Markus Gabriel: Die Manifestationen meines Schreibtischs

(Foto: privat)

Der Autor Markus Gabriel stellt seinen Schreibtisch vor – und wie er daran arbeitet:

Der perfekte Arbeitstag ist gegliedert: Geschrieben wird daheim, in völliger Ruhe, von einer Serie von Espressi skandiert, von 7 bis 12 Uhr. Dann gibt es eine Unterbrechung von 12 bis 14 Uhr, in der ich koche und eine 30-minütige Siesta einlege, um einen zweiten Tag beginnen zu können. Von 14 bis 17.30 geht es dann mit einer Überarbeitung des Geschriebenen durch Abgleich mit eingegangenen Nachfragen und Einwänden der kritischen Leserschaft weiter. Jede Zeile, die aus meiner digitalen Feder in den Druck übergeht, wurde von mindestens drei Philosoph*inn*en im Detail gelesen und auf seine Stich­haltigkeit geprüft, ehe das Lektorat zugreifen und an den Formulierungen feilen darf. Am Abend wird für die Familie gekocht und Sport getrieben (am liebsten im Naherholungsgebiet Kottenforst, in dem ich joggen oder rollerbladen gehe).

Doch der ideale Arbeitstag ist nicht die Regel. Meine Bücher entstehen an vielen Schreibtischen. Mein Schreibtisch existiert im Plural: er steht zu Hause, wo ich besonders gerne und produktiv morgens von 7 bis 12 Uhr schreibe; er befindet sich in meinem Dienstzimmer an der Universität, wo er am liebsten von 10 bis 12 Uhr bespielt wird, taktisch und gezielt unter­brochen von Gesprächen mit Mitarbeitern, die Nach­fragen und Einwände gegen geäußerte Gedanken und einzelne Formulierungen vorbringen.

Ich schreibe auf einem Laptop und an zwei stationären Rechnern; ein System, das technisch miteinander vernetzt ist. Denn mein Schreibtisch ist sehr häufig auf Reisen. Da wäre der Klapptisch in den Zügen, den ich zwar nicht besonders liebe, der mir aber manche Dienste geleistet hat. In einem Zug zwischen dem Flughafen von Kopenhagen und der dänischen Stadt Aarhus, die etwa drei Stunden Zugfahrt entfernt von der Hauptstadt liegt, entstanden große Teile meines bisher weltweit erfolgreichsten Buchs, Warum es die Welt nicht gibt, mit dem ich vor sieben Jahren zum ersten Mal auf Bestseller-Listen auftauchte. Nicht zu unterschätzen sind die oft überraschend bequemen Hotelbetten und Sitzgelegenheiten in vielen Hotels und Ferienwohnungen dieser Welt, auf denen ich auf Vortragsreisen häufig frühmorgens geschrieben habe, aufgescheucht von der merkwürdigen Energie des Jetlags, die es mir erlaubt hat, von 4 bis 6 morgens in einer eigentümlichen Trance die Seiten zu füllen. Ganz selten, beinahe niemals, schreibe ich über den Wolken. Die dünne Luft und der oftmals noch viel dünnere Kaffee verderben die Gedanken. Im Flieger bin ich zu verwirrt, zu unverbunden, um etwas zu erkennen.

Keine einzige Zeile, die es am Ende in ein Buch schafft, entsteht an einem einzigen dieser ungezählt vielen Manifestationen meines Schreibtischs. Das Schreiben philosophischer Bücher ist immer ein Gespräch. Man setzt sich mit seinen eigenen Gedanken auseinander, um zu prüfen, welche Formulierungen sich gegen kluge Einwände verteidigen lassen. Wie beim Schach fallen einem die besten Gegenzüge nicht automatisch selbst ein, sonst wäre ein Gedanke ja unbezwingbar. Man könnte sagen: Philosophie ist eine Art von Schach, bei dem die Regeln durch das Spiel entstehen. Das Ziel ist Erkenntnis, also etwas, was die imaginären oder wirklichen Kontrahenten einer philosophischen Auseinandersetzung verbindet. Eine gelungene Runde Philosophie gipfelt darin, dass alle gewinnen. Die Bücher, die ich schreibe, laden deshalb zum Mitdenken ein, was immer auch bedeutet, dass sie Gegenrede provozieren.

Markus Gabriel

Markus Gabriel (Foto: Jakob Weber)

Den gebürtigen Remagener, Jahrgang 1980, führte seine akademische Laufbahn nach Bonn, Heidelberg, Lissabon und New York. An der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn hat Markus Gabriel den Lehrstuhl für Erkenntnistheorie, Philosophie der Neuzeit und Gegenwart inne. Er zählt zu den Begründern eines Neuen Realismus. Seine Bücher liegen bei Ullstein und Suhrkamp vor.

Bestseller

Titel: bester Platz*

Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten (8/2020): 6

Fiktionen (5/2020): 12

Der Sinn des Denkens (9/2018): 49

Ich ist nicht Gehirn (11/2015): 43

Warum es die Welt nicht gibt (6/2013): 6

* jeweils auf der SPIEGEL-Bestsellerliste Hardcover Sachbuch sowie Themenbestseller Philosophie Quelle: buchreport

Markus Gabriel– im buchreport.magazin 09/2020

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