Ein Relikt aus der Hochzeit des Plastikmülls

Seit den 90er-Jahren köchelt eine Debatte über die Notwendigkeit des Einschweißens von Büchern in der Branche immer wieder hoch. Einen aktuellen Impuls gibt die Berliner Kiezkette Buchbox. Inhaber David Mesche und sein Team haben mit Vertriebsleitern, Verlagsvertretern und Buchhändlern über den Folieneinsatz debattiert und die Verlage aufgefordert: „Bitte hört auf, Bücher einzuschweißen!“
Die Reaktionen der Verlage auf Anfrage der Buchbox: 
Ute Nickel, Vertreterin Via Reise Verlag:
„Die Buchbox hat recht! Die Folien sind ein Relikt aus der Hochzeit des Plastikmülls. Deshalb haben wir vom ersten Buch an darauf verzichtet.“
Barbara Strunk, Vertreterin Beltz Verlag:
„Die Beltz-Gruppe gehörte zu den Nicht-Einschweißern der ersten Stunde. (Es gibt nur sehr wenige Ausnahmen, z.B. weiße Schutzumschläge, teure Geschenkausgaben…)“
Ute Nickel, Vertreterin Bibliographisches Institut:
„Wir schweißen mittlerweile Bücher nur noch in absoluten Ausnahmefällen ein.“

„Ausdrücklicher Wunsch der Händler“

Stephanie Martin, Vertriebsleiterin der Ullstein Verlage:
„Wir werden in absehbarer Zeit nicht auf Folien verzichten können. Uns wird vom Handel berichtet, dass der Kunde dies verlangt. Würde ein Verlag als erster umstellen, würde er vom Kunden abgewatscht. Wenn, kann es nur ein gemeinsames Vorgehen der Verlage geben.“
Torsten Krull, Verkaufsleiter Ost beim Verlag Gräfe & Unzer:
„Bücher werden nicht generell, sondern nur auf ausdrücklichen Wunsch eines Händlers oder bei besonderen Anforderungen, wie bei einem sehr empfindlichen Cover oder einer losen Beilage (z. B. dem Thera-Band) eingeschweißt.“

Ulrich Richter, Vertriebsleiter im Diogenes Verlag:
 „Ich kann Ihre Beweggründe gut verstehen. Wir werden aber auch in Zukunft eine Folie für die Hardcoverbände benötigen, da die Bücher so besser gegen Verschmutzungen bzw. Einstauben geschützt sind. Unsere Einschweißfolien werden seit einiger Zeit auf biologischer Basis hergestellt, ohne Erdöl als Grundlage. Sie lassen sich kompostieren oder produzieren bei der Verbrennung nur noch Wasserdampf.“

„Remissionsquote würde stark ansteigen“

Uta Gunasekara, Leiterin Verkaufsförderung im Oetinger Verlag:
„Wir sind seit Jahren darauf bedacht, weitestgehend auf Folien zu verzichten und achtsam mit den Ressourcen umzugehen. Eine Folie erhalten bei uns lediglich die Titel, die mit einem Schutzumschlag versehen sind, da dieser sehr anfällig für kleine Beschädigungen ist. Verzichten wir bei diesen Titeln ebenfalls auf die Folie, steigt die Reklamation- und Remissionsqoute derart stark an, dass hier vorher eingesparte Folien zu einem alles zunichte machenden Transportaufkommen führen. Daher ist ein vollkommener Verzicht leider nicht möglich.“
Andreas Krauß, Vertriebsleiter der Aufbau Verlagsgruppe:
„Ich verstehe Ihre Sicht der Dinge, möchte Sie aber bitten, auch zu bedenken, dass die Bücher einen langen Weg nehmen, bis sie in der Buchhandlung ankommen. Auf diesem Weg ergeben sich sehr viele Möglichkeiten, bei denen Bücher Schaden nehmen können. Auch remittierte Bücher, die uns vom Handel als neuwertig zurückgeschickt werden, sind bei Lichte betrachtet nicht neuwertig und können oft nicht mehr zum vollen Preis angeboten werden.
Diese Erfahrungen und die Tatsache, dass meinem Eindruck nach die allermeisten Buchhändler eingeschweißte Bücher wünschen, lässt uns bei dieser Praxis bleiben. Taschenbücher werden von uns nicht eingeschweißt, was auch bedeutet, dass die Taschenbücher in der allergrößten Mehrzahl nicht mehr als Neuware zurückgelagert werden können und nur als Remittenden noch zu verkaufen sind. Oder die Bücher werden makuliert, was auch nicht wirklich ökologisch ist.“

Buchbox: Verlage sollten sich gemeinsam gegen die Folie entscheiden

Während die Verlage eher ängstlich reagierten, erhielte der Anstoß von den Kollegen großen Zuspruch, heißt es vom Team der Buchbox. Natürlich werde man oft von Kunden gefragt: „Haben Sie dieses Buch noch einmal eingeschweißt?“. Bestünde die eingeschweißte Alternative nicht, würde sich der Kunde rasch an die neue Folienfreiheit gewöhnen – ohne Umsatzeinbußen. Deshalb sollten sich alle großen Verlagsgruppen gemeinsam gegen die Folie entscheiden, so das Fazit der Berliner.

Kommentare

7 Kommentare zu "Ein Relikt aus der Hochzeit des Plastikmülls"

  1. Ich persönlich finde das Einschweißen von Büchern vollkommen überflüssig. Ich lese das Buch ja auch, benutze es, und stelle es mir nicht als Ausstellungsstück ins Regal. Klar fragen viele Kunden nach einem eingeschweißten Exemplar, grade als Geschenk. Weil „man“ ja sonst denken könnte, derjenige verschenke ein schon gebrauchtes Buch *gähn*. Da ich herzlich wenig darauf gebe, was andere von mir denken, wäre mir das in diesem Fall ausgesprochen schnuppe^^ Die Verlage müssen sich einfach umweltfreundliche Methoden (Papierumschläge o.ä.) ausdenken. Und gegen diesen Plastiktütenwahnsinn kann man selber ja eine Menge tun. Ich frage an der Kasse jeden Kunden ob er denn wirklich eine Tüte möchte, auch wenn mein Chef das nicht gerne sieht, weil er will das Werbung gelaufen wird. Ich selber nehme sogar zum Klamottenshoppen eigene Tüten mit auch wenn die Kassiererinnen oft dumm gucken 🙂

  2. Stephanie Kn | 9. Juni 2012 um 18:47 | Antworten

    Ich als Kunde bin sehr FÜR das Einschweißen von Büchern, zumindest die mit Schutzumschlägen, wie es der Oetinger Verlag gesagt hat. Ich bin sehr pingelig, was meine Bücher angeht und kaufe prinzipiell nur einwandfreie Bücher. Dabei lege ich auch viel Wert auf den Schutzumschlag. Bei englischen Büchern wird zB häufig auf das Einschweißen verzichtet, weshalb die Bücher oftmals beschädigt bei mir ankommen, was mich nicht nur ärgert, sondern häufig auch dazu führt, dass ich die Bücher zurück schicke, weil ich nicht gewillt bin für beschädigte Ware den vollen Preis zu bezahlen. Das trifft auch auf deutsche Bücher zu. Ein Buch mit Schutzumschlag kommt beim Endkunden nicht neuwertig an, wenn es nicht eingesschweißt ist, weil der Umschlag dann beim Transport Schaden nimmt.

  3. Für unseren Titel POLYMEER von Alexandra Klobouk gab es erstmalig eine konzeptionelle Entscheidung gegen die Folienverschweißung. Ein Buch zum Thema Plastikmüll einzuschweißen wäre ein schlichter Unfug geworden. Vor allem aber haben wir über das Thema einen prinzipiellen und nachhaltigen Denkanstoß bekommen. In allen Fällen kann man auf die leidige (Schutz)Folie wohl nicht verzichten. Ganz sicher aber ist für uns in Zukunft weniger mehr!

  4. Dirk Niewöhner | 6. Juni 2012 um 21:49 | Antworten

    Viel wichtiger wäre doch, den Plastiktüten-Wahnsinn einzudämmen und Aktionen gegen Tragetaschen zu organisieren. Denn die nimmt (fast) jeder, auch für ein Taschenbuch!

  5. Es hapert, wie immer, an der Kommunikation zum Endkunden. Ein Kompromiss ist doch die von Diogenes schon lange verwendete Einschweißfolie auf biologischer Basis (ohne Erdöl). Diese kann in den Biomüll. Aber auch das muss man nach außen kommunizieren. Mittlerweile ist „Öko“ ja schon Trend. Ich denke das Endkunden mittlerweile sogar lieber die Bücher kaufen würden die „biologisch verpackt“ sind (wenn sie es denn wüssten). Kommunikation ist alles!

  6. Eckhard Wolf | 6. Juni 2012 um 19:33 | Antworten

    Ich bin mir sicher, dass die Mehrzahl der Kunden ungelesene und absolut neuwertige Exemplare kaufen will. Um dessen sicher zu sein, bleibt nur der Griff zu eingeschweißter Ware. Die Gefahren der Beschädigung beim Verpacken, Versenden, Transportieren und Auspacken liegen doch auf der Hand. Was ist denn überhaupt so umweltschädlich an der Folie, wenn eine solche wie beim Diogenes Verlag verwendet wird? Aber sicher hat die „grünste Buchhandlung“ die passende Antwort …

  7. Peter Hellinger | 6. Juni 2012 um 17:34 | Antworten

    Grundsätzlich eine gute Idee. Allerdings: Bei Lesungen werde ich öfters bei nicht eingeschweißten Büchern gefragt, ob es denn nicht noch eins in „Originalverpackung“ gäbe. Der Kunde ist es offensichtlich nicht gewohnt.

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