»Die Branche schrumpft weiter«

Das Beratungsunternehmen Narses hat die Stimmungslage bei den digitalen Dienstleistern ausgelotet. Geschäftsführer Aljoscha Walser über die Innovations- und Investitionsbereitschaft der Verlagsbranche.

 

Aljoscha Walser ist Geschaftsführer von Narses, ein Beratungsunternehmen mit Spezialisierung auf Medien und Medienzulieferindustrie, insbesondere Software. Davor war er Führungskraft bei einer IT-Servicegesellschaft sowie in den Fachverlagen Haufe und Beuth. (Foto: Gudrun-Holde Oetner)

Was waren 2016 die großen digitalen Herausforderungen für Verlage?

Die Buchbranche schrumpft seit Jahren. Eine vergleichbare Entwicklung haben wir bei den Fachzeitschriften-Verlagen schon hinter uns, als die Anzeigenerlöse auf breiter Front erodierten. Vergleichbares kommt jetzt bei den Buchverlagen auch an.

Vor diesem Hintergrund sehe ich als die zentrale Herausforderung für Verlage, alle Prozesse zu digitalisieren und zu standardisieren, wo immer das möglich ist. Der Weg zum kostenoptimierten Wirtschaften führt über die Industrialisierung und der Weg zur Industrialisierung führt über die IT. Wer das nicht erkennt und gar in der IT kürzt statt zu investieren, hat verloren. Der Mindset der Kunden ist und bleibt die zentrale Herausforderung der digitalen Dienstleister.

Wie steht es um die Investitionsbereitschaft?

Momentan sehen wir, wenn überhaupt, primär Ersatzinvestitionen, also die Professionalisierung des Bestehenden. Echte Innovations-Investitionen beobachte ich eher bei den Fach- als bei den Buchverlagen. Wenn Publikumsverlage in Digitalität investieren, dann eher bei ihren Tochtergesellschaften, aber immer noch zu wenig in die eigenen Prozesse.

Wirkt sich die E-Book-Ernüchterung aus?

Ich verstehe die Ernüchterung nicht. Beim E-Books nähern wir uns einem erwartbaren Plateau. Signifikantes Wachstum erwarte ich erst wieder, wenn E-Books ihr volles Potential entfalten können. Dazu müssen zwei Bedingungen erfüllt sein:

Erstens müssen E-Books frei austauschbare Güter werden, die unabhängig vom Hersteller oder Distributor auf jedem beliebigen Device gelesen werden können.

Zweitens müssen E-Books endlich auch technologisch ihr volles Potential entfalten. Das dynamische Marktwachstum für flache E-Books, die textlich einfach nur eine Wiedergabe dessen sind, was wir in gedruckter Form auch haben, ist erschöpft.

Weiteres Wachstum entsteht erst, wenn es funktionale Erweiterungen gibt, wie mediale Einbindungen, Augmented-Reality- und Virtual-Reality-Anwendungen oder gute Übersetzungen und individuelle Übungen zum Sprachenlernen etc.

Zusammengefasst steckt der E-Book-Markt immer noch in den Kinderschuhen. Damit er erwachsen wird, müssen die Einschränkungen weg und die funktionalen Erweiterungen her. Dann sehen wir auch wieder kräftiges Wachstum.

Welche Rolle spielen die Rückzahlungsforderungen der VG Wort?

Das, was wir bisher mitbekommen haben, waren nur Vorbeben. Ich glaube, das Hauptbeben kommt erst noch. Auch die Tsunami-Warnung würde ich noch nicht aufheben. Wie unsere aktuelle Befragung der digitalen Dienstleister zeigt, sehen 80 % der Teilnehmer (noch) keine Auswirkungen auf ihr Geschäft. Aber das Jahr ist noch jung.

Wie ist die Prognose für 2017?

Die Buchbranche schrumpft weiter. Die VG Wort- Rückzahlungen werden deutliche Spuren im Markt hinterlassen. Gegen den Trend werden sich Fach- und Bildungsverlage behaupten. Nach unserer Auffassung werden die großen digitalen Dienstleister stark unter Druck kommen, ihre Leistungen als Mietangebote (SaaS) zu realisieren. Der Konsolidierungsdruck wird künftig nicht nur bei den Verlagen, sondern auch bei den Dienstleistern zunehmen und zu Veränderungen in der Eigentümerstruktur führen.

Auf der Erlösseite sehe ich kein Wachstum in den Stückzahlen, sondern rechne fest mit Preiserhöhungen auf breiter Front. Anders kann ich die jüngsten Interviews von Christian Schumacher-Gebler (Bonnier) und Jörg Pfuhl (Holtzbrinck) nicht verstehen. Ich bin davon überzeugt, dass wir gar nicht so viele Leser verlieren können, wie durch Preiserhöhungen an Umsatz zu gewinnen ist.

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