Lesepraxis: Warum der Bildschirm dem Papier unterlegen ist

Bildschirme und bedrucktes Papier sind als Lesemedien nicht gleichwertig. Zu diesem Ergebnis kommt eine europäische Forschungsinitiative, die ihre Thesen in der Stavanger-Erklärung zusammengefasst hat. Auf „FAZ.de“ stellen die Forscher ihre Erkenntnisse vor und geben Empfehlungen zu Mediennutzung und Leseförderung.

Unter dem Namen E-READ (steht für Evolution of Reading in the Age of Digitisation) haben sich mehr als 130 Leseforscher aus Europa zusammengeschlossen, um die Zukunft des Lesens unter dem Einfluss der Digitalisierung zu erforschen. Am 3. und 4. Oktober 2018 trafen sie sich im norwegischen Stavanger, um über die wichtigsten Ergebnisse der vergangenen vier Jahre zu diskutieren. Die Stavanger-Erklärung ist die Zusammenfassung dieses Austauschs. Zentrale Erkenntnis: Wer auf Papier liest, kann sich den Inhalt besser merken.

Die wichtigsten Befunde im Überblick:

  • Die Forschung zeigt, dass Papier weiterhin das bevorzugte Lesemedium für einzelne längere Texte bleiben wird, vor allem, wenn es um ein tieferes Verständnis der Texte und um das Behalten geht. Außerdem ist Papier der beste Träger für das Lesen langer informativer Texte, das Konzentration, den Aufbau eines Wortschatzes und das Gedächtnis trainiert. Daher ist es wichtig, dass das Lesen langer Texte als eine unter mehreren Leseformen bewahrt und gefördert wird.
  • Da das Bildschirmlesen nach Prognose der Wissenschaftler zugleich weiter zunehmen wird, müsse man dringend Möglichkeiten finden, das tiefe Lesen langer Texte in Bildschirmumgebungen zu erleichtern.
  • Wenn die digitale Leseumgebung auf die jeweiligen Leser zugeschnitten ist, führt das zu Vorteilen bei dem Verständnis und der Motivation.
  • Leser digitaler Texte neigen eher zu übersteigertem Vertrauen in ihre Verständnisfähigkeiten als Leser gedruckter Texte. Das führt zu geringerer Konzentration auf den Inhalt des Gelesenen.
  • Das Verständnis langer Informationstexte beim Lesen auf Papier ist besser als beim Bildschirmlesen, insbesondere, wenn die Leser unter Zeitdruck stehen. Das zeigt eine Metastudie von 54 Studien mit zusammen mehr als 170.000 Teilnehmern.
  • Die Unterlegenheit des Bildschirms gegenüber dem Papier hat über die Jahre unabhängig von Alter und Vorerfahrungen eher zu- als abgenommen.

Unter Berücksichtigung der angeführten Befunde gibt E-READ folgende Empfehlungen:

  • Den Schülern und Studenten sollten Strategien aufgezeigt werden, damit ihnen tiefes Lesen auf digitalen Geräten gelingt. Außerdem sollten sie weiter motiviert werden, Lektüre gedruckter Bücher zu lesen.
  • Lehrern und anderen Erziehern sollte bewusst gemacht werden, dass digitale Technologien im Primarbereich nicht folgenlos bleiben.
  • Es müssten geeignete Maßnahmen gefunden werden, um bessere Leitlinien für die Einführung digitaler Technologien zu entwickeln.

Außerdem geben die Wissenschaftler einen Ausblick auf die Forschung in der Zukunft und formulieren Fragen künftiger Forschung:

  • In welchen Lesekontexten und bei welchen Lesern verspricht der Einsatz digitaler Texte den größten Nutzen?
  • In welchen Bereichen des Lernens und literarischen Schreibens sollte das Medium Papier gefördert werden?
  • Macht der tendenziell stärker fragmentierte und weniger konzentrierte Charakter des Bildschirmlesens das Überfliegen zum Standardmodus des Lesens, der dann auch auf das Lesen gedruckter Texte übertragen wird?
  • Wird unsere Anfälligkeit für Fake News, Einseitigkeit und Vorurteile durch übersteigertes Vertrauen in unsere digitalen Lesefähigkeiten verstärkt?
  • Was können wir tun, um eine tiefere Verarbeitung von Texten generell und insbesondere von Bildschirmtexten zu fördern?

Mit dem Thema der Erklärung hat sich auch die Kognitions- und Literaturwissenschaftlerin Maryanne Wolf beschäftigt: Ihr Buch „Schnelles Lesen, langsames Lesen” erscheint im April und erläutert, „warum wir das Bücherlesen nicht verlernen dürfen“. Auch Wolf zieht einen Vergleich zwischen dem digitalen und dem analogen Lesen aus wissenschaftlicher Sicht.

Die gesamte englische Stavanger-Erklärung ist im Internet zu finden unter: ereadcost.eu/stavanger-declaration.

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