In bestimmten Bereichen behindert das Urheberrecht Kreativität

Ein Richtungswechsel des Börsenvereins? Nachdem der Branchenverband in den vergangenen Monaten in der Debatte über das Urheberrecht mitunter lieber gezündelt als deeskaliert hatte, positioniert sich Geschäftsführer Alexander Skipis (Foto) auffällig offen für eine Reform. Die Branche müsse sich die Frage stellen, ob in bestimmten Bereichen Korrekturen notwendig seien.

Seine Stellungnahme im Wortlaut:

„Die Diskussion zum Urheberrecht und damit zum Schutz des geistigen Eigentums hat mit der emotionalen Stellungnahme des Musikers Sven Regener, über die breit berichtet wurde, eine Wendung erfahren. Die Glaubwürdigkeit schöpferisch Tätiger, die sich – wie letzte Woche namhafte Autoren in der „Zeit – nun zu Wort melden, ist so hoch, dass die Diskussion sich versachlichen wird. Trotz Wahlerfolgen der Piraten wird deren bestürzende Inkompetenz und Faktenignoranz entlarvt. Wünschen kann man sich viel, wer aber die Antwort auf Umsetzbarkeit schuldig bleibt, zeigt sich mehr als Verführer denn als Visionär der Zukunft.
Mehr denn je müssen aber auch wir unsere Positionen zum Urheberrecht überdenken und ebenso unsere Kommunikationsstrategie. Dazu drei Thesen, die nur in ihrem Zusammenspiel den Weg zum Erfolg weisen:
  1. Unser Standpunkt bisher klingt fest: Das Urheberrecht ist gut so, wie es ist; es bedarf keiner Veränderungen. Jeder, der dagegen verstößt, muss verfolgbar sein. Das Recht muss in jedem Fall durchgesetzt werden. Unter rechtsstaatlichen Gesichtspunkten sind alle diese Positionen absolut richtig. Mit der Lebenswirklichkeit und den Gesetzen der Internetkommunikation haben sie allerdings immer weniger zu tun.

    Es ist offensichtlich geworden, dass das Urheberrecht in bestimmten Bereichen vor allem der sozialen Kommunikation im Netz die Entfaltung von Kreativität eher behindert als fördert. Damit steht es dort auch der Verbreitung und Nutzung unserer Inhalte entgegen.

    Wir als Branche müssen uns die Frage stellen, ob nicht gerade in dem genannten Bereich Korrekturen notwendig sind. Ich denke an den Literaturfan, der zwei Seiten aus einem Roman auf seine Facebook-Seite stellt, um den Text mit seiner Community zu diskutieren. Solange wir Fälle wie diesen für verfolgungswürdig halten, reden wir einem Urheberrecht das Wort, das die Urheber nicht nur schützt, sondern ihnen indirekt auch schadet. Auf der anderen Seite muss verdeutlicht werden, dass das Urheberrecht grundrechtlich geschützt ist. Es bildet nämlich die Existenzgrundlage derer, die ihre Arbeitskraft für eine immaterielle Leistung einsetzen und auf diese Weise wertvolle und stark nachgefragte Beiträge zur Entwicklung unserer Gesellschaft erbringen.

  2. Unsere Kommunikation zum Urheberrecht muss neu justiert werden. Bisher senden wir vorwiegend Verbotsbotschaften aus. Künftig sollten wir mehr über die Vorzüge eines starken Urheberrechts sprechen. Wir sollten der Öffentlichkeit darlegen, dass der Schutz des geistigen Eigentums die Voraussetzung überhaupt für die Entfaltung jeglicher Kultur ist und damit für ein vielfältiges und hochwertiges kulturelles Angebot, an dessen Qualität und Verbreitung die Verlage maßgeblichen Anteil haben. Dafür brauchen wir Verbündete, nämlich die Autoren, Künstler, Filmschaffenden, Musiker und anderen Kreativen. Sie wirken glaubwürdig, weil sie in ureigener Sache reden. Im rechten Moment haben sie nun begonnen, sich in die Debatte einzumischen. Wir sind gut beraten, sie darin wo nur möglich weiter zu unterstützen.
  3. Das Urheberrecht muss endlich durchsetzbar werden. Ohne diese dritte These hätten die beiden zuvor formulierten keinen Wert. Kein Gesetz wirkt, wenn nicht die Entschlossenheit einer Gesellschaft dahintersteht, dem Wertekonsens widersprechendes, rechtswidriges Handeln aufzuklären und am Ende notfalls auch mit Sanktionen zu belegen. Die Politik ist aufgefordert, Farbe zu bekennen und zu handeln. Konkrete Modelle etwa für Warnhinweise an Rechtsverletzer liegen lange vor. Es wird höchste Zeit, die Provider in die Verantwortung dafür zu nehmen, dass Rechtsverstöße nicht weiterhin ungeahndet möglich bleiben. Die bisherige Do-nothing-Strategie grenzt schon an unterlassener Hilfeleistung für die vielen Urheber, die zunehmend in Not geraten.“
Diese Stellungnahme wurde zuerst auf boersenblatt.net veröffentlicht.

© Foto: Ralf Oeser

Kommentare

2 Kommentare zu "In bestimmten Bereichen behindert das Urheberrecht Kreativität"

  1. Manuel Bonik | 16. Mai 2012 um 23:18 | Antworten

    Ad 1: Schön und gut. In diesem Zusammenhang sollte man auch mal zum Beispiel darüber nachdenken, ob die Piratenpartei nicht recht hat, wenn sie meint, dass 70 Jahre Copyright nach dem Tode des Autors vielleicht ein wenig übertrieben sind. Es gibt in diesem Bereich sicherlich ein paar Stellschrauben, an denen sich drehen ließe, um Urheber und User einander näher zu bringen. Im übrigen ist es weitgehend völlig richtig, der Piraten-Partei „bestürzende Inkompetenz und Faktenignoranz“ zu bescheinigen – das sehe ich ganz genauso. Gerade beim Thema Piraterie sind die bemerkenswert unbeleckt. Ist aber nicht nur deren Problem.

    Ad 2: Die „Wir sind die“-Urheber fordern eine Stärkung des Urheberrechts. Deswegen gefällt Ihnen deren Aufruf wohl. Dabei gibt es doch längst den Digital Millenium Copyright Act und das Notice-and-Downtake-Verfahren, und wer als Autor oder Verlag Piraterieprobleme hat, dem kann doch ruckzuck und für kleines Geld (noch) geholfen werden. Warum propagieren Sie nicht mal das? Manchmal beschleicht mich der Verdacht, dass Ihnen die Juristen- wichtiger als die Buchbranche ist.

    Ad 3): Das Ur soll nicht nur gehoben, sondern auch noch durchgesetzt werden. Sapperlot! Warnhinweise! Da werden unsere internationalen Piraten jetzt aber einen schlimmen Schreck kriegen! Tip: Ein toter Link ist der effektivste Warnhinweis (vgl. Ad 2). Es bleibt unverstehbar, was ein Warnhinweis bringen soll, wenn der Link weiterhin dasteht und der Download also weiterhin zur Verfügung. So oder so muss man den Link doch erstmal aufspüren, der Aufwand ist der selbe, und dann kann man den Link doch gleich runternehmen. Wollen Sie da Werbung für den Börsenverein schalten, oder worum geht es?

    Vielleicht sollten wir alle mal einen Gruppenausflug zur Klagemauer machen. Das bringt zwar (vermutlich) auch nichts gegen Piraterie, aber hat wenigstens was mit der Realität zu tun.

  2. Alexander G. | 16. Mai 2012 um 22:29 | Antworten

    Fast möchte ich sagen: ,na bitte, geht doch.“ – aber dafür sind unsere Positionen dann doch zu weit entfernt 🙂 auf jeden Fall einmal vielen Dank füsr diesen Versuch ein Versachlichung der Debatte. Darauf kann man nun aufbauen und versuchen, eine Lösung zu finden, mit der alle Seiten leben können.

    Dass dies noch ein weiter weg ist, sieht man daran, dass hier immer noch die quasit totale Kommunikationsblockade von Privatpersonen als „Warnhinweise“ verharmlost wird. Aber gut, da vertraue ich im Zweifelsfall ohnehin eher dem Verfassungsgericht, dazu ein klares Wort zu sprechen.

    Immerhin also: wir reden wieder miteinander. Ds ist gut so.

    Es grüßt freundlich

    ag.

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