Vom Wahnsinn dieser Machtergreifung

Mit dem öffentlich ausgetragenen Konditionenstreit zwischen Amazon und Buchverlagen bleibt das Thema, wie das globale Online-Unternehmen die Kulturindustrie verändert, im Fokus. Die „Zeit“, die Amazons Marktmacht bereits mehrfach umfänglich und kritisch analysiert hat (siehe hier und hier), widmet sich erneut dem Thema.

„Brauchen wir Amazon?“ heißt es in der aktuellen Ausgabe (17.7.), diskutiert über drei Seiten die Marktmacht und Ziele des Online-Riesen, lässt Verleger und vor allem Autoren zu Wort kommen. Feuilleton-Chefin Iris Radisch (55) analysiert im einleitenden Artikel, dass aus dem „genialen Giganten“ des servicefreundlichen Versenders mit Blick aufs Buch ein „gefährlicher Gigant“ geworden ist, der es auf die gesamte Wertschöpfungskette abgesehen hat, „der darum kämpft, der Welt die Regeln zu diktieren, nach denen sie in Zukunft Bücher kaufen, lesen, schreiben und vertreiben wird“.

Nach dem reuigen Bekenntnis, schon oft bei Amazon bestellt zu haben, und etwas Bewunderung („unschlagbar“, „atemberaubender Erfolg“) findet Radisch Luft für deutliche Worte über die von Amazon angestrebte „totale und globale Kontrolle über die Welt der Buchstaben“.

Unverständlich sei, „dass die europäischen Regierungen dem Wahnsinn dieser Machtergreifung tatenlos zugesehen haben“. Radisch verweist auf das Verschwinden inhabergeführter Buchhandlungen und kleinerer Verlage, verweist auf Probleme, die mittlerweile die großen Buchhandelsketten haben, um dann zum bekannten Konditionenstreit zu kommen.

Zum Thema hat die „Zeit“ knapp 20 Schriftsteller befragt – auch nach ihrem eigenen Buchkaufverhalten, wobei die Autoren häufiger darauf verweisen, dass bei antiquarischen und fremdsprachigen Büchern eben kaum ein Weg an Amazon vorbeiführe. Daniel Kehlmann findet ausdrücklich den E-Reader „Kindle“ und den Amazon-Service toll. Davon loszukommen, sei ähnlich schwierig, wie sich das Rauchen abzugewöhnen.

Insgesamt reicht das Meinungsspektrum etwa von Sibylle Lewitscharoff („Ich wünsche diesem entsetzlichen Monopolisten den Untergang“) bis Kathrin Passig („Um nicht über das reden zu müssen, was Amazon richtig macht, wird über das geredet, was das Unternehmen falsch macht“).

US-Schriftsteller Jonathan Franzen wundert sich, dass rechtschaffene liberale Amerikaner und Europäer weiter bei Amazon kaufen: „Was denken die Leute eigentlich, was ein brutaler, habgieriger Betrieb, der seine Kunden überwacht, anstellen wird, wenn er schließlich, nach Jahren niedriger oder negativer Nettoeinnahmen, seinen Monopolstatus erreicht und in der Lage ist, die Preise zu diktieren?“

Die britische Schriftstellerin A.L. Kennedy erinnert an den Beitrag der großen Ketten zum „ungesunden Klima“ in der Buchbranche. Auch Roger Willemsen findet, Amazon radikalisiere allenfalls Dinge, „die an vielen Stellen üblich waren.

Kommentare

2 Kommentare zu "Vom Wahnsinn dieser Machtergreifung"

  1. Kleine Sortimenterin | 19. Juli 2014 um 11:16 | Antworten

    Liebe Frau Radisch,
    mich haben Kunden auf den Artikel angesprochen, und möchte deshalb eine Anmerkung loswerden. Es ist nicht so, daß der gesamte antiquarische Büchermarkt über Amazon stattfindet, das booklooker Portal ist eine echte Alternative. Das Unternehmen ist hier angesiedelt, jeder kann gegen eine geringe Gebühr – nur im Verkaufsfalle – Bücher verkaufen. Im Gegensatz zu Amazon, der eine hohe Provision nimmt und diese Provision wird dann über Luxemburg mit allen Steuertricksereien abgerechnet-
    bleibt das Geld im Lande.
    Vielleicht berichten Sie einmal von attraktiven Gegenmodellen,
    damit die Leser der Zeit eine Alternative finden. Wenn man einen beim Namen nennt, sollte man die anderen nicht „vergessen“.
    Herzlichst
    Ihre „Kleine Sortimenterin“

  2. Und am Verschwinden der inhabergeführten Buchhandlungen haben die deutschen(!) Buchhandelsketten ja so gar keine Mitschuld?!
    Zudem mir noch kein Fall bekannt ist, dass ein kleinerer Verlag wegen Amazon vom Markt verschwunden wäre.
    Mal sehen, wann Bezos auch an der Ermordung Cäsars schuld gewesen sein soll …

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