Selfpublisher verdienen mehr

Transparente Zahlen zum E-Book-Markt sind Mangelware, viele Daten basieren auf Hochrechnungen und groben Schätzungen zur Black Box von Amazon, Barnes & Noble & Co. Der Science-Fiction-Autor Hugh Howey will dies ändern. Er hat basierend auf den Bestsellerlisten von Amazon.com eine umfangreiche Datenbasis aufgestellt. Das Fazit seiner viel beachteten Analyse: Selfpublisher haben das erfolgreichere Geschäftsmodell. Jetzt bahnt sich eine Protestbewegung der Autoren an.

Vielen Autoren falle es schwer, sich zwischen einem traditionellen Verlag und der Selfpublishing-Option zu entscheiden – weil sie aufgrund mangelnder Daten nicht einschätzen könnten, wie viel sie letztlich verdienen, so der Ausgangspunkt von Howeys Analyse. Der in den USA als Selfpublisher erfolgreiche Autor, der hierzulande bei Piper unter Vetrag steht und in Großbritannien erst kürzlich wieder bei Random House UK unterschrieben hat, hat es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, transparente Daten zu sammeln und zu analysieren. In einem ersten Schritt hat er mit einem (unbenannten) Programmierer Daten der Amazon.com-Bestsellerlisten gesammelt und aufbereitet. Basierend auf den Verkaufszahlen von 7000 E-Books hat er folgende Erkenntnisse gesammelt:
  • Werke von Selfpublishern werden besser bewertet: Vergleicht man die Rezensionen von Werken, die bei den fünf größten US-Großverlagen erschienen sind, mit denen von Selfpublishern oder kleineren Verlagen, falle auf, dass die Werke der Indie-Autoren mit 4,25 bis 4,5 Sternen im Schnitt etwas besser bewertet werden als die bei den Großverlagen erschienenen Werke (4 bis 4,25 Sterne).
  • Werke der Selfpublisher kosten nur die Hälfte: Howey führt die schlechteren Bewertungen der Verlagsbücher darauf zurück, dass diese im Durchschnitt deutlich teurer seien (rund 7 Dollar) als die der Selfpublisher (rund 3 Dollar). Wahrscheinlich setzten die Leser ihre Bewertung mit dem Preis ins Verhältnis, schätzt Howey. Seine Empfehlung: Verlage, die auf lange Sicht bessere Bewertungen und damit höhere Verkaufszahlen erzielen wollten, sollten ihre Bücher deutlich günstiger anbieten. Auch könnten sie dann verhindern, dass die Leser sich aufgrund der niedrigeren Preise lieber bei Selfpublishern bedienen.

  • Selfpublisher verkaufen mehr E-Books als die fünf Großverlage: Betrachte man nur die Genres Mystery/Thriller, Science Fiction/Fantasy und Liebesromane (die gemeinsam 70% der 100 meistverkauften E-Books bei Amazon ausmachen), so falle auf, dass die Selfpublisher diese Genres mit einem Titelanteil von 35% dominieren, bei den fünf Großverlagen seien nur 28% der Titel erschienen. Innerhalb der Genres Mystery/Thriller, Science Fiction/Fantasy und Liebesromane verkauften die Indie-Autoren mehr Titel (ihr Anteil: 39%) als die fünf Großverlage (34%). Howey empfiehlt den Verlagen, mehr auf Genre-Literatur zu setzen.

  • E-Books dominieren die Bestsellerlisten von Amazon: Die bisher publizierten E-Book-Anteile am Gesamtmarkt basieren meist auf Daten größerer Verlage, die Verkaufszahlen der Selfpublisher und kleinerer Verlage bleiben außen vor. So ergebe sich ein schiefes Bild, meint Howey. Denn der tatsächliche Marktanteil der E-Books sei deutlich höher. Laut seiner Analyse sind 86% der 2500 meistverkauften Genre-Titel im digitalen Kindle-Format erschienen. Betrachte man nur die 100 meistverkauften Titel, dann sei die E-Book-Dominanz noch deutlicher zu sehen, hier liege der Anteil der Kindle-Titel bei 92%. Zwar sei ihm bewusst, dass die alleinige Betrachtung der Amazon-Daten auch nur einen Ausschnitt zeige, immerhin sei aber Amazon der wichtigste Marktteilnehmer für Verlage und Autoren.
  • Selfpublisher verdienen mehr: Sofern die Autoren ihre Titel über einen der fünf Großverlage verkaufen, so ist der Verlagsanteil am Umsatz laut Howey doppelt so groß wie der des Autors. In der Genre-Literatur verdienten Indie-Autoren insgesamt etwa 50% mehr als ihre bei einem Verlag publizierenden Kollegen – und das, obwohl ihre Bücher meist nur die Hälfte kosteten. Mit ihren günstigeren Preisen und höheren Autorenanteilen schienen die Selfpublisher die Erfahrung und die Marketingkraft der Verlage auszuhebeln, so Howey. Dies könne nicht etwa dadurch erklärt werden, dass die Indie-Autoren mehr Bücher publizierten. Im Gegenteil: Die meisten Selfpublisher verdienten mehr Geld mit weniger Büchern als ihre unter Verlagsvertrag stehenden Autoren, zeigt Howeys Analyse.

Auch wenn in ersten Kommentaren zur Studie Zweifel an der Datenbasis geäußert wurden: Auf Verlage könnte eine Protestwelle zukommen, sofern sich weitere Autoren der Analyse von Howey anschließen: Dieser fordert seine Kollegen auf, sich zusammenzuschließen und für fairere Konditionen und höhere Tantiemen zu kämpfen – denn unabhängig von der Qualität der Manuskripte könnten Autoren auf eigene Faust in der Regel mehr verdienen als bei einem traditionellen Verlag. Auch sollten die Verlage endlich ihre Preise senken, um durch höhere Absätze letztlich mehr Umsatz zu erzielen. 

Howey fordert Autoren wie Verlage auf, die Daten selbst nachzurechnen, zu kritisieren und gemeinsam eine transparente Datenbasis  aufzustellen. Zu diesem Zweck hat er die Rohdaten im Excel-Format zur Verfügung gestellt und die Internetseite authorearnings.com eingerichtet, auf der weitere Analysen zu E-Book-Verkaufszahlen erscheinen sollen. Zudem hat er eine Petition eingerichtet, mittels der die Autoren bessere Konditionen, niedrigere Preise und den Abschied von DRM fordern können. Denn ein Wandel in der Verlagswelt könne nur dann stattfinden, wenn alle Autoren gemeinsam dafür kämpfen.

Inwiefern die US-Daten mit denen aus Deutschland vergleichbar sind, hat „Focus“-Redakteur und Selfpublishing-Experte Matthias Matting in seinem Blog selfpublisherbibel.de analysiert.

Die deutschen Verlage und Autoren können demnächst auch direkt mit Howey über seine Analyse diskutieren: Am 6. Mai ist er auf der Berliner Klopotek-Konferenz „Publishers Forum“ zu Gast.

Kommentare

2 Kommentare zu "Selfpublisher verdienen mehr"

  1. Selten so gelacht. Ich bin auf die Protestbewegung der Autoren gespannt … und auf das überraschte Gesicht von Herrn Howex, wenn er erfährt, dass es in Deutschland eine Preisbindung gibt.

  2. Michael Lemster | 16. Februar 2014 um 16:56 | Antworten

    Wenn eine Preisdifferenz von 133% in einer kaum wahrnehmbar schlechteren Durchschnittsbewertung (4,25 statt 4,5) resultiert, braucht den Verlagen nicht bang zu sein…

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