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Verlage
Donnerstag, 14. Februar 2013 (11:41 Uhr)


Der Germanist Roland Reuß attackiert Amazon

„E-Reader sind killing-machines“

Der Heidelberger Germanist Roland Reuß (Foto: LukR) ist kein Freund von Open Access, warnte schon frühzeitig vor der Bücher-Digitalisierung durch Google (buchreport.magazin April 2009) und befürchtet jetzt, dass Amazon erst die Buchhandlungen und dann die Verlage „abmetzelt“. Sein Ratschlag an Sortimenter: Finger weg vom E-Book-Geschäft.

Im folgenden Interview mit buchreport.de führt Reuß die Kritik an Amazon und am digitalen Gseschäft von Buchhandlungen aus, die er in dieser Woche in einem Artikel in der „FAZ“ äußerte. 

 

Ist die Krise des Buchhandels hausgemacht?

Die Krise des Buchhandels ist nicht hausgemacht – sieht man einmal davon ab, dass es flächendeckend immer wieder Läden gibt, die etwa keine Lust haben, bei Verlagen direkt zu bestellen und behaupten, es gebe bestimmte Bücher nicht, bloß weil sie ihr Grossist nicht auf Lager hat.

Die Krise ist tatsächlich durch die Investitionen des amerikanischen IT-Kapitals hervorgerufen und da speziell durch die Infrastruktur, die Amazon, von weiten Teilen der Öffentlichkeit in ihrer Problematik unbemerkt, in den letzten zehn Jahren aufgebaut hat. Die beuten systematisch die Faulheit der Leute aus (Bequemlichkeit) und schaden nicht nur der Buchbranche, sondern dem Einzelhandel insgesamt – und zwar massiv. Das wird bald auch ein wirtschaftliches Problem in jeder Region Deutschlands werden. Mich wundert, warum die Landtags- und Bundestagsabgeordneten vor Ort nicht stärker in die Pflicht genommen werden.

Denn hier geht es um einen bedeutenden Rückgang von Umsatz- und Gewerbesteuer und natürlich auch um drohende Arbeitslosigkeit. Dass die Firma mit Sitz in Luxemburg, die das planierraupenmäßig auf der ganzen Welt durchzieht, von einem korrupten EU-Recht steuerlich profitiert und durch Steuerersparnis Gewinne macht, ist nicht hinnehmbar. Die Franzosen haben es immerhin soweit gebracht, dass sie das Unterlaufen der Buchpreisbindung durch die Portofreistellung unterbunden haben. Das ist schon einmal ein erster Schritt.

Amazon hat soviel Grundkapital, dass es sich leisten kann, die kleineren Firmen mit Dumping kaputtzumachen. Das muss als politisches Problem endlich ernst genommen werden. Wir haben es hier mit einem extrem aggressiven Manchesterkapitalismus zweiter Ordnung zu tun. Der ganze Kuschelkurs der früher linken Parteien mit ihrer erschlichenen Internetaffinität beruht auf mangelnder Urteilskraft. Die wissen, undialektisch wie sie geworden sind, buchstäblich nicht, womit sie es zu tun haben. 

Amazon gewinnt immer mehr Marktanteile. Was raten Sie den Buchhändlern, wenn das Kerngeschäft Print kontinuierlich schrumpft und immer mehr Leser digitale Lektüre suchen? 

Das ist eine reine Behauptung, dass immer mehr Leser digitale Lektüre suchten. Natürlich wird, peinlicherweise auch auf den Seiten des „Börsenblatts“, massiv die Reklametrommel für diese Geräte und die Dateien geworben. Das ist verständlich, denn die Angst hier etwas zu verpassen, hat zu massiven Fehlinvestitionen geführt, und auch die wollen natürlich wieder amortisiert werden.

Machen wir uns nichts vor: Die E-Books sind keine Bücher, für die Vertreiber sind sie nichts anderes als geschickt versteckte Marketinginstrumente, bei denen über WLAN Lektüreverhalten kontrolliert und ausgewertet wird. Für die braucht man aber keine Buchhandlung, da reichen bundesweit ein Handvoll Techniker in einem zentralen Büro mit ein paar Servern. Und genau das gibt es schon längst bei Amazon.

Buchhändlern zu empfehlen, auf so etwas zu setzen, ist wie ihnen die Visitenkarte des nächsten Bestattungsunternehmens zukommen zu lassen. Deshalb habe ich von E-Book-Readern als killing-machines gesprochen. Für jeden halbwegs mit dem ,Netz' vertrauten, ist es ein leichtes, Seiten aufzusuchen, die die ganze SPIEGEL- Bestsellerliste, ,kostenlos' anbieten. Ich sage ,kostenlos' immer nur mit Kneifzange, denn die Kosten zahlt die Gesellschaft insgesamt. Darüber wird in dieser Verharmlosung der Datenkompromittierung gar nicht gesprochen, aber das ist der zentrale Punkt. 

Wie steht es in Ihren Augen um die Preisbindung? 

Amazon hat ja gezielt die Antiquariatsportale ZVAB und Abebooks aufgekauft. Außerdem werden Privatanbieter ermuntert, auf der Amazon-Website antiquarisch Bücher angeboten. An sich wäre das noch nicht schlimm. Man kann aber die Beobachtung machen, dass bereits bei Erscheinen nagelneue Bücher zu günstigeren Preisen als dem gesetzlichen Ladenpreis angeboten wird, manchmal wird sogar geworben dafür, dass diese Bücher noch eingeschweißt sind. Das kann gar nicht sein.

Bei den Geschäftspraktiken, die die Firma auch sonst an den Tag legt, kann man vermuten, dass es darum geht, zunächst (und sei dies auch mit finanziellen Einbußen) das Bewusstsein so zu manipulieren, dass die Leute immer weniger begreifen, was das ist: Preisbindung. Nachdem mit diesen Billigangeboten die lokalen Buchhandlungen abgemetzelt worden sind und das Amazon-Monopol vollends etabliert ist, wird die Rendite an dieser ,Zukunftsinvestition' eingefahren. Die Bestseller und Lockangebote werden etwas billiger werden, die breite Masse spezieller Literatur teurer – und Amazon wird sie wegen Unrentabilität nicht mehr in seinem Katalog führen.

Da es dann keinen zweiten schnellen und zuverlässigen Distributionskanal mehr geben wird, wird ein Verlagssterben die Folge sein usw. Jeder wird ja hoffentlich noch diesen Rest von Phantasie haben, sich vorzustellen, was das bedeutet. 

Sie haben Amazon wegen Hehlerei angeklagt. Was ist daraus geworden? 

Mittlerweile haben sich auch andere Verlage, darunter auch deutlich größere als der Stroemfeld Verlag, der Klage bei der Staatsanwaltschaft Frankfurt angeschlossen. Es gibt jedoch noch keinen Entscheid. Das kann nun vielerlei bedeuten – wir hoffen natürlich, dass intensiv recherchiert wird. Dass ein finanzkräftiger Anbieter wie Amazon meint, nicht prüfen zu müssen, ob die Ware, die er anbietet, legal ist, ist ein unhaltbarer Zustand. Was für Lebensmittel gilt, gilt für Bücher auch. Bei der Menge der Urheberrechtsbrüche, die vorliegen, ist es für kleinere Unternehmen einfach nicht möglich, alles privatrechtlich zu verfolgen. Das wäre der Bankrott der Verlage. 

Die Fragen stellte Daniel Lenz

 

Zur Person: Roland Reuß

1958 in Karlsruhe geboren, studierte  Germanistik, Geschichte, Philosophie und Musikwissenschaft in Heidelberg und promovierte 1990 über Friedrich Hölderlin. 1994 war er Mitbegründer des Heidelberger Instituts für Textkritik. Seit 2007 ist er Professor für neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Heidelberg. 2008 war er Honorarprofessor für Editionswissenschaft an der Freien Universität Berlin. 2011 war Reuß Visiting Researcher am Kafka Research Centre der University of Oxford.



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