Flexibilität und Innovation

Die Frankfurter Buchmesse richtet den Fokus wie im vergangenen Jahr auf sieben internationale Märkte. Im Vorfeld präsentiert die Messe in Kooperation mit buchreport eine Serie, in der Experten aus den Ländern ihre Märkte vorstellen. Diesmal: Wiet de Bruijn (Foto: Dennis Knol Photo), CEO der VBK Publishers Group, über den niederländischen Buchmarkt.

Was sind die drei erstaunlichsten Fakten zu Ihrem nationalen Buchmarkt?

1. Im Jahr 2015 verzeichnete der niederländische Buchmarkt mit 3,5% das höchste Wachstum in Europa. Außerdem stehen die Niederländer an zweiter Stelle, was die Anzahl an gelesenen Büchern pro Einwohner betrifft. 86% der Niederländer haben im vergangenen Jahr mindestens ein Buch gelesen. Nur die Schweden lesen noch mehr.
2. Verleger und Buchläden organisieren den Vertrieb gemeinsam. Die einzigartige und hypermoderne Organisation des Buchvertriebes (sowohl Print als auch E-Book) durch das ‚Zentrale Buchhaus’ (Centraal Boekhuis, CB), ein Logistikcenter, das von Verlegern und Buchhändlern gegründet und im gemeinsamen Besitz ist. 95% der Bücher und E-Books werden vom ‚Zentralen Buchhaus’ vertrieben.

3. Flexibilität der niederländischen Buchindustrie. Die Anpassungsfähigkeit der niederländischen Industrie, die das Überwinden großer Herausforderungen (Finanzkrise, verändertes Kundenverhalten, zunehmender Einfluss des Internets) ermöglicht. Das Umsatzvolumen der Verlagsindustrie in Euro ist in den Jahren 2008 bis 2014 um ungefähr 30% gesunken. Dennoch hat sich die Industrie als ausreichend beweglich erwiesen, um diese Herausforderungen zu überstehen und durch den Verkauf guter Literatur den hohen Qualitätsstandard und das Ziel verlegerischer Arbeit weiter zu verfolgen. Dies ist nur möglich durch die unvergleichliche Qualität und das außerordentliche Talent unserer Autoren und der Menschen, die in dieser Industrie tätig sind.

Was für Lehren können ausgehend von Ihrem Markt für andere Märkte gezogen werden?
Der niederländische Markt hat sich in den letzten Jahren auf Innovation konzentriert. Aufgrund des Rückgangs des niederländischen Marktes mussten die Verleger kreativ und innovativ sein, um sich den Herausforderungen des Marktes zu stellen. Eine ganze Reihe an Initiativen wurde gestartet. Der niederländische Verlegerverband (Nederlands Uitgeversverbond, NUV) hat z.B. „Renew-the-book“ initiiert. Dabei handelt es sich um einen Wettbewerb, an dem Start-Ups der Buchindustrie aus der ganzen Welt teilnehmen können. Im letzten Jahr wurden 5 Teams ausgewählt, um ein Accelerator-Programm in Amsterdam zu durchlaufen. Die Kooperation zwischen einem Verlagshaus und einer Universität bezüglich der Frage, inwiefern Computer dazu beitragen können, die Arbeit eines Autors zu verbessern, eine Reihe neuer niederländischer Online-Buchclubs und Abonnementdienste, ein neu eröffnetes Datacenter für Verleger und Buchhändler – das sind weitere Beispiele für Innovation.
Wo liegen nach Ihrer Einschätzung die Schwachpunkte Ihres Marktes?
Ein Schwachpunkt des niederländischen Buchmarktes ist die Piraterie. Die Niederlande haben weltweit gesehen mit einem der größten Ausmaße an Piraterie zu tun. Ein Mittel dagegen sind neue Technologien, wie z.B. die Bitcoin-Technologie, die E-Books gegen illegalen Gebrauch schützen kann. Den Zugang der Leser zu E-Books weiter zu vereinfachen, wird ebenfalls dazu beitragen, die Piraterie einzudämmen.
Wie wird sich Ihrer Meinung nach der digitale Markt in Ihrem Land entwickeln? 
Er wird ganz sicher auch weiterhin auf den traditionellen Markt einwirken und zu einer noch ernsthafteren Industrie anwachsen. Mit den kommenden Generationen, die als Digital Natives aufgewachsen sind, wird der digitale Markt sicherlich ein immer wichtigerer Teil unserer Industrie werden. Nicht nur als Vertriebskanal für E-Books und Hörbücher, sondern auch hinsichtlich der Art, wie Bücher geschrieben und Geschichten erzählt werden. Wir starten jetzt mit Untersuchungen zum Leseverhalten der Millennial-Generation. Was können wir von ihnen lernen? Was für Auswirkungen haben ihr verändertes Verhalten, ihre Bedürfnisse, auf die Buchbranche? Und so weiter.
Wie wäre es möglich die Beziehungen zwischen Verlagshäusern zu verbessern? Was für Veränderungen sind dafür nötig? 
In diesen Tagen schneller Veränderungen und der von ihnen bedingten Herausforderungen müssen Verlagshäuser Wissen und Stärken zusammenbringen, um den Herausforderungen zu begegnen. Verlagshäuser in den Niederlanden haben häufig nicht die Mittel, um substanziell in Innovationen oder neue Technologien oder Businessmodelle zu investieren. Daher denke ich, dass Teilen der Schlüssel dazu ist, in dieser zunehmend auf Zusammenarbeit basierenden Sharing-Economy zu überleben. Verlagshäuser sollten versuchen, eine offenere Haltung einzunehmen und gegenseitig auf die Qualitäten des anderen zu vertrauen. Schließlich haben wir es alle mit denselben Herausforderungen zu tun. In den Niederlanden haben wir kürzlich ein Data- und Innovationscenter eröffnet. Der niederländische Königliche Verband der Buchbranche (Koninklijke Vereniging van het Boekenvak, KVB) hat die Koordination inne. Sie werden z.B. Best-Practice-Seminare zu Innovationsthemen organisieren. Auch auf europäischer Ebene können Verleger auf diese Weise zusammenarbeiten. Lassen Sie uns eine europäische Konferenz organisieren, wo wir unsere Innovationen miteinander teilen. Was hat funktioniert, was nicht?
Welcher ausländische Buchmarkt interessiert Sie persönlich?
Der deutsche Markt interessiert mich sehr, nicht nur aus beruflicher Sicht, sondern auch weil meine Mutter Deutsche war. Wir arbeiten jetzt enger mit deutschen Verlegern zusammen, da Flandern und die Niederlande Ehrengast der Frankfurter Buchmesse sind, was schon mal ein guter Anfang ist. Es gibt noch viel mehr deutsche Autoren, die für niederländische Leser interessant sind und umgekehrt.
Welchem Autor aus Ihrem Land würden Sie international Erfolg wünschen? 

Es gibt viele Autoren, die bereit sind für die internationale Bühne und das auch schaffen werden. Das Internet macht den Schritt auf internationale Märkte viel leichter. Wir haben neben sehr bekannten Autoren tolle junge Autoren, die für ein internationales Publikum schreiben, wie z.B. Nina Weijers, Ellen Deckwitz und Hannah Bervoets.

Wiet de Bruijn (60) ist seit 5 Jahren CEO der VBK Publishers Group, dem größten Tradebooks Verlag in den Niederlanden. Zudem ist er Vorsitzender der niederländischen Publishers Association (GAU).

Die Konferenz„The Markets“ stellt am 18. Oktober sieben internationale Buchmärkte auf der Frankfurter Buchmesse vor, die von Branchenexperten aus verschiedenen Blickwinkeln analysiert werden. Ziel ist es, Geschäfte vor Ort anzubahnen sowie potentielle Geschäftsfelder sichtbar zu machen. In diesem Jahr beleuchtet die Buchmesse die Märkte Polen, Spanien, Philippinen, Vereinigte Arabische Emirate, Brasilien, Großbritannien und Flandern & Niederlande.

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