Mehr Geld verdienen mit Inhaltsstückchen

Auf dem Weg zum Mittagessen schickt mir mein Kollege eine kurze Nachricht, dass er ein paar Minuten später kommt. Verknüpft ist der Text mit einer Karte, die laufend seinen aktuellen aktualisierten Standort zeigt. Eine andere Nachricht poppt auf meinem Smartphone auf: Meine Frau hat unsere Einkaufsliste aktualisiert, damit ich auf meinem Nachhauseweg ein paar Dinge mitbringe. Während ich auf meine Mittagsverabredung warte, gibt es vieles, was ich mit dem Hosentaschen-Computer tun kann. Ohne Zweifel ist unsere Welt in den vergangenen Jahren mobiler geworden.
Die Verbreitung der mobilen Geräte beeinflusst auch das Verlagswesen. In der Vergangenheit gestaltete ein Schriftsteller Inhalte, die lektoriert, layoutet und in einem gedruckten Buch veröffentlicht wurden. Ein physisches Objekt ist greifbar, E-Books, Apps und anderer mobiler Content weniger. Wir sprechen davon, dass er sich in einer Cloud befindet. Haben Sie jemals eine Wolke berührt?
Einige akzentuieren den Wettbewerb zum gedruckten Buch, andere sehen E-Books als weiteren Vertriebskanal, möglicherweise mit höheren Margen. All die Telefone, Tablets und anderen Geräte bieten eine größere Chance für Verlage. Die Technologie im Kern dieser neuen Mobilität könnte die Definition eines Buches völlig verändern und bietet noch mehr Möglichkeiten, Inhalte zu verkaufen. Diese Technologie wird als API bezeichnet.
API steht für Partner und Geld
Akronyme sind selten hilfreich: API steht für Application Programming Interface und bezeichnet eine Programmierschnittstelle. Wenn ich anderen Leuten APIs erkläre, nenne ich die damit verbundenen Nutzen fürs Geschäft: A wie Apps, P wie Partner und I wie Income, Einnahmen. Apps ermöglichen es, Inhalte auf verschiedene Geräte zu verteilen, Partnerschaft verweist darauf, dass man seine Inhalte anderen Unternehmen anbietet. Und Geldverdienen ist immer gut.
Jede mobile App, die irgendetwas Interessantes macht, muss eine API verwenden. Ein Gerät muss Inhalte senden und empfangen können, damit eine App funktionieren kann. Als meine Frau etwas auf der Einkaufsliste hinzufügte, musste die App das zwischenspeichern. Anschließend musste meine Version der App diesen neuen Punkt abfragen. Beide Prozesse benutzen APIs.
Wenn eine API für ein Gerät funktioniert, ist die Übertragung auf weitere Geräte viel einfacher. Die amerikanische Hörfunksenderkooperation NPR bezeichnet diese API-Eigenschaft mit einem weiteren Akronym: 
COPE – Create Once, Publish Everywhere. NPR war in der Lage, mit einer API, auf die alle Apps zugreifen konnten, in kürzester Zeit viele Tablets und Smartphones zu unterstützen. Das Ergebnis war, dass der Traffic auf ihrer Webseite enorm gestiegen ist. Mit anderen Worten: Die mobilen Nutzer haben für eine Anreicherung und nicht für eine Kannibalisierung der Kanäle gesorgt. 
Komplexe Inhalte werden segmentiert
Ein Verlag, der APIs als Vertriebsweg nutzt, ist iFixIt, Anbieter eines Online-Reparatur-Handbuchs. Ursprünglich hat iFixIt nur gedruckte Bücher verkauft, doch mittlerweile stellen verschiedene iFixIt-Apps die neuesten Informationen zur Verfügung, sodass Nutzer sie immer dabeihaben. Man darf sich ein iPad vorstellen, das unter der Motorhaube des Autos hängt und Fotos und Erklärungen liefert, wie das Motorproblem zu lösen ist. Auch wenn man sein teures iPad lieber fern von heißen, schmierigen Motoren hält: Der Punkt ist, die API von iFixIt bietet vielen Lesern die Möglichkeit, hilfreiche Inhalte an jedem vorstellbaren Ort abzurufen. Neben der Verwendung für ihre eigenen Apps gestattet iFixIt auch anderen, ihre API zu nutzen. Manchmal wird das „offene API“ genannt, auch wenn es nicht für absolut jeden zugänglich sein muss. iFixIt lässt von kommerziellen Anbietern, die ihre Inhalte nutzen wollen, bezahlen. Andere Unternehmen erlauben den Zugang nur ausgewählten Vertragspartnern.
Der Filmdienst Netflix streamt Inhalte an über 800 verschiedenen Gerätetypen. Dafür brauchte Netflix eine API. Einerseits ist das eine App-Strategie, die den zuvor genannten ähnelt, andererseits kommt eine strategische Partnerschaft dazu, weil das Unternehmen mit Herstellern arbeiten muss, welche die API all diesen Geräte zugänglich macht.
Pearson experimentiert für einige seiner erfolgreichsten Printerzeugnisse mit APIs. Der Verlag hat beispielsweise seine Eyewitness/ Vis-à-Vis-Reiseführer in Standortlisten aufgeteilt. Mit ihrer API können Kunden jetzt Sehenswürdigkeiten, Restaurants oder Museen in ihrer Nähe angezeigt werden. Statt durch den gesamten Reiseführer für London blättern zu müssen, lässt Pearson Reisenden die Informationen zukommen, die sie aktuell wirklich benötigen.

Ähnliche Projekte gibt es bei Pearson mit Longman-Wörterbüchern, Penguin-Klassikern und anderen Marken. Um ein gedrucktes Buch in eine brauchbare API zu übersetzen und die Nutzbarkeit solcher Inhalte zu steigern, muss der Charakter des geschlossenen Produkts aufgelöst werden. Die Verleger müssen ihre Produkte so strukturieren, dass die Programmierer Zugriff auf die Stückchen haben, die für Nutzer besonders interessant sind. Der Vorteil dieser Segmentierung liegt darin, dass der Verleger mehr Kanäle für Verkäufe hat, mit mehr Möglichkeiten, die Einnahmen zu erhöhen.

Ganz unterschiedliche Geschäftsmodelle
Zusätzlicher Umsatz ist bei allen Unternehmen gern gesehen. Wenn man API-Geschäftsmodelle sucht, werden vom API-Verzeichnis ProgrammableWeb mehr als 20 Ansätze identifiziert. Sorgfältig ausgewählt, ergänzt eine API-Strategie den bereits bestehenden Geschäftsplan. Eine API kann auf drei grundsätzliche Arten Geld erwirtschaften, durch einerseits Rechnungen oder andererseits Zahlungen an die Entwickler von Web-Applikationen sowie indirekte Methoden, um Umsatz zu generieren.
In jüngster Zeit sind Unternehmen entstanden, die sich auf APIs spezialisieren. Das einfachste Beispiel dafür, wie man mit einer API Geld verdienen kann, ist die Kommunikationsinfrastruktur. Online-Plattformen zahlen etwa an Twilio, der Telefonfunktionen bei ihnen einbindet, einen Penny pro Minute für ein Telefonat oder eine gesendete SMS. Ähnlich berechnet Urban Airship jeden Inhalt, der an ein mobiles Gerät übertragen wurde. Inhalte können auch direkt verkauft werden. Der Wirtschaftsinformationsanbieter Dunn and Bradstreet verkauft Informationen an Unternehmen und viele zahlen für die Finanzmarktdaten von XIgnite. Man muss einen Inhalt nur so strukturieren, dass er den größten Wert liefert. Dann wird auch jemand dafür bezahlen.
Das zweite grundsätzliche Geschäftsmodell beinhaltet die Bezahlung der Programmierer,   sobald sie zusätzliches Einkommen ermöglichen. Es gibt verschiedene Wege, so eine Vereinbarung aufzubauen, zum Beispiel mit einmaligen oder wiederkehrenden Zahlungen. Der springende Punkt ist, dass eine API, die neue Geschäfte generiert, sowohl für den Programmierer wie auch für den API-Anbieter eine Einnahmequelle sein kann.
Für die indirekte Methode sind die Gelben Seiten in Kanada ein Beispiel. Sie haben eine API, mit der man auf das Branchenverzeichnis zugreifen kann. Dafür zahlt niemand, denn der Verlag will vor allem, dass seine Inhalte weit verbreitet werden. Werbekunden in den Gelben Seiten wollen, dass die Konsumenten ihre Werbung sehen, wenn sie einen Dienstleister suchen. Die API ermöglicht beides in einem ausgewogenen Verhältnis.
Jede Veröffentlichung hat eine bestimmte Struktur. Ein Buch ist in Absätze und Kapitel unterteilt. Eine Indizierung kann Ideen für andere Wege der Aufteilung liefern. Mit einer API, die Zugriff auf diese Inhaltsstückchen hat, kann man die Reichweite seiner App ausweiten, hat neue Möglichkeiten, Partner einzubinden und die Einnahmen des Unternehmens zu steigern. Die zunächst als Technikthema aufscheinende API ermöglicht es, das Geschäft voranzubringen, so wie die mobilen Geräte unser Leben verändern.
Autor Adam DuVander ist Executive Editor der API-Plattform ProgrammableWeg und hat sich in den vergangenen vier Jahren intensiv mit APIs für Internet- und Mobilanwendungen befasst.

Aus dem Amerikanischen von Torge Frühschulz.

Beitrag erstmals erschienen in: buchreport.spezial Herstellung & Management 2013, S. 28-30

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