-Books erreicht. Diese Plattform behalten sie, und sie bleibt sehr überzeugend. Ich denke eher, dass die Abwendung von DRM den Lesern mehr Möglichkeiten gibt – manche werden sicher weiter zu Amazon gehen. Das ist OK . Ich möchte nur, dass unsere Leser Optionen bekommen.
Die Fragen stellte Daniel Lenz. Übersetzt von Torge Frühschulz

Kommentare

1 Kommentar zu "Amazon hat am meisten zu verlieren"

  1. Georg Mühlberg | 11. Juni 2012 um 16:36 | Antworten

    Natürlich fördert Verzicht aufs DRM Raubkopien- aber halt nicht im großen Stil, unter 1-2 Freunden wird das eBook ausgetauscht, wie es schon mit normalem Buch der Fall ist. Und das ist ja wirklich kein Problem, sondern sollte als was ganz Normales angesehen werden?!

    Und Geschmäcker sind eben anders, wenn ich ein tolles eBook habe und es einen Freund geben will, muss ich erst jemanden in meinem Freundeskreis finden, der das Buch lesen will und einen eBook Reader hat.
    Selbst wenn ichs aufs Facebook posten würde- da würden wohl bestenfalls 2 Leute dabei sind, die da zugreifen würde. Und irgendjemand würde mich zurecht als Raubkopierer melden.

    Profesionelle Raubkopierer die ihre Werke auf spezielle Portale hochladen und somit tausenden zur Verfügung stellen, lassen sich auch heute vom „In zwei Sekunden entfernbar“ DRM nicht aufhalten.

    DRM Verzicht würde natürlich Amazon treffen- viele Leser greifen zu Amazon, da sie das epub DRM System zu aufendig finden, nicht jeder kommt damit zurecht nicht nur einen Account beim eBooks Shop zu eröffnen, sondern auch bei Adobe, die Adobesoftware zu laden usw.
    In den Foren melden sich dauernd Leute die wissen wollen, warum ihr .acsm (?) ebook nicht aufgeht- es ist gar nicht so leicht draufzukommen, dass die Datei erst in Adobes Software geöffnet werden muss.

    DRM-Verzicht ist die einzige Möglichkeit für kleinere Anbieter (und dazu zähle ich libreka, Thalia, Weltbild) konkurrenzfähig zu werden.

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