Was Verlage von Leserdaten lernen können

Fast schon mantraartig geistert „Big Data“ als Zauberwort durch alle Branchen: Die Auswertung großer Datenmengen könnte einmal so wichtig für die Gesellschaft werden wie das Internet, heißt es. Doch welche Erkenntnisse kann die Buchbranche konkret aus „Big Data“ ziehen? Mit dieser Frage hat sich der E-Reading-Spezialist Kobo in dem Whitepaper „Publishing in the Era of Big Data näher beschäftigt – und praxistaugliche Ansätze entwickelt.
Kobo beschäftigt sich in dem Whitepaper mit der Nutzung von E-Book-Leser-Daten für Buchverlage. Kerngedanke: Die Verkaufsdaten alleine sagen über den Erfolg eines Buches wenig aus und dienen daher kaum als Basis für die Entscheidung über Marketingsmaßnahmen und künftige Buchprojekte. Besser abschätzen lässt sich der Erfolg eines Titels, wenn man analysiert, ob, wie oft und wie schnell er im Schnitt durchgelesen wird. 
Anmerkung der Redaktion: Solche Daten gelten im strengen Sinne nicht als „Big Data“, wie es schon Marcello Vena angemerkt hat. Die Ergebnisse des Whitepapers aber sind – ungeachtet dessen, ob man die Leserdaten als „Big Data“ bezeichnen will oder nicht – für Buchverlage interessant.
Wenn Verlage bei der Erfolgsanalyse eines E-Books auch die Leserdaten hinzuziehen, können daraus laut Kobo folgende Erkennisse gezogen werden: 
  • Potenzial erkennen: Verborgenes Kapital sei insbesondere in den Büchern versteckt, die zwar von vielen Lesern durchgelesen wurden, die sich aber bisher schlecht verkauft haben. Denn: Die Leser, die auf das Werk gestoßen sind, fanden es offensichtlich spannend oder interessant genug, um es bis zu letzten Seite zu lesen. Offenbar sind aber nicht viele Leser auf das Buch aufmerksam geworden – vielleicht wurde es nicht genug beworben? 
  • Autoren besser einschätzen: Die Leserdaten können Verlage auch dabei unterstützen, erfolgsversprechende Autoren zu identifizieren. Ein Beispiel: Gesetzt den Fall, dass ein Bestseller-Autor von dem Verlag einen Vorschuss und einen Vertrag über drei Bücher einfordert, so kann der Verlag anhand der Abschlussraten seiner Bücher besser einschätzen, ob die Leser auch seine nächsten Bücher kaufen werden. Haben überdurchschnittlich viele Leser die Bücher durchgelesen und dies auch überdurchschnittlich schnell, ist es wahrscheinlich, dass sie auch zum nächsten Buch des Autors greifen. Wenn dagegen zwar viele Leser das jüngste Buch gekauft haben, es aber in den digitalen Regalen „verstaubt“, so ist es unwahrscheinlich, dass sie erneut in den Autor investieren wollen. 
  • Serien einordnen: Wenn Verlage die Abschlussraten über verschiedene Bände einer Serie verfolgen, so können sie abschätzen, ob an einem bestimmten Teil der Serie viele Leser abspringen und mit dem Lektorat abklären, wo die Ursachen dafür liegen und ob diese korrigiert werden könnten. Zudem kann die Leseabschlussrate der Serie zurate gezogen werden, um abzuschätzen, ob sich ein Sammelband lohnen würde: Wenn wenige Leser die Titel zuende lesen, dann ist es unwahrscheinlich, dass sich der Sammelband gut verkauft – dafür ist das Buch wahrscheinlich zu schlecht. 
  • Titel vergleichen: Innerhalb von Imprints oder Genres kann auch der Vergleich eines Titels mit dem Durchschnittserfolg der Grundgesamtheit Aufschlüsse darüber geben, wie gut ein Titel bei den Lesern tatsächlich ankommt. Eine vergleichsweise hohe Öffnungsrate spricht beispielsweise für ein gutes Cover, eine gute Autorenmarke und/oder ein erfolgreiches Marketing. Wenn ein Titel selten geöffnet, aber oft zu Ende gelesen wird, lohnt sich vielleicht ein neues Cover oder eine stärkere Vermarktung des Titels. 
  • Auszeichnungen einordnen: Wenn ein Autor einen Literaturpreis erhalten hat, steigen die Verkaufszahlen in der Regel deutlich. Doch der tatsächliche Erfolg eines Titels lässt sich besser einschätzen, wenn auch die Öffnungs- und Abschlussraten hinzugezogen werden. In einen Autor, der nicht nur gerne gekauft, sondern dessen Bücher auch tatsächlich geöffnet und durchgelesen werden, sollte der Verlag mit Blick auf das Erfolgspotenzial weiterer Bücher stärker investieren. Vielleicht lässt sich ja ein Backlist-Titel vermarkten oder ein anstehender neuer Titel?
Das digitale Lesen kann Unternehmen in einer revolutionären Art und Weise mit Informationen versorgen, schlussfolgert Kobo. Wenn Verlage besser verstehen, wie die Leser ihre Titel nutzen, könnten sie eher richtige Entscheidungen treffen, versteckte Misserfolge ausdecken und sich gegen kostspielige Fehler schützen. 
Eine nicht ganz uneigennützige Schlussfolgerung, spricht doch Kobo zurzeit mit Verlagen darüber, wie sich Leserdaten nutzen lassen, um den Erfolg von Büchern genauer zu analysieren. Der E-Book-Händler will Verlagen Leserdaten anonymisiert und titelbezogen zur Verfügung stellen, sofern entsprechender Bedarf besteht.

Kommentare

1 Kommentar zu "Was Verlage von Leserdaten lernen können"

  1. Da fehlt noch eine Schlußfolgerung:
    Im Journalismus ist es ja schon gängige Praxis, daß Artikel von Software geschrieben werden. Bei Büchern wird es auch nicht mehr lange dauern, zunächst wohl Sachtitel aber bei Belletristik dürften die Krimis, Romance und Fantasy auch keine unlösbare Herausforderung sein. Und gerade mit den Daten aus den Ereadern sollten sich Erfolgstitel maßschneidern lassen.

    Ich tippe auf 2018, bis die ersten Titel erscheinen, bei denen die Verlage das auch zugeben.

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