Was Führungskräfte von Füchsen lernen können

Matthias Nöllke. Foto: Uli Regenscheid.

Matthias Nöllke, promovierter Literaturwissenschaftler und ausgebildeter Journalist, ist vielfacher Buchautor, Keynote Speaker und Management-Coach mit Wohnsitz in München. Management-Bionik ist eines seiner Spezialgebiete. Foto: Uli Regenscheid.

Bionik fängt dort an, wo Menschen einsehen, dass die Natur auf bessere Lösungen kommt als der Intellekt. Dies ist auch im Management sinnvoll. Wir können der Natur sinnvolle „Erfindungen“ abschauen und sie wirksam in unser Führungshandeln integrieren.

Die Natur ist das erfolgreichste „Unternehmen“, und das Buch „ManagementBIOnik“ des Management-Vordenkers Matthias Nöllke bringt Dutzende verblüffender, funktionierender Beispiele, wie Führungskräfte erfolgreich die Natur nachahmen können. Im HR-Channel von buchreport.de verrät Nöllke einige von ihnen.

Wann haben Sie das letzte Mal einen Fuchs gesehen? Gut möglich, dass einer ganz in Ihrer Nähe lebt – und Sie bemerken ihn gar nicht. Vielleicht haben Sie auch einen in Ihrem Garten entdeckt, am Rande vom Spielplatz oder vom Friedhof, beim Spaziergang in der Abenddämmerung. Denn Füchse haben ihren Lebensraum mehr und mehr in die Nähe der Menschen verlegt. Was umso bemerkenswerter ist, als sie keinen schlimmeren Feind haben als den Menschen.

Alle anderen etwas größeren Raubtiere haben wir in unseren Breiten ausgerottet: Bär, Wolf und Luchs. Nur der Fuchs hat überlebt und das in beachtlicher Zahl. Die genauen Bestände lassen sich nur schätzen – anhand von toten Tieren, die meist auf das Konto von Jägern oder Autofahrern gehen. Auch Krankheiten wie Räude oder Staupe dezimieren die Bestände. Und ein alter Fressfeind ist dabei, bei uns wieder Fuß zu fassen: Der Wolf. Wo der auftaucht, gehen die Fuchsbestände deutlich zurück. Allerdings ist zu erwarten, dass die Füchse nur etwas Zeit benötigen, um sich auf den Wolf einzustellen. Danach dürfte ihre Zahl wieder steigen, vermutet der Förster und Autor Peter Wohlleben. Denn Füchse sind nicht nur äußerst anpassungsfähig, sie sind auch versierte „Resteverwerter“, die gerne mitnehmen, was die Wölfe an Beutetieren zum allgemeinen Verzehr zurücklassen.

Nahe am Feind überleben

Warum zieht es die Füchse in die Siedlungsgebiete der Menschen? Nun, die Lebensbedingungen, die sie hier vorfinden, sind vergleichsweise komfortabel. Das Nahrungsangebot ist gut und abwechslungsreich. Füchse fressen nicht nur Mäuse, Kaninchen und Vögel. Sie ernähren sich auch von Obst und Beeren. Sie verzehren Regenwürmer und greifen auch beim Vogelfutter zu. Außerdem finden sie im Hausmüll ein reichhaltiges Menü mit Wurst, Nudeln, Fleischresten und vielen anderen Köstlichkeiten.

Eine weitere Annehmlichkeit: In der Stadt werden Füchse nicht gejagt. Werden sie entdeckt, haben sie ausreichend Zeit, sich auf und davon zu machen. Ihr Unterschlupf lässt sich jederzeit verlegen. Kritischer wird es nur, wenn der Nachwuchs geschützt werden muss. Dann wird auch mehr Platz benötigt. Ansonsten sind die Fuchsforscher verblüfft, wo die Tiere überall Quartier finden: Im Dickicht, in Erdlöchern, in verlassenen Häusern, Kellern und Schuppen, unter Vordächern, hinter Wandverkleidungen, auf Baugerüsten und an vielen andern Orten, die halbwegs geschützt sind. Dabei müssen sie ihre Unterkunft nicht einmal selbst bauen. Wo Gefahr droht, lassen sich Füchse nicht so schnell wieder blicken. Die Grundregel für das Überleben in der Stadt lautet: Nur nicht auffallen.

Sie können auch anders – Erfolgsfaktor Flexibilität

Füchse galten lange Zeit als Einzelgänger. Das sind sie wohl auch – solange sie im Wald leben. Doch die Tiere, die ihren Lebensmittelpunkt in die Stadt verlegen, ändern ihre Lebensweise: Stadtfüchse bilden eine Art Rudel – ähnlich wie Wölfe, mit einem Alphapärchen an der Spitze. Allerdings verteilen sich die Tiere auf das Siedlungsgebiet. Die Schlafplätze sind mitunter weit voneinander getrennt. Sie begegnen sich meist nachts, wenn sie die Stadt durchstreifen. Dabei sind sie nicht in Gruppen unterwegs, sondern eher zu zweit, sie trennen sich und treffen wieder zusammen. Sie suchen Futter, spielen miteinander – und kümmern sich um das Thema Fortpflanzung.

Auch hier stellen sich die Füchse um: Gehören sie einem Rudel an, bekommt nur das Alphaweibchen Nachkommen. Dadurch nimmt der Bestand der Tiere nicht so schnell zu wie im Wald, wo die Reviere, die Füchse durchstreifen, wesentlich größer sind. Das liegt eben auch daran, dass die Wege in der Stadt wesentlich kürzer sind. Auf kleinerer Fläche finden die Füchse mehr Nahrung. Und so ist in manchen Stadtteilen die Fuchsdichte um einiges höher als im Wald.

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Leichtfüßig und neugierig

Auch wenn sie in der Stadt wohnen, bleiben Füchse Wildtiere. Den Menschen weichen sie nach Möglichkeit aus. Und doch mehren sich die Fälle, in denen Menschen die Tiere füttern und versuchen, mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Zwar sind Füchse vorsichtig, doch eben auch sehr neugierig. Sie wollen wissen, was um sie herum geschieht. Und da sie sich recht schnell umstellen, verlieren einige Füchse ihre natürliche Scheu und werden immer zutraulicher. Das nimmt allerdings selten ein gutes Ende. Sie sind nun mal Jäger und Raubtiere. Irgendwann schnappen sie zu, werden zu „Problemfüchsen“ und müssen geschossen werden. Daher sollten alle Fuchsfreunde die Tiere möglichst unbehelligt lassen. Sie kommen in der Stadt nämlich bestens zurecht. Sie sind leichtfüßig und ausgezeichnete Kletterer – darin sind sie ihren Verwandten, den Hunden und Hundeartigen, weit überlegen. Sie lauern ihrer Beute auf und beherrschen den „Mäusesprung“, mit dem sie die kleinen Nager erlegen. Darin ähneln sie den Katzen, mit denen sie aber nur weitläufig verwandt sind.

Füchse und Igel

Vom altgriechischen Dichter Archilochos stammt der Satz, dass der Fuchs „viele Dinge weiß“, der Igel aber „eine einzige große Sache“. Damit wollte er vielleicht lediglich ausdrücken, dass sich der Igel einfach nur zusammenrollen muss, um seine Ruhe zu haben. Dem Fuchs hilft seine ganze Schlauheit hier nicht weiter. Allerdings hat dieser Satz viele gelehrte Geister beschäftigt und den politischen Philosophen Isaiah Berlin zu einer vielbeachteten Unterscheidung zweier Denkungsarten geführt: Igel sind demnach diejenigen, die alles auf eine Kernidee, auf ein Prinzip, auf einen Leitsatz zurückführen, dem sie alles unterordnen. Füchse gehen hingegen ein Thema von vielen Seiten an, setzen verschiedenste Methoden ein und haben kein Problem, Annahmen zu verwerfen oder auch wieder aufzugreifen. Sie kleben nicht an einer Idee, sondern stellen sich immer wieder um. Leichtfüßig und flexibel, wie Füchse nun einmal sind.

Beide Denkungsarten haben ihre Stärken und ihre Berechtigung. Igel bohren sich tief in ihr Thema. Die Einheitlichkeit ihres Denkens gibt ihnen besondere Überzeugungskraft. Füchse finden leichter Zugang zur Gedankenwelt von anderen. Sie lassen sich stärker auf andere ein und sind in der Lage, widerstreitende Sichtweisen zusammenzuführen.

Anregungen für die Führungspraxis

Unauffällig, aber erstaunlich effektiv, ohne Zweifel gehört der Fuchs zu den „Hidden Champions“ der heimischen Tierwelt. Seine Eigenschaften kennzeichnen einen klugen, unaufdringlichen Führungsstil, der sich sehr wohltuend auf das Unternehmen auswirken könnte – das entsprechende Naturell der Führungskraft vorausgesetzt.

Präsent sein, ohne aufzufallen

Wie der Fuchs sein Revier durchstreift, so machen Sie sich als Führungskraft möglichst selbst ein Bild davon, was in Ihrem Unternehmen vor sich geht. Sie sind präsent, halten sich aber im Hintergrund und lassen die Dinge erst einmal laufen. Sie vermeiden jede Art von Dominanz, beobachten aber sehr genau. Kritik üben Sie anschließend unter vier Augen.

Viele kleine Erfolge summieren sich

Der Fuchs nimmt sich, was er bekommen kann: Vom Huhn bis zum Regenwurm – je nachdem, was gerade verfügbar ist. Auch Sie nutzen Ihre Chance und richten Ihre Aufmerksamkeit auf die kleinen nebensächlichen Dinge, um sie zum Erfolg zu führen. Das kostet Sie weniger Kraft als größere Vorhaben und womöglich können Sie mehr ausrichten, weil sich viele kleine Erfolge zu einer eindrucksvollen Bilanz aufsummieren können.

Als Führungskraft flexibel bleiben

Der Fuchs macht es vor: Er passt sich an, ändert Gewohnheiten und Lebensstil. Es gelten nicht mehr die „Gesetze des Waldes“, sondern die der Stadt. Dabei steht vieles zur Disposition. Und doch bleibt der Fuchs seiner Natur treu, kopiert nicht die anderen, sondern nutzt seine eigenen Fähigkeiten. Genau dadurch ergeben sich ungeahnte Chancen.

Suche die Nähe deines größten Gegners

Dass der Fuchs ausgerechnet in die Stadt zieht, lässt sich auch als Ermunterung verstehen, vor einem übermächtigen Gegner nicht zurückzuweichen. Sondern im Gegenteil: seine Nähe zu suchen. Hier ergeben sich neue Möglichkeiten – zu lernen und seine Schwächen zum eigenen Vorteil auszunutzen. Dass dies mit größter Behutsamkeit geschehen sollte und nicht ausschließt, eigene Wege zu gehen, auch das zeigt das Beispiel des Fuchses.

Führen mit Klugheit, Neugier und Zurückhaltung

Schließlich steht der Fuchs für eine Haltung, die uns noch in den späteren Kapiteln dieses Buchs begegnen wird: Die eigene Person zurücknehmen, aufgeschlossen sein und neugierig, nicht die offene Konfrontation suchen, sondern sich eher zurückziehen. Die kluge Analyse vor das eigene Handeln setzen – und am Ende sehr uneitel und pragmatisch die Methode verwenden, die den größten Nutzen verspricht. Die Erfolge dieser Führungskräfte sind vielleicht nicht spektakulär, aber stetig und durchdacht. Gerade deshalb sind sie für ein Unternehmen so wertvoll.

Mit freundlicher Genehmigung des Haufe Verlages.

 

Noellke,ManagementBIOnik. CoverMatthias Nöllke
ManagementBIOnik. Wie Tiere und Pflanzen Führungskräfte inspirieren können. Inklusive Arbeitshilfen online
277 Seiten broschiert. EUR 24,95
ISBN 978-3-648-12404-8
Haufe Verlag 2019

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