Keine Lotion für die faule Haut

Angesichts der massiven Konkurrenz durch Amazon & Co. fordert die Kurt Wolff-Stiftung eine finanzielle Unterstützung des stationären Buchhandels durch den Staat. Ähnlich wie bei Programmkinos sollen Prämien in Höhe von insgesamt 5 Mio Euro an 400 Buchhändler ausgeschüttet werden. Im Interview erklärt Stefan Weidle (Foto), Verleger und Vorstandsvorsitzender der Stiftung, seinen Ansatz.
Reichen Buchpreisbindung und ermäßigter Steuersatz als Schutzzaun für die Buchbranche nicht aus?
Die sind unabdingbar, damit es überhaupt weitergehen kann. Aber was bewirken sie gegen die Abwanderung des Geschäfts ins Internet?
Die Maßnahmen der Branche zum Erhalt der Strukturen reichen von Buy Local bis hin zum Buch-Marketing. Sind Geldgeschenke letztlich effizienter?
Ich würde das nicht Geldgeschenke nennen. Das sind die Prämien im Falle der Förderung der Programmkinos ja auch nicht. Diese wird vom Ministerium so begründet:  „Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien vergibt die Kinoprogrammpreise als Auszeichnung für Kinos mit einem kulturell herausragenden Jahresfilmprogramm. Das Ziel der Förderung liegt in der Verbesserung der Abspielchancen für künstlerisch anspruchsvolle Filme, da in den letzten Jahren besonders die kleineren und mittleren gewerblichen Filmkunst- und Programmkinos durch den vom Multiplexboom ausgelösten Verdrängungswettbewerb in ihrer Existenz gefährdet sind.“ Das lässt sich ganz leicht auf den unabhängigen Buchhandel übertragen: „Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien vergibt die Buchhandelspreise als Auszeichnung für Buchhandlungen mit einem kulturell herausragenden Buchangebot. Das Ziel der Förderung liegt in der Verbesserung der Wahrnehmungschancen für künstlerisch und inhaltlich anspruchsvolle Bücher, da in den letzten Jahren besonders die kleineren und mittleren Buchhandlungen durch den von den Buchhandelsketten und den Online-Anbietern ausgelösten Verdrängungswettbewerb in ihrer Existenz gefährdet sind.“ Und es müssen auch Prämien sein, also Preise, um die man sich bewerben kann. Das ist keine direkte Subventionierung, die im übrigen von Brüssel abgesegnet werden müsste, was im Falle von Preisen nicht zutrifft. Die anderen Maßnahmen sind parallel zu sehen, Buy Local ist eine wichtige Bewegung, die den gesamten Einzelhandel berifft und von der Kurt Wolff Stiftung selbstverständlich unterstützt wird. Wir wollen mit unserem Antrag ja auch den Buchhändler im Ort halten und gegen die weitere Verödung der Städte – und Verblödung ihrer Bewohner – unterstützen!
Sie schlagen 12.000 Euro als einmalige Förderung für Buchhandlungen vor. Wie weit trägt das Geld angesichts des massiven Umbruchs in der Branche?
Wir schlagen vor, etwa 400 Buchhandlungen zu fördern, mit Prämien in unterschiedlicher Höhe. Insgesamt haben wir an 5 Mio. Euro gedacht. Das ist der Anfang, man muss sehen, wie weit man damit kommt. Außerdem sollen ein oder zwei Buchhandlungen jedes Jahr besonders herausgehoben und mit einem höheren Betrag bedacht werden. Wir wollen keine Subventionierung, die als Pflegemittel für die faule Haut fungiert, sondern wir wollen Anreize schaffen, ein literarisch anspruchsvolles Programm zu führen, Veranstaltungen zu machen, Buchhändler auszubilden etc. Buchhändler bauen in den seltensten Fällen Flughäfen.
Was ist mit kleinen Verlagen, sehen Sie da auch erweiterten Förderbedarf?
Verlagsförderung ist ein zweischneidiges Schwert, wie man am Vorbild Österreichs sieht. Sicher hilft sie kleineren, engagierten Verlagen bei ihrer Arbeit. Aber sie ist bei einigen auch als Lotion für die faule Haut missbraucht worden: Man publiziert die Bücher, die man gefördert bekommt, investiert dann aber nicht in den Vertrieb, weil man schon genug verdient hat. Für uns gilt, dass wir unsere Bücher verkaufen wollen, und das können wir eben nur in unabhängigen Buchhandlungen, also müssen wir die fördern, damit wir wirtschaftlich überleben. 
In Frankreich war die Buchbranche zuletzt sogar ein Wahlkampfthema. Hierzulande sorgen sich Politiker zumindest um die Preisbindung und machen Front gegen Amazon. Entdecken die Parteien auch hierzulande allmählich ein Herz für Buchhändler?
Ich hoffe, dass sie das tun. Ich habe mit ein paar Politikern gesprochen, die unser Anliegen verstanden. Jürgen Trittin etwa unterstützt unseren Vorschlag: „Übergroße Marktmacht gefährdet etwa die Vielfalt unserer Literatur. Die Monopolisierung des Buchhandels bei Thalia und Hugendubel – die nicht nur die Buchpreisbindung unterläuft – mit der stürmischen Entwicklung des Online-Vertriebs vor allem über Amazon wird für mehr kleine, wichtige Verlage zu einen Problem. Sie finden keinen Zugang zum Markt – weil der Zugang zu Markt monopolisiert wird. Verlagsvertreter kleiner Verlage werden vielfach nicht mehr über die Schwelle von Buchhandlungen gelassen. Es werden immer weniger Buchhandlungen, die ihre Bücher vertreiben. Hier werden wir gegensteuern müssen. Es gibt einen Vorschlag, gerade den kleinen Buchhandel zu fördern – in dem gleichen System wie lange schon Programmkinos gefördert wurden, durch einen Wettbewerb. Ich möchte für eine solche Idee heute hier werben …“ (Rede vom 30.1.2013 beim Kulturempfang der Grünen). 
Die Fragen stellte Daniel Lenz

Kommentare

8 Kommentare zu "Keine Lotion für die faule Haut"

  1. Leander Wattig | 27. März 2013 um 1:36 | Antworten

    Der Vergleich hinkt doch etwas. Im Programmkino schaue ich mir den Film auch an. In der Buchhandlung kaufe ich i.d.R. das Buch nur.

  2. Die Kunden brauchen uns immer weniger, die Umsätze gehen zurück. Das kann nur eins bedeuten: Wir sind SYSTEMRELEVANT! Also her mit dem Geld ihr Ignoranten, was Kultur ist bestimmen wir und welche Buchhandlungen förderungswürdig sind und welche nicht sowieso.

    Wozu sollen wir uns am Markt orientieren, sind doch ohnehin alles nur Idioten. Je weniger Umsatz desto wichtiger sind wir. Ist doch klar, wer Erfolg hat, ist entweder kriminell oder dämlich. So und jetzt her mit der Knete. Zwischen dem Untergang des Abendlandes und Euch steht nur der handtuchgrosse Buchladen von nebenan.

    Endziel muss natürlich die Verbeamtung des staatlich subventionierten lebenden Kulturgutes Buchhändler sein. Da kann man aller finanziellen Zwänge enthoben auf den verblödeten Rest der Menschheit herabsehen, und um die Bewerbung als Hiwi in der Stadtbibliothek kommt man Gottseidank auch rum.

  3. Statt Subventionejn: gleiche Rabatte für alle! Geben Sie Buchhändlern gleiche Rabatte wie AMAZON. Das sollte dem Buchhandel gut helfen und ist einfach zu realisieren.

  4. Marketingtante | 19. März 2013 um 12:01 | Antworten

    Liebe Vorredner, es geht hier nicht um reine Verkaufsargumente, sondern um ein schützenswertes Kulturgut. Obwohl ich Subventionen generell skeptisch gegenüberstehe, finde ich diesen Ansatz sinnvoll, weil er bereits erbrachte Leistungen und Engagement belohnt, und nicht reine Fläche subventioniert wie beispielsweise in der Landwirtschaft. Vielleicht kann man das ganze sachlich betrachten und nicht direkt mit der Polemikkanone ballern – von wegen Verblödung!
    Und ja, amazon verkauft zu den gleichen Preise, aber einkaufen kann amazon zu wesentlich günstigeren Konditionen als kleine Buchhandlungen – das ist ein Ungleichgewicht, das ausgeglichen werden sollte!

  5. Dann sollten auch die stationären Reisebüros Subventionen bekommen. Hier gehen die Kunden auch verstärkt ins Internet.

  6. Herr Weidle möchte der weiteren Verblödung entgegenwirken. Und gleichzeitig benötigt er ein vollkommen verblödetes Volk und Parlament, um Zustimmung zu seiner Idee zu erhalten. Da hakt’s in der Logik.

  7. Es gibt doch schon eine Subvention, die Buchpreisbindung!

    Entgegen allen anderen Branchen werden die Bücher bei Amazon und co nicht billiger Angeboten. Oder wollen die Buchhändler auch verstärkt den Secondhandmarkt bedienen?
    ich zumindest suche auf Amazon, und bestelle dann bei meinem Buchhändler. Der liefert zur Not auch.

  8. uta.vardar@web.de | 18. März 2013 um 14:54 | Antworten

    tolle idee, stimme ich voll zu !

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