Tief enttäuscht

Die Briten haben abgestimmt und sich mit einer knappen Mehrheit von 51,8% für den Ausstieg aus der Europäischen Union (EU) entschieden. Auf der Insel herrscht derzeit großes Chaos, zumal Konsequenzen des Ausstiegs vorab kaum thematisiert worden waren. Auch in der Buchbranche gibt es heute kein anderes Thema als den „Brexit“. Hier waren und sind die EU-Befürworter in der Mehrheit, und zwar mit Abstand.

Noch am Vorabend des Referendums hatte der „Bookseller“ das Ergebnis einer aktuellen Umfrage veröffentlicht. Danach wollten 78% für den Verbleib stimmen (8% mehr als noch im Februar), 18% dagegen und 4% waren noch unentschieden.
Entsprechend heftig sind die Reaktionen ausgefallen, als buchreport britische Branchenplayer nach ihrer Meinung über das Wahlergebnis und mögliche Konsequenzen befragt hat. Viele Antworten waren sehr emotional, keine so pragmatisch wie von Richard Charkin, dem Executive Director von Bloomsbury: „Ich bin sehr enttäuscht, aber es wird schon werden.“

Einige wie der Londoner Verleger Andrew Franklin (Profile Books) und die Literaturagentin Carole Blake (Blake Friedmann) schickten ihren Statements eine Entschuldigung für das Abstimmungsergebnis voraus. „Es ist kein Trost, aber ich weiß, dass die überwältigende Mehrheit der Autoren, Agenten, Verleger und Buchhändler für den Verbleib in der EU war“, schreibt Franklin. „Das Ganze ist ein ganz schreckliches Desaster. Das Land hat gerade sehenden Auges eine Rezession losgetreten und das ist für Bücher ganz schlecht. Fast noch schlimmer ist, dass wir hier den Triumph von Lügen über überlegte Argumente erleben. In diesem Umfeld haben Autoren und Bücher es schwer.“

„Tief enttäuscht“ ist Carole Blake. „Mein ganzes Leben lang habe ich Verlegern weltweit die Bücher meiner Klienten verkauft und mit vielen Verlegern in der EU bin ich befreundet. Nicht nur das Abstimmungsergebnis ist mir ihnen gegenüber peinlich, sondern die Art und Weise wie die Ausstiegskampagne geführt wurde. Sie war streckenweise bösartig, unter der Gürtellinie und voller Hass; sie hat die Nation geteilt und die Narben werden uns noch lange begleiten. Die Buchbranche ist flexibel genug, um sich anzupassen, das hat sie immer getan. Angesichts der Tatsache, dass das Pfund im freien Fall ist, bin ich nur froh, dass wir unsere Geschäfte in Euro abwickeln.“

Neben tiefer Enttäuschung zieht sich die Angst vor dem wirtschaftlichen Abschwung und einer neuerlichen Rezession, vor der Experten vorab gebetsmühlenartig gewarnt hatten, wie ein roter Faden durch alle Statements. Faber-Verleger Stephen Page warnte zudem vor den Gefahren einer kulturellen Isolation in einem zunehmend internationalen Buchmarkt. „Ich bin zuversichtlich, dass wir weiterhin erfolgreiche Arbeit abliefern werden, aber natürlich stehen wir jetzt vor neuen Herausforderungen.“

Waterstones-Chef James Daunt, der vorab mit einer Mail an alle Mitarbeiter für Aufsehen gesorgt hatte, in der er vor den Folgen des Brexit warnte, spricht von einem „höchst bedauerlichen Ausgang.“ Ob und welche Konsequenzen sich für Großbritanniens größten Buchfilialisten ergeben, könne er noch nicht abschätzen. Aber: „Ich rechne stark damit, dass der nahezu unausweichliche wirtschaftliche Einbruch Einfluss auf unseren Umsatz haben wird. Derzeit sehe ich angesichts dieser schwarzen Wolken keinerlei Silberstreifen am Horizont.“

Aus eigenem Antrieb hatte Kate Wilson, Verlegerin des Kinderbuchverlags Nosy Crow bereits zu nächtlicher Stunde eine Mail geschickt. Sie schreibt: „Wir im Verlag sind alle sehr enttäuscht. Das ist nicht das Ergebnis, auf das wir als Verlag oder als Briten gehofft hatten. Kurzfristig wird das größte Problem für uns der im steilen Fall befindliche Pfundkurs sein. Nosy Crow ist in der ganzen Welt aktiv und rechnet in den unterschiedlichsten Währungen ab. Ich selbst sehe mich als Europäerin und bedauere sehr, dass meinen Kindern dieses Gefühl versagt bleiben wird.“

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