Weltbildplus darf nicht sturmreif geschossen werden

Das Insolvenzverfahren von Weltbild ist offiziell eröffnet, 582 Mitarbeiter sind bereits in eine Transfergesellschaft gewechselt, weitere 74 sollen voraussichtlich im Spätherbst ausscheiden. Wie sozial die Sanierung aus Sicht der Arbeitsnehmervertretung ist und welche Perspektiven der Medienkonzern hat, erläutert Timm Boßmann, Verdi-Sprecher bei Weltbild und Vorsitzender des Konzernbetriebsrats, im Interview. 
Über 600 Ihrer Kollegen verlieren Ihren Job. Wie sozial ist die Sanierung?
Der Stellenabbau ist bitter, aber mit dem Tarifvertrag haben wir eine gute Lösung für die Beschäftigten erzielt, abgesichert über einen Treuhänder, der das Geld der Kirche in unserem Sinne verwaltet. Die Mitarbeiter erhalten eine Abfindung und die Möglichkeit, in eine Transfergesellschaft zu gehen, die 12 Monate läuft und in der sie bis zu 90% des bisherigen Nettogehalts beziehen. Sie haben also gute Chancen, wieder auf dem ersten Arbeitsmarkt unterzukommen.
Der Insolvenzverwalter saniert erst, um dann zu verkaufen. Ist das der richtige Weg?
Ja, und deshalb haben wir uns intensiv an der Restrukturierung beteiligt. Betriebsrat und Gewerkschaft wissen, wo die Schwachstellen von Weltbild in der Vergangenheit lagen. Wir hätten uns schon früher gewünscht, einbezogen zu werden. Aber unsere Vorschläge aus dem vergangenen Jahr, wie Weltbild wieder fit gemacht werden kann, wurden von der damaligen Geschäftsführung nicht erhört. 
Was ist mit dem Streit um die Zukunft der Weltbild-Logistik?
Wir haben uns dagegen ausgesprochen, die Logistik abzuspalten, weil Weltbild im Kern ein Versandunternehmen ist. Dort können wir selbst steuern, wie auf die Kundenwünsche eingegangen wird. Diese Bruchstelle ist gekittet, Weltbild soll jetzt als Ganzes verkauft werden. 
Die Logistik ist teuer und nicht ausgelastet. Was tun?
Die Logistik ist zu teuer, weil es an Durchsatz fehlt. Darum sind die Stückkosten zu hoch. Wenn wir aber für mehr Durchsatz sorgen, sind die Preise wieder marktgerecht. Möglicherweise findet Weltbild einen Investor, der über keine eigene Logistik verfügt, so würden wir diese Lücke schließen. Wir haben eine Arbeitsgruppe gegründet, die neue Aufträge akquirieren soll. 
Bleibt der Rückbau von Weltbildplus als Streitpunkt. Warum ziehen Sie dort nicht mit Herrn Geiwitz an einem Strang?
Im Multichannel-Konzept brauchen wir ein flächendeckendes und funktionierendes Filialsystem, darin sind wir uns mit dem Insolvenzverwalter einig. Strittig sind dagegen die zahlreichen Filialschließungen, die Arndt Geiwitz derzeit gemeinsam mit Plus-Geschäftsführer Gunther Gerlach plant.
Von bis zu 100 Standorten ist die Rede …
Die Zahl steht noch nicht fest. Die Umsatzentwicklung darf nicht das einzige Entscheidungskriterium beim Rückbau sein. Die Rentabilität hängt nicht nur vom Standort, sondern auch von früheren Fehlentscheidungen des Managements ab, die immer mehr Filialen in die finanzielle Schieflage gebracht haben. Wenn wir dort nichts ändern, dann sind die geplanten Schließungen nur der Anfang vom Ende der gesamten Kette. Wenn Weltbildplus jetzt sturmreif geschossen wird, könnten Investoren auf den Plan treten, die nur eines wollen: Sich unliebsame Konkurrenz vom Hals schaffen. Wir sollten also mit den Schließungen warten, bis sich ein Investor geäußert hat.
Welche Perspektiven hat der schlankere Weltbild-Konzern auf dem Markt?
Ich gehe davon aus, dass wir in kurzer Zeit wieder zu den Marktführern zählen werden. Es gibt kaum einen Versandhändler, der unsere Programmkompetenz hat, kaum jemand kennt den Buchmarkt so gut wie wir. 

Weitere Meldungen zum Thema finden Sie im Weltbild-Dossier.

Kommentare

1 Kommentar zu "Weltbildplus darf nicht sturmreif geschossen werden"

  1. Von Interesse wäre auch zu wissen, ob die Jokers Buchläden, die ja auch von Weltbild bisher betrieben worden sind, auch langsam wegfallen würden.
    Von den Johers Buchläden habe ich bis jetzt noch nichts gelesen.
    Es bleibt also abzuwarten, was aus dem gesamten Weltbild Verlag werden wird.
    Und hoffen kann man nur weiter für die Mitarbeiter und
    Mitarbeiterinnen.
    H. Kraft

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