Frankfurter Buchmesse-Dilemma

Die Frankfurter Buchmesse geht in diesem Jahr zwei herausfordernde Wege:

  • Digital: Die Buchmesse wird, so sagt Börsenvereins-Vorsteherin Karin Schmidt-Friderichs, als „Labor“ dienen für die durch die Coronakrise beschleunigten Digitalisierungsprozesse, hier in Form eines ganzes Spektrums dezentraler und via Web verbreiteter Veranstaltungsformate. Unternehmens- und Produktpräsentationen, Geschäftsanbahnungen, Diskussionen, Weiterbildung und nicht zuletzt Autorenauftritte werden (auch) digital vermittelt. Ein Funktions- und Akzeptanztest für Weiterungen auch jenseits der Coronakrise.
  • Präsenz: Die Buchmesse soll physisch wie gehabt, aber stark reduziert an bekannter Stätte auf dem Frankfurter Messegelände und an weiteren Standorten in der Stadt stattfinden – mit Hygiene- und Abstandsregeln. Messechef Juergen Boos äußerte die Erwartung von vielleicht 30% der gewohnten Ausstellerzahl, hinzu kommt ein nach Abstandsregeln reduzierter Publikumsstrom. Aus Nord- und Lateinamerika, aber auch aus vielen asiatischen Märkten werden nach jetzigem Stand keine Teilnehmer oder gar Aussteller erwartet.

Details zu den Plänen: Mit Abstand, deutlich kleiner und viel im Netz

Große Verlage meiden »Geistermesse«

Die Präsenzmesse wäre ein Schatten der bisheriger Buchmesse-Veranstaltungen oder womöglich eine „Geistermesse“, wie es kopfschüttelnd von einem großen Marktteilnehmer heißt, der sich auf dieser Bühne jedenfalls nicht präsentieren will. Das Signal macht für die Planung der Präsenzmesse wenig Hoffnung:

  • Die größten deutschen Publikumsverlage der Gruppen Random House, Bonnier und Holtzbrinck werden ihre normalerweise die Messe prägenden Stände nicht aufbauen.
  • Dieser Rückzug der „Ankermieter“ wird Eindruck machen und die Buchungsmotivation anderer deutscher und europäischen Verlagshäuser dämpfen.
  • In einem Jahr, das bisher nahezu alle Verlage signifikant Umsatz gekostet hat, ist der Druck ohnehin gewachsen, den Kostenblock Buchmesse einzusparen und das Marketingbudget anderweitig einzusetzen – auch im avisierten digitalen Teil der Buchmesse.

Ein Veranstaltungskonzept ist explizit der Ansatz der großen deutschen Verlagsgruppen, um in diesem Jahr außerhalb der Messehallen Aufmerksamkeit für ihre Autoren und Programme herzustellen.

Diesen Plan und ihren Verzicht auf Messestände haben die großen Verlage dem Management der Frankfurter Buchmesse frühzeitig vermittelt. Gegen den Plan einer reduzierten Präsenzmesse haben nach buchreport-Informationen bei einem „Stimmungsbild“ auch die Verlegervertreter im Börsenvereinsvorstand votiert; die anderen Sparten Handel und Zwischenbuchhandel stimmten allerdings dafür.

Dramatische finanzielle Einbußen

Warum Buchmesse-Chef Juergen Boos und schließlich der Aufsichtsrat der Börsenvereins-Wirtschaftsholding BBG den Plan gleichwohl abgesegnet haben? Darüber wird jetzt in der Branche spekuliert. Fragen:

  • Wie passen etwa die jetzt zur Begründung hochgehaltenen Ansprüche („Schaufenster der internationalen Buchbranche“, „internationale Agora des intellektuellen Austausches“) zu der in diesem Jahr womöglich drohenden Messe-Tristesse?
  • Welche Rolle spielen die vertraglichen Verpflichtungen gegenüber der Messe Frankfurt?
  • Würde eine freiwillige Messeabsage zum jetzigen Zeitpunkt, gut 4 Monate vor dem Veranstaltungstermin und in der aktuellen „Lockerungsphase“, die Aussichten auf staatliche Finanzhilfen verringern?
  • Rechnet sich die Messeorganisation auch bei deutlich geringeren Erlösen?

Buchmesse-Pressekonferenz (am 28.5.) mit Kathrin Grün, Leiterin Kommunikation der Frankfurter Buchmesse, Börsenvereins-Geschäftsführer Alexander Skipis (oben), Börsenvereins-Vorsteherin Karin Karin Schmidt-Friderichs und Messechef Juergen Boos.

Klar ist, dass die Folgen für das wirtschaftliche Ergebnis der Frankfurter Buchmesse in jedem Fall dramatisch sind. Das Finanzielle habe aber nicht im Vordergrund der Entscheidung gestanden, die Messe stattfinden zu lassen, sagte Messechef Boos bei einem Pressegespräch (28. Mai) . Sollte die Präsenzmesse doch im Herbst abgesagt werden, wegen einer zweiten Infektionswelle, ließe sich aber vorstellen, was dies für das Unternehmen bedeuten würde.

Hintergrund: Die Frankfurter Buchmesse hat in den vergangenen Jahren jeweils 33 bis 34 Mio Euro umgesetzt und zwar über 90% aus der Oktober-Messeveranstaltung in Frankfurt.

Auf die buchreport-Frage nach zugesagter Unterstützung durch die Politik, erklärte Börsenvereins-Hauptgeschäftsführer Alexander Skipis, die Stadt Frankfurt stelle Räumlichkeiten kostenfrei zur Verfügung und auch Sicherheitskräfte, was das Messebudget entlaste. Man freue sich auch über die Zusage des hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier, der Buchmesse im Falle einer Absage aus Pandemiegründen zumindest einen kleinen Teil des Schadens zu ersetzen, es sei kein Rettungsschirm, aber es würde „in der großen Not helfen“.

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