Der »Open Source«-Weg zum digitalen Lernerlebnis

Die Digitalisierung der Bildungsmärkte ist in vollem Gange – zuletzt auch getrieben durch die Coronakrise. Verlage sehen die Chancen für neue Leistungen und für ihre interne Weiterbildung, zögern aber angesichts der nötigen Investitionen. Gibt es da keine Open-Source-Lösungen?

Open Source ist im Bildungsbereich weit verbreitet. Bei einigen Verlagen – aber nicht nur dort – sind quelloffene Learning Management Systems (LMS) im Einsatz für externe und interne Zielgruppen. Stefania Trabucchi von Abstract Technology, einer Berliner Digitalagentur für Lern- und andere Digitalsysteme, gibt im zweiten Teil einer E-Learning-Serie im Prozesschannel von buchreport.de einen Überblick über Merkmale und Integrationsmöglichkeiten von Open-Source-Bildungsplattformen.

 

Basierend auf den Informationen des Global Start-up Ecosystem Report von 2018, sagen die Prognosen für den Bildungsmarkt bis 2020 einen Anstieg auf bis zu 7,5 Mrd Euro vorher. In technologie-geprägten Zeiten von Online-Tutorials, Massive Open Online Courses (MOOC) und Learning Apps ist das erwartete Marktpotenzial der sogenannten EdTech (Educational Technology) im Bildungssektor dank vieler innovativer Geschäftsideen Realität geworden.

In EdTech investieren nicht mehr nur die typischen Bildungsinstitutionen, sondern auch Unternehmen und Non-Profit-Organisationen. Firmen möchten mit ihren wertvollen Inhalten eigene Online-Learning-Angebote auf den Markt bringen, um die internen und externen Zielgruppen zu erreichen und stärker an sich zu binden. Es entwickelt sich ein Trend des lebenslangen Lernens, welcher weit über die bisherigen akademischen Lernwege von Hochschulen und Universitäten hinausgeht. Die Bildungsaufgabe betrifft nun alle, Schulen und Akademien gleichermaßen wie Firmen, Agenturen, Verbände und Vereine.

Auch zahlreiche Verlage, darunter Springer Nature, Cornelsen, Heise, Haufe Medien oder der SPIEGEL, um nur ein paar zu nennen, bieten neben der Mediennutzung längst neue Lernmöglichkeiten. Hochwertige digitale Lernangebote werden durch praxisnahe und flexible Modelle sowie innovative und wirksame Ansätze entwickelt. Lernen wird somit immer messbarer und zielgerichteter.

In den vergangenen Jahren sind aus diesem kräftigen Einsatz für die digitale Wissensvermittlung große crossmediale E-Learning-Plattformen für Verlage entstanden. Die Portale richten sich vorwiegend an Fachgebieten wie IT, Medizin, Wissenschaft, Recht oder juristischen Themen aus. Komplexe Lerninhalte werden über Videotutorials, E-Books (EPUB), Artikel (HTML), Quiz, Fragebögen und weitere spielerische Elemente veranschaulicht.

Ergänzend kommt hinzu, dass digitale Lernpfade kuratiert werden und dass durch die Einbindung von Classroom- und Webinarfunktionen oder Foren der Lernerfolg optimiert wird.

Eine Lösung für jede Situation

Mit dem Wachstum des Trends steigt auch das Angebot der Softwarelösungen für Lern-Tools. Welche Tools für Learning Management Systems stehen Unternehmen und Bildungseinrichtungen heute zur Verfügung?

Im Bereich der Open-Source-Lösungen sind Moodle, Canvas, Sakai, iTunes U, Ilias, OpenOlat und Open edX am weitesten verbreitet. Verbreitung und Funktionen sind aber nicht die einzigen Auswahlkriterien für LMS. Es gibt noch andere wichtige Aspekte, die es zu berücksichtigen gilt:

  • Die Open-Source-Softwarelizenz: Die Lizenz regelt, welche Befugnisse ein Lizenznehmer im Umgang mit einer bestimmten Software hat. Die Lizenz legt auch weitere Aspekte fest, die mit der Nutzung der Software verbunden sind, wie die Erstellung von Kopien und deren Verbreitung sowie Veränderungen am Quellcode.
  • Die Software-Komponenten: Welche zusätzlichen, abhängigen Software-Komponenten werden bei einer Implementierung eingesetzt und welche Modalitäten gelten, um neue Erweiterungen entwickeln zu können? Die Free Software Foundation informiert bei der Auswahl von Lizenzen.
  • Das Entwicklungsteam: Man sollte auf das Entwicklungsteam hinter der ausgewählten LMS-Software achten. Handelt es sich beispielsweise um ein Open-Source-Projekt mit einer heterogenen Community aus Entwicklern, oder ist es das Produkt eines einzelnen Unternehmens oder gar das Werk eines Einzelnen? Keine dieser Konstellationen ist notwendigerweise falsch, trotzdem muss man die langfristige Standzeit der Software berücksichtigen.
  • Die Sicherheit: Wenn möglich, die Sicherheit einer Open-Source-Software prüfen und beurteilen. Das System muss immun gegen Cyberangriffe sein.
  • Qualität und Zugänglichkeit des Codes: Das Vorhandensein einer gründlichen und vollständigen Dokumentation, eine hohe Zahl von Mitwirkenden am Quellcode oder die Existenz automatischer Codetests sind wichtige Auswahlkriterien für eine neue Software – auch für ein LMS.

Open-Source-Lösung: ein Beispiel

Der Anbieter edX bietet mit Open edX eine neue E-Learning-Softwarelösung, die 2012 von der Harvard University und dem Massachusetts Institute of Technology im Rahmen eines gemeinsamen Projekts mit dem Ziel einer globalen Lerngemeinschaft aufgesetzt wurde. Dem Projekt haben sich weitere große Hochschulen wie die University of California in Berkeley oder die Universität von Texas angeschlossen.

Ein Jahr später folgte der Durchbruch, nachdem die bis dahin entwickelte Software weltweit als Open Source zur Verfügung gestellt wurde. Im Zuge dessen wurde das Projekt schließlich in Open edX umbenannt. Durch diese Umwandlung konnte die Weiterentwicklung der Software stark und vor allem nutzerorientiert vorangetrieben werden. Es bildete sich eine internationale Community, zu der Entwickler großer Bildungsträger und Unternehmen wie Microsoft zählen und die sich an der Optimierung von Open edX beteiligen.

Schon Ende 2016 hatte edX mehr als 10 Mio Nutzer, die an über 1270 Kursen teilnahmen. Organisationen und Unternehmen wie UNICEF, Samsung, Edraak Education, die Europäische Kommission, die Canadian Space Agency, General Electric, Honeywell, Microsoft, die McKinsey Academy, Cloudera, Airbus, Capgemini, RTE, Jack and Jones, IBM, Johnson & Johnson haben Open edX für die Vermittlung ihrer jeweiligen Bildungsinhalte gewählt.

Digitale Lernerlebnisse produzieren

Open edX zeichnet sich durch hohe Flexibilität und Skalierbarkeit aus, so kann die Plattform je nach Bedarf und Anzahl der gleichzeitigen Nutzer angepasst werden.

Die Plattform, welche sich im Backend aus miteinander verknüpften Django-Applikationen aufbaut, setzt sich im Frontend aus zwei Teilen zusammen: dem LMS und dem Course Management System („Studio“ genannt).

Über das LMS haben die Lernenden Zugang zu den angebotenen Inhalten und können diese in Form von Videos, Bildern, Lehrbüchern, Aufgaben und Übungen sowie Quiz und Umfragen konsumieren und sich darüber hinaus in Foren und Chats mit anderen Kursteilnehmern austauschen.

Der Channel Produktion & Prozesse

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Kurserstellung und Inhaltsverwaltung erfolgen über das Open edX Studio. Hier können Autoren oder Dozenten Inhalte anlegen und die Lernmaterialien für die Nutzer vorbereiten sowie individuelle Benotungssysteme einstellen und Abgabefristen oder Gruppenrechte festlegen. Diese Softwarearchitektur bedeutet, dass für Konzeption und Erstellung der Inhalte keine weiteren lizenzpflichtigen Authoring-Tools wie Adobe Captivate oder Articulate mehr benötigt werden. Allerdings ist deren Nutzung nicht ausgeschlossen, denn es können Kursinhalte aus Lösungen von Drittanbietern zum Beispiel als SCORM (Sharable Content Object Reference Model) exportiert und problemlos über das Studio in die Plattform importiert und mittels Git verwaltet werden.

Die Anbindung an externe Dienste erfolgt über das Django REST Framework (DRF). So kann zum Beispiel über die Anwendungsprogrammierschnittstelle (REST-API) eine Applikation angesprochen werden, die Micropayment (zum Beispiel über Paypal) oder Kursregistrierungen verwalten kann.

Alle Arten von Lernaktivitäten können in Open edX gemessen und analysiert werden. Die Fähigkeit, Lernen zu messen, wird eng mit der Fähigkeit verbunden, flexibel in dem Angebot zu agieren.

Ergänzt wird die Open-edX-Architektur durch sogenannte XBlocks, ein flexibles und erweiterbares Plugin-System. XBlocks ermöglicht Autoren, die Funktionalität stark zu erweitern, um differenzierte Lernmodelle u.a. in Fachbereichen wie Chemie, Mathematik oder Musik für Lernende zur Verfügung zu stellen.

Nativ integrierte Funktionen wie Foren, Wikis und Peer-Assessments sollen die aktive Beteiligung der Nutzer und die Kommunikation bzw. den Austausch zwischen den Lernenden sowie das gemeinschaftliche Lernen fördern. Komponenten wie diese können die Lernerfahrung positiv beeinflussen und optimieren.

Offene Standards für den Datenaustausch

Modulare Open-Source-Learning-Tools lassen sich vielseitig kombinieren, bieten viele Features an und sind in den jeweiligen Anwendungsszenarien stark skalierbar.

LMS-Systeme, die offene Standards anbieten, haben den Vorteil, dass externe Anwendungen und Informationen leicht integriert werden können. Die Nutzung von offenen Standards ermöglicht es Institutionen, Organisationen und Unternehmen, viele Anwendungsszenarien auszuwählen und flexibel zu erweitern.

Die meistgenutzten offenen Standards für Lerntools sind:

  1. Learning Tools Interoperability (LTI), der vom IMS Global Learning Consortium entwickelte Standard zur Integration von Plattformen mit Lernplattformen oder anderen virtuelle Lernumgebungen. Er ermöglicht die Wiederverwendung bereits bestehender hochwertiger Lerninhalte. Trainerinnen und Trainer können darüber die jeweiligen Inhalte in die im LMS angebotenen Kurse einbetten. Darüber hinaus können diese Lerninhalte als modulare Lernobjekte behandelt werden und auf smarte oder neuartige Weise neu gemischt werden, was vor allem für Verlage ein interessanter Mehrwert ist.
  2. SCORM-Kompatibilität: Das Shareable Content Object Reference Model (SCORM) ist ein Referenzmodell zum systemübergreifenden Austausch elektronischer Lerninhalte und bietet ein Standardprotokoll zur interoperablen Wiederverwendung, Aufzeichnung und Verschlagwortung.
  3. Open Badges: Ein offener Standard für Zertifikate, der ursprünglich von der Mozilla Foundation entwickelt wurde. Open Badges bietet einen „Badge generator“ namens Badgr.
  4. XML als die am weitesten verbreitete Sprache für die Strukturierung von Dokumenten.

Fazit

Quelloffene Lösungen und offene Standards sind im Bereich des Learning Managements weit verbreitet. Ihr Einsatz setzt beim Verlag die Bereitschaft zur digitalen Transformation und den Bedarf an hoch performanten, nicht proprietären Lösungen voraus und belohnt die Mühe mit hochgradig konfigurierbaren und skalierbaren sowie schnell an Kundenbedarfe anpassbaren Software-Systemen, deren Betriebskosten überschaubar bleiben.

Kommentare

1 Kommentar zu "Der »Open Source«-Weg zum digitalen Lernerlebnis"

  1. Ralf Schiering | 4. Juni 2020 um 11:24 | Antworten

    Guter und wichtiger Beitrag. Gelcihwohl die gesamte Reihe.
    Anmoderiert wird der Beitrag mit: „…zögern aber angesichts der nötigen Investitionen. Gibt es da keine Open-Source-Lösungen?“ Es könnte der Eindruck entstehen, dass Open-Source-Lösungen grundsätzlich günstiger sidn als andere oder sogar kostenfrei. Der Aufwand für projektseitige Arbeit und Implementierung der nötigen Infrastruktur ist dann in jedem Fall anfallend.
    Und Standards für Datenaustausch nutzen viele LMS.

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