Im großen Stil ein Vollzeitjob

Poppy J. Anderson hat Mitte März beim Verkauf von E-Books und Taschenbüchern die Grenze von einer Million geknacht und ist die erste Amazon-Millionärin auf dem deutschen Markt. John Locke hatte die Marke 2011 in den USA als Erster geknackt. Im Interview spricht Anderson, die auch bei Rowohlt veröffentlicht, über ihre Erfahrungen als Selfpublisherin und mit Verlagen.

Warum sind Sie zunächst als Selfpublisherin gestartet?

Vom Selfpublishing hörte ich das erste Mal zur FBM 2012 und fand das Konzept dahinter sehr interessant. Damals hatte ich keinerlei Ambitionen, den Weg als Autorin einzuschlagen, weil ich an meiner Dissertation arbeitete und weil der Beruf der Autorin geradezu unerreichbar zu sein schien. Zwar hatte ich schon immer und viel geschrieben, aber ich glaubte, dass es unmöglich sei, einen Verlag auf mich aufmerksam machen zu können. Das Schreiben war lediglich ein Hobby. Das Selfpublishing wirkte wie eine unkomplizierte Möglichkeit, meine Bücher Lesern zugänglich zu machen und gegebenenfalls etwas Feedback zu erhalten. Erwartungen hatte ich ehrlicherweise keine.

Und warum veröffentlichen Sie mittlerweile auch bei einem Verlag?

Vor allem in der ersten Zeit als Selfpublisherin hatte ich das Gefühl, mich erst dann wie eine „richtige“ Autorin fühlen zu können, wenn meine Bücher über einen Verlag veröffentlicht würden. Die Vorstellung, mein Taschenbuch in einer Buchhandlung entdecken zu können, war absolut verlockend – ein bisschen wie ein Ritterschlag. Zudem dachte ich an die zusätzliche Sichtbarkeit, die der stationäre Buchhandel leisten kann. Vor vier Monaten kam mein erster Roman als Taschenbuch durch Rowohlt in den Buchhandel, was vor allem der Etablierung bei klassischen Lesern zugute kam, die keine E-Books lesen.

Was kann man allein besser, was kann ein Verlag besser?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass der Verlag eine höchst professionelle Institution ist, in der alle Ressorts ineinander greifen. Lektorat, Cover, Marketing und Vertrieb arbeiten dort Hand und Hand. Man weiß einfach, was man tut. Als Selfpublisher hingegen ist man einem andauernden Lernprozess unterworfen und muss erst einmal herausfinden, was funktioniert. Viele Kniffe, Techniken oder fundamentales Wissen müssen angeeignet werden. Anfangs sind zudem keine Netzwerke vorhanden. Andererseits ist das Selfpublishing freier und weniger reglementiert. Spontane Entscheidungen oder kurze Abstände zwischen den Veröffentlichungen stellen kein Problem dar. Der Selfpublisher besitzt zwar für sein Gesamtwerk die volle Verantwortung, jedoch auch die absolute Freiheit. Und er hat die gesamte Arbeitsbelastung, die nicht zu unterschätzen ist, da Selfpublishing im großen Stil ein Vollzeitjob ist. Veröffentlicht man dagegen bei einem Verlag, bedeutet dies eine enorme Entlastung.

Welche Eigenschaften braucht ein Autor neben dem zündenden Stoff, um als Selfpublisher sein Publikum zu finden?

Als Selfpublisher muss man präsent sein – insbesondere in den sozialen Netzwerken. Dafür sollte man kontaktfreudig sein, immer wieder interessante Beiträge bringen und eine gewisse Neugier bei den Lesern wecken, ohne sie lediglich mit Werbung für das jeweilige Buch zu bombardieren. Außerdem darf man neuen Ideen gegenüber nicht völlig verschlossen sein. Der Vorteil des Selfpublishings ist nun einmal, dass die Autoren über ihre Profile erreichbar sind und nicht den Eindruck erwecken, in einem Elfenbeinturm zu sitzen und dort an ihrem neuesten Werk zu schreiben. Wir geben während des Schreibprozesses Einblicke in unsere Arbeit und können unsere Leser bereits vor der Veröffentlichung neugierig auf das Buch machen.

Muss man als Selfpublisher am laufenden Band produzieren, um erfolgreich zu sein?

Generell habe ich etwas gegen den Ausdruck „Produktion“ oder gar „Massenproduktion“, wenn es um das Schreiben geht. Selfpublisher schreiben mit einem ebensolchen Herzblut und der gleichen Leidenschaft, wie es Verlagsautoren tun, nur können sie selbst entscheiden, wie viele Bücher sie veröffentlichen wollen, und müssen sich nicht nach einem Verlagsprogramm richten. Selbstverständlich gibt es Stimmen, die fleißigen Selfpublishern vorwerfen, dass die Qualität der Romane unter der Anzahl der Veröffentlichungen leiden könnte, doch aus meiner eigenen Erfahrung muss ich dem widersprechen. Ich schreibe Unterhaltungsromane und unterhalte meine Leserschaft. Punkt. Bislang hat sich keine Leserin darüber beschwert, dass ich viele Bücher schreibe. Das Gegenteil ist der Fall. Sobald ein neuer Roman draußen ist, werde ich gefragt, wann der nächste Band erscheinen wird. Ob man am laufenden Band Bücher veröffentlichen muss, um erfolgreich zu sein, wage ich zu bezweifeln, da dies von Genre zu Genre unterschiedlich ist.

Wie wichtig ist der stationäre Buchhandel für Selfpublisher?

Der stationäre Buchhandel ist für jeden Selfpublisher verlockend und wäre sicherlich ein sehr wichtiges Instrument, um die eigenen Bücher an den Mann bzw. an die Frau zu bringen. Leider sind es meistens die bürokratischen Hindernisse, die sehr abschreckend wirken und dazu führen, dass Selfpublisher lieber bei dem Altbewährten, den Online-Plattformen, bleiben. Der Eindruck, dass sich der Aufwand nicht lohne, ist unter Selfpublishern stark verbreitet.

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