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Buchhandel
Dienstag, 16. Oktober 2012 (09:10 Uhr)


Weltbild-Geschäftsführer Driever über die Perspektiven der Branche

„Gratis-Kultur wäre fatal“

Die Buchbranche erlebe zurzeit „tektonische Verschiebungen“, analysiert Weltbild-Geschäftsfüher Klaus Driever (Foto) den Flächenrückbau im Buchhandel. Damit das Buch nicht verschwindet, sollten sich Buchhändler auf ihr Kerngeschäft konzentrieren – während die Verlage gut daran täten, sich bei der Preissetzung von E-Books nicht dem Druck internationaler Konzerne zu beugen.

©Weltbild

Ihr Geschäftsführungskollege Carel Halff geht davon aus, dass der Buchhandel in den kommenden Jahren 50% der Fläche verlieren wird. Wie viel kann das Onlinegeschäft auffangen?

Wir erleben tatsächlich tektonische Verschiebungen, mit Auswirkungen, wie wir sie selten in der Buchbranche erfahren haben. Daraus ergeben sich für alle Akteure Aufgaben. Die des stationären Handels lautet: dem Buch weiterhin einen attraktiven Standort an spannenden Orten zu verschaffen, denn das Buch darf nicht aus den Innenstädten verschwinden. Es benötigt nicht nur eine Präsenz im Internet und im Mobile-Bereich, sondern in den Zentren der Städte. Wenn wir zur Musikbranche schauen, dann besteht deren größtes Problem darin, dass sie aus den Innenstädten verschwunden ist.

Um in den Städten zu bleiben, experimentieren besonders die Filialisten viel im Non-Book-Bereich. Wo sehen Sie die attraktivsten Sortimente der Zukunft?

Die Zukunft des Buches ist das Buch, nicht der Wackeldackel, das Reisebüro oder der Computer. Wir haben bei Weltbild viel Erfahrungen mit Non-Book-Sortimenten gesammelt, aber immer als Ergänzung des Kernsortiments Buch und immer in einer Dosis, die vertretbar ist. Das zeigt eine Zahl sehr deutlich: 95% unserer Online-Kunden kaufen Bücher.

Welche Erfahrungen machen Sie mit Spielwaren?

Zum Kinderbuch sind Spielwaren eine ideale Ergänzung. Wir legen aber den Fokus auf pädagogisch wertvolle Spielsachen, nicht auf Games und Konsolen.   

Bei den E-Books setzen Sie dagegen verstärkt auf Elektronik. Wie lautet die Zwischen-Bilanz zu Ihrem E-Reader-Geschäft 2012?

Wir haben einen sehr guten Reader für unter 60 Euro auf den Markt gebracht. In den vergangenen Tagen lag dessen Absatz sieben bis acht Mal höher als im Sommer.

60 Euro erscheinen gegenüber dem 10-Euro-Gerät von Txtr fast schon hochpreisig...

Ich glaube nicht, dass es zu einem Preiskampf bei den Readern kommen wird, weil die Kunden ein gutes Gespür für Preis-Leistung haben. Entscheidend sind aus Kunden-Sicht ohnehin die Inhalte, nicht die Hardware. Wir haben den Katalog gegenüber dem Vorjahr deutlich aufgestockt und verfügen bei Weltbild und Hugendubel über mehr als 290.000 E-Books.

Es ist erstaunlich, dass immer mehr Akteure sich auf das Amazon-Geschäftsmodell einlassen und mit Inhalten statt den Geräten verdienen wollen...

Zu uns passt dieser Ansatz, weil wir leidenschaftliche Buchhändler und keine Hardware-Händler sind – gleichwohl wollen wir mit den Geräten keine Verluste machen.

In Großbritannien machen die großen Shops gerade Verluste mit E-Books. Wie stehen Sie zu den 20-Pence-Dumping-Preisen?

Die stimmen uns besorgt. Auffällig ist, dass dieses Wettrennen nicht von Buchhändlern, sondern von internationalen E-Commerce-Konzernen gestartet wurde, die eine andere Agenda haben. Wichtig ist, dass wir hierzulande deutlich machen, dass wir keine Gratis-Kultur pflegen. Die in Deutschland aktiven Verlage haben viel Erfahrungen mit Pricing bei gedruckten Büchern, und davon profitieren sie auch im E-Book-Bereich. Es wäre fatal, wenn der Schwung in Richtung digitale Medien bei den Kunden den Eindruck hinterließe, dass alles billiger werden müsse.

Zwingen die internationalen Konzerne den deutschen Verlagen niedrige Preise auf, beispielsweise weil die Bestsellerlisten für E-Books von Selfpublishing-Titeln zu Niedrigstpreisen dominiert werden? 

Die Verlage sollten selbstbewusst auftreten und dafür eintreten, dass auch E-Books einen bestimmten Wert behalten. Keiner sollte sich unter Druck setzen lassen, Harakiri zu machen. 

Bei den Verlagen umstritten ist auch die E-Book-Ausleihe. Ist die Kritik berechtigt?

Die Branche sollte Schritt für Schritt gehen. Das E-Book-Format gibt dem Buch noch mehr Aufmerksamkeit, gerade im Rahmen von Multichannel-Konzepten. Wir sollten aber die Leser nicht überfordern oder einen noch gar nicht vorhandenen Markt mit komplizierten Modellen in einzelne Teile zerlegen. Ich persönlich glaube, dass es aktuell keine Nachfrage nach einer Ausleihe gibt. Das kann sich allerdings in drei bis fünf Jahren ändern.

Die Fragen stellte Daniel Lenz



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