Petra van Cronenburg: Wir sind die Urheber? Ohne mich!

Petra van Cronenburg: Wir sind die Urheber? Ohne mich!

Es ist womöglich eine sehr „deutsche“ Reaktion: Anstatt sich an einen Tisch zu setzen und Zukunft aktiv zu gestalten, steckt man sich Buttons an: Für oder gegen Atomkraft, für oder gegen Fleisch, für oder gegen das Urheberrecht. Die Schützengräben verlaufen durchs Wohnzimmer, die Gegner sind klar gekennzeichnet und immer ist der andere der Feind.

Ich habe das mit den Buttons in den frühen 1980ern auch gemacht. Aber dann bin ich älter geworden und aus einem unserer Körnerfresser mit Turnschuhen und Buttons wurde ein Außenminister im Anzug. Spätestens da konnte man sehen: Menschen sind nicht schwarz oder weiß, nicht eindeutig, nicht immerwährend zu kategorisieren. Menschen, die noch ein bißchen Leben in sich haben, sind bunt, sie changieren, sie ändern ihre Meinung, sie sitzen zwischen den Stühlen, sie lieben womöglich Freund und Feind. Wie viele Menschen mögen sich keinen Button anstecken, weil sie eigentlich beide tragen müssten, weil sie sich mit gegensätzlich scheinenden Meinungen identifizieren? Oder weil sie von keinem von beiden vertreten werden?

Meine Kolleginnen und Kollegen tragen wieder Buttons. Und weil es so bequem ist, kann man sich heutzutage sogar welche klicken und sich online in Schubladen sortieren. Die etwas gediegeneren Herrschaften machen das noch mit Unterschrift, ausgedruckt. „Wir sind die Urheber! platzte es plötzlich aus allen Kanälen und schließlich auch aus der ZEIT. Namhafte, wirklich sehr namhafte Menschen vor allem aus der Buchwelt haben unterschrieben, es liest sich wie ein Who is Who der Feuilletongesegneten. Auch ich wurde aufgefordert, zu unterschreiben.

Meine erste Reaktion war, eine Aktion der Bildzeitung zu vermuten. Nach „wir sind Papst und Fußball und überhaupt“ jetzt also noch ein „Wir sind wieder wer“? Als typisch individualistische Urheberin bin ich immer sehr vorsichtig, wenn mich ein „Wir“ vereinnahmen will. Was will dieses Wir von mir?

Ganz ehrlich: Ich habe mich geschämt. Zutiefst geschämt. Dass all diese hochintelligenten UnterzeichnerInnen sich in ihrer gewiss verständlichen Rage offensichtlich keine großen Gedanken gemacht haben, was sie da unterzeichnen. Oder vielleicht doch? Was mag das über das Wir aussagen?

Ich kann „Wir sind die Urheber nicht unterzeichnen. Vielleicht, weil ich mir über das Urheberrecht schon viel zu viele Gedanken gemacht habe? Ich fühle mich nämlich nicht von feudalen Mächten bedroht und weiß, dass es im 19. Jahrhundert, vor dem Urheberrecht, auch richtig wild lukrative Zeiten für Schriftsteller gab. Bedroht fühle ich mich dagegen von Zeitungsredaktionen, die mir Buy-out-Verträge andienen, um im Gegensatz damit zu drohen, mich abzumahnen, wenn ich auf meiner Website aus einer Buchrezension zu viel zitiere. (Übrigens oft genau die Zeitungen, in denen sich diese „Wir“ tummeln). Ich verdiene meinen Lebensunterhalt nicht durch die Existenz des Urheberrechts, sondern durch knallharte Verhandlungen mit immer sparsameren Auftraggebern. Es geht mir nicht schlecht, weil ich meinen Buchtrailer bei Youtube verschenke oder 1000 Menschen meinen Roman kostenlos herunterladen. Es geht mir schlecht, weil die Vorschüsse kontinuierlich sinken, sich die Tantiemen an keine Inflation anpassen, Buchhandlungen Lesehonorare verweigern, ich am Ende der Nahrungskette Buch stehe, obwohl ich mein Buch überhaupt erst ermögliche. Wo sollen Menschen wie ich unterschreiben?

Und warum merkt keiner von diesen intelligenten Menschen, dass man ein Urheberrecht nicht stehlen kann, schon gar nicht böswillig rauben? Es ist unveräußerlich – und das, was da geraubt wird, ist eigentlich eine wundersame Vermehrung. Wie will ich klar und deutlich über solch wichtige Gesetze diskutieren, wenn ich nicht einmal die einfachsten Rechtsbegriffe verstehe?

Ich kann die Polemik nicht unterschreiben, weil mir das Urheberrecht leider nicht ermöglicht, von meiner Arbeit als Buchautorin leben zu können – im Gegensatz zu den Berühmtheiten unter den UnterzeichnerInnen. Ich kann sie aber auch deshalb nicht unterschreiben, weil diese bösen „globalen Internetkonzerne“ mich nicht entrechten, sondern mir überhaupt erst ermöglichen, endlich anständig für meine künstlerischen Projekte entlohnt zu werden – und das weltweit. Vorbei sind die Zeiten, in denen sich Buchhändler irgendwelchen Büchern verweigern und Verlage Regalplätze bezahlen – wir haben die größte demokratische Verkaufsmaschinerie im Internet. Vorbei sind die Zeiten, wo man mir für E-Books lächerliche Tantiemen geben will, ich mach mir das selbst! Vorbei sind die Zeiten, wo ich Artikel wie diesen im Total Buy Out ans Feuilleton lieferte – ich bringe ihn auch so unters Volk und finanziere ihn durch Blogbücher.

Nehmen wir eine Gedenkminute für das Branchenjammern, das jetzt einsetzen mag. Ich habe kein Ohr mehr dafür. Als ich als Autorin einmal auf Sozialhilfe war, hat auch niemand Mitleid mit mir gehabt. Sie müssen unabhängiger werden, mit der Zeit gehen, die neuen Chancen ergreifen, hat man mir damals auf dem Amt gesagt. Wie lange wollen wir alle noch verschlafen, was wir von den Kids lernen könnten? Wann wollen wir uns endlich gemeinsam an einen Tisch setzen, uns einbringen, diskutieren, miteinander – für eine Welt, in der sich alle in Kompromissen wiederfinden können? Wann reden wir Urheber endlich darüber, dass die Nutzungsrechte-Regelungen teilweise völlig veraltet sind?

Das sei deutlich gesagt: Ich bin für das Urheberrecht. Es ist eine wunderbare Errungenschaft. Ich bin aber auch für eine Reform. Und da stehe ich in manchen Punkten fast auf der ach so falschen Seite. Deshalb gibt es für mich kein „Wir“ – weil mich dieses „Wir“ ausstoßen würde.

Ich passe längst nicht mehr zu diesem papierenen Wir. Meine Arbeit ist global, digital und multimedial, vereint mehrere Berufe. Ich kann nur ein paar einzelne Punkte streifen, die mir durch den Kopf gehen:

Ich brauche keinen Urheberrechtsschutz über meinen Tod hinaus. Nicht, dass ich Tante Erna nicht das fette Erbe von Büchern gönnen würde, die sie bei meinen Lebzeiten nie gelesen hat. Aber was, wenn sich Tante Erna benimmt wie die Witwen von Brecht oder Beuys? Ich kann ein Lied von den Witwen singen, den Sammlungen und Privateignern. Bei der Recherche zu historischem Fotomaterial für Sachbücher kann einem das Urheberrecht graue Haare bescheren! Wer mag der unbekannte Fotograf eines bestimmten Studios gewesen sein, wer sind seine Erben und was verlangen die?

Längst habe ich mir abgewöhnt, solche Arbeiten in Deutschland zu erledigen. Fotorechte? Können Sie haben, macht 300 Euro pro Bild, wir sind kulant. In den USA bekomme ich die gleichen Fotos umsonst, weil die Eigner dort Bildung und Kultur zuliebe die Abdruckrechte umsonst abgeben oder allenfalls einen kleinen Obolus für spezielle Datenaufbereitungen verlangen, für die Arbeit damit. Ganze Bibliotheken, Archive und digitale Sammlungen stehen mir im Ausland online zur Recherche zur Verfügung. Ich muss die Urheberrechte achten, aber die Nutzungsrechte werden mir einfach und preiswert angeboten. Da greife ich umso lieber zu – und das kommt meinen LeserInnen zugute. Sie erfahren mehr.

Ich bin dagegen, Kids und Jugendliche zu kriminalisieren, wie es hier in Frankreich geschieht. HADOPI ist eine einzigartige Steuergeldervernichtungsmaschine geworden, bei der man Schulkinder fängt und deren Eltern anklagt. Ich bin dafür, die ganz großen Fische zu jagen, die Macher der Piratenbörsen, die wirklich Verantwortlichen. Dafür bräuchten wir globale Aktionen und Möglichkeiten, konzertiertes Arbeiten. Piratenjagd auf die wahren Piraten – vielleicht helfen uns die anderen Piraten mit ihren Kenntnissen dabei? Wie wäre es mit einer kleinen Bekehrung auf beiden Seiten? Dazu müsste aber jeder vom eigenen hohen Ross herunter, statt Grabenkampf wäre Aufklärung angesagt, Erziehung zu Unrechtsbewusstsein – und jede Menge guter Beispiele, denen es nachzueifern lohnt.

Was habe ich in meinem jugendlichen Leichtsinn Radiosendungen aufgenommen, kopiert, verschenkt und noch mehr kopiert, ganze Bücher vervielfältigt, weil sie der Studentin zu teuer waren und mich keineswegs kriminell gefühlt! Wie viele Kinder der Unterzeichnenden mögen es heute noch so halten, heimlich? Irgendetwas ist dann mit mir passiert, dass ich trotzdem Geld für Musik und Bücher ausgegeben habe. Dieses Etwas sollten wir hegen und pflegen! Dieses Etwas wächst nicht aus Kriminalisierung.
Natürlich bin ich gegen Piratenbörsen. Aber verfolgen wir doch bitte bitte die wahren Schuldigen!

Da wäre noch ein Punkt, warum ich Schreiben nicht unterzeichnen mag, die mir vorgaukeln, nur die reine Existenz des Urheberrechts sichere mir Urheberin meine Existenz. Das ist eine Lüge. Gewiss bekomme ich von der VG Wort jährlich einen manchmal lächerlichen Scheck für all die ausgeliehenen Bücher, die Pressespiegel, das Anhören meines Hörbuchs. Gewiss werde ich von Buchverlagen bezahlt. Aber das ist eben nicht mehr selbstverständlich. Zeitungsverlage haben mir die überlebenswichtige Möglichkeit der Mehrfachverwertung genommen, während sie selbst – ohne mir Honorare dafür zu zahlen – meine Stoffe zigfach bei Dritten verwerten können. Manche meiner Buchverträge, als ich noch jung und doof war, wollten mich gar lebenslänglich binden, global, sozusagen jenseits von Zeit und Raum. Wo sind die Aufschreie der Urheber gegen unsittliche Verträge?

Nein. Das Urheberrecht sichert den meisten von uns längst nicht mehr die Existenz. Bei den Nutzungsrechten sind wir teilweise zu modernen Sklaven ganz neuer Feudalstrukturen geworden. Viele KollegInnen empfinden sich als BittstellerInnen, nicht mehr als SchöpferInnen. Es wird höchste Zeit, über Nutzungsrechte zu reden; über neue, moderne Möglichkeiten und vor allem über Geld. Darüber, dass uns alte, etablierte Institutionen zunehmend im Regen stehen lassen und die ach so bösen globalen Internetkonzerne bieten, was jene verschlafen. Ich wage, aus eigener Erfahrung zu behaupten, dass die Menschen da draußen, sogar Piraten darunter und Grüne und was es da alles an Feindbildern gibt, durchaus gewillt sind, Künstler zu bezahlen. Geben wir ihnen die Möglichkeit!

Klopfen wir aber auch mal den alten Institutionen auf die Finger. Warum bekomme ich für meine E-Books z.B. keinen Scheck von der VG Wort? Der Feudalismus ist Historie. Das reine Papierzeitalter jedoch auch.

Petra van Cronenburg studierte Theologie und Judaistik mit den Schwerpunkten Religionswissenschaften und Kirchengeschichte in Tübingen und absolvierte eine Volontariatsausbildung zur Redakteurin. Sie lebt heute als freie Journalistin, Buchautorin, Texterin und Übersetzerin in Frankreich.
Der Artikel ist zuerst im Blog von Petra van Cronenburg erschienen. Hier die Webseite der Autorin.

Petra van Cronenburg studierte Theologie und Judaistik mit den Schwerpunkten Religionswissenschaften und Kirchengeschichte in Tübingen und absolvierte eine Volontariatsausbildung zur Redakteurin. Sie lebt heute als freie Journalistin, Buchautorin, Texterin und Übersetzerin in Frankreich.

Der Artikel ist zuerst im Blog von Petra van Cronenburg erschienen. Hier die Webseite der Autorin.

Kommentare

8 Kommentare zu "Petra van Cronenburg: Wir sind die Urheber? Ohne mich!"

  1. Wunderbarer Text!

    Eine Stelle, die mich gerade besonders beschäftigt:

    “ Ich bin dafür, die ganz großen Fische zu jagen, die Macher der Piratenbörsen, die wirklich Verantwortlichen. Dafür bräuchten wir globale Aktionen und Möglichkeiten, konzertiertes Arbeiten. “

    Abmahnaktionen sind ein gutes Mittel, allerdings nicht gegen Kids und Endnutzer, sondern gegen die Verteilungsplattformen. Und das machen Verlage etwa in UK konzertiert und erfolgreich. Ich verstehe nicht, warum diese nunmehr erprobten Modelle und ihre Erfolge nicht hier stärker in der Diskussion sind.

    Ich sollte dieser Tage genaue Zahlen kriegen und werde darüber detailliert berichten – im Perlentaucher und auch hier.

  2. Georg Freiland | 14. Mai 2012 um 21:05 | Antworten

    Naja ich verstehe diese Argumente durchaus, aber – wenn man schon Geld verlangt und moderne Möglichkeit wie problemlose Veröffentlichung ohne Verlag und Co. in Anspruch nimmt, dann soll man seine Werke auch in guter Qualität veröffentlichen.

    Ich fühle mich als Kunde ziemlich verarscht, wenn so ein Möchtegernautor seine eigenen Werke anscheinend nicht mal nach der Veröffentlichung anschaut.

    Wie gesagt, wenn man von moderner Zeit profitieren will, soll man die Spielregeln auch akzeptieren.
    Da setzt man sich halt an einem regnerischen Samstag hin, googelt paar Stunden, meldet sich in einem Forum an usw. Wenn man schon den Verlag spielen soll, dann halt ordentlich.
    Man braucht kein Informatikerabschluss zu haben um in dem automatisch erstellen eBook paar Codezeilden abzuändern.
    Ist ja meistens so viele das gleiche- fehle navPoints in toc.ncx .

    Ich glaube auch nicht, dass die Autoren zu fein sind um sich mit sowas banalem wie Technik auseinanderzusetzen, eher hat man zu Unrecht zu viel Angst vor dem Computer.

    Natürlich zählen vor allem Inhalte aber die Kurzgeschichten einer SciFi Anthologie ohne Inhaltsverzeichnis müssen auf dem Niveau von einem Ray Bradbury sein, damit ich weitere Werke des Autors anschaue.

    Und man sollte nicht nur aus dem Respekt vor dem Kunden ordentliche Produkte abliefern- ist es doch das eigene Aushangsschild.

  3. Danke für das spannende Feedback auf allen Kanälen, im Blog hat sich außerdem eine Diskussion mit Matthias Ulmer vom Börsenverein ergeben.

    @Georg Freiland
    Sie schreiben: „Formatierung bekommen leider die meisten Indieautoren nicht hin- kein Inhaltsverzeichnis etc. Ein Buch muss ja auch sauber auf ordentlichem Papier gedruckt werden, warum schaffen die meisten Autoren nicht ordentliche Produkte auf die Beine zu stellen?!“

    Kann ich Ihnen als Hybridautorin (sowohl mit Verlagen als auch im Self Publishing) vielleicht sagen. Man kann nicht alles können. Professionell gemachte Bücher verlangen Profis. Verlage z.B. nehmen mir all diese Arbeiten ab wie Lektorat, Grafik, Buchsatz, Konvertierung etc. – sie finanzieren das sogar vor.

    Als Indie oder Self Publisher werde ich im Prinzip, rein arbeitstechnisch, selbst zum Verlag. Was ich nicht gelernt habe, muss ich außer Haus an Profis geben und finanzieren. Alles an Profis zu geben, würde E-Books im Moment unwirtschaftlich für unbekannte Autoren machen. Also behelfen sich viele mit Eigenbastelei / Freunden, der falschen Software (Profisoftware, die Geld kostet, stellt z.B. das Inhaltsverzeichnis automatisch her). Sehr viele haben vom Buchgeschäft und der Buchherstellung einfach auch gar keine Ahnung. Es gibt aber sogar Indies, die in der billigen Erstauflage fürchterliche Fehler machen und sich vom Erlös dann ein Lektorat für die 2. Auflage leisten. Denn die Kritiken kommen.

    Ich glaube, in ein paar Jahren oder noch schneller wird sich der Indiemarkt ebenfalls professionalisiert haben. Ich entdecke dort jedenfalls zunehmend Perlen, bei denen ich mich frage, warum die noch kein Konzernverlag entdeckt hat!

  4. Ina Fuchshuber | 14. Mai 2012 um 11:35 | Antworten

    Grabenkämpfe und Stellungskrieg werden uns alle, Nutzer wie Urheber und Verlage in Zukunft nicht weiterbringen, dass sehe ich auch so. Das Urheberrecht muss mindestens so reformiert werden, dass es für den normalen Bürger wieder möglich ist, legal mit Inhalten umzugehen und wieder zu verstehen, was er wann darf und was nicht (z.B. Zitatrecht, Nutzung von Videos, Privatkopien etc.). Das darf man nicht mehr Gerichten und Abmahnkanzleien überlassen. Dazu zählt aber auch, dass die Verwertungsgesellschaften den ganzen Katalog neuer Nutzungsmöglichkeiten abdecken und auf die Herausforderungen reagieren(wie Fr. van Cronenburg ja z.B. richtigerweise auf die eBooks hinweist).

    Daher halte ich die Aktion „Wir-sind-die-Bürger“ für sehr wichtig und in die richtige Richtung weisend.
    – Ganz im Gegensatz zur Aktion von Anonymous, die sich 100%ig disqualifizieren, in dem sie freie Meinungsäußerung im Netz mit Repressalien verhindern wollen, die jedem totalitären Regime gut zu Gesicht stünden. Das führt sicher nicht zur Deeskalation des Streits!

    Was ich allerdings auch nicht unterschreiben kann, ist die kritiklose Haltung gegenüber den Internetkonzernen: Auch hier kann es nicht gelten, dass eine einmal eingenommene Haltung nicht mehr verrückbar ist. Alle Seiten müssen sich bewegen.

  5. Georg Freiland | 14. Mai 2012 um 0:23 | Antworten

    Wäre ich ein „Urheber“ läge mein größeres Interesse meine Werke zu verbreiten statt bei irgendwelchen Dagegen-Aktionen mitzumachen.

    Denn man bekommt Geld mit dem Verkauf von seinen eBooks an zahlungswillige Kunden und nicht mit den Aktionen in der Bildzeitung und Co.

    Fair bepreiste eBooks, gut formatiert* , überall verfügbar – (Amazon und epub Shops) und möglichst DRM frei** hört sich für mich vernünftiger an.

    Mit der neuen Technik hat man immense Vorteile- man kann auch als unbekannter Autor nah beim Kunden sein, und kann seine Werke veröffentlichen, was ja für die meisten Autoren bisher eher eine Ausnahme war…

    Klaro hats auch Nachteile – eben Raubkopie, aber die Chancen sind größer. Man sieht, dass die Leute Spiele und Musik als kostenpflichtige Downloads kaufen und in der jetzigen Crowdfunding Zeit sieht man wie viel die User zu zahlen bereit sind. Millionen für irgendwelche Produkte die erst in einem Jahr veröffentlicht werden.

    *bekommen leider die meisten Indieautoren nicht hin- kein Inhaltsverzeichnis etc. Ein Buch muss ja auch sauber auf ordentlichem Papier gedruckt werden, warum schaffen die meisten Autoren nicht ordentliche Produkte auf die Beine zu stellen?!

    **ich will ja, dass der Kunde auch gerne mal den Reader wechseln kann ohne seine bezahlten Werke zu verlieren

  6. Wunderbarer Text!

    Was kann der Literatur besseres passieren, als dass alle an ihr frei teilhaben können? Was kann ihr schlechteres passieren, als dass sie sich auf dem Markt feilbieten muss?

    Autoren sollen Leben können. Solange dies noch nicht durch ein bedingungsloses Grundeinkommen garantiert wird, könnte man versuchen, nach dem Beispiel der Wissenschaft zu verfahren.

    Politik hatte einmal erkannt, dass Wissenschaft sich am besten selbst steuert. Der Staat gibt das Geld, wer es wofür bekommt, bestimmen Experten. (Heute kommen immer mehr Gelder aus der Wirtschaft, die sich — sehr zum Schaden der Wissenschaft — weniger zurückhält beim Bestimmen der Forschungsziele.)

    Brecht hat vorgeschlagen, Lyrikern staatliche Stipendien für Nachdichtungen zu geben. Warum sollte es nicht von Autoren gewählte Gremien geben, die bestimmen, wer schreiben (oder komponieren) kann, ohne sich Sorgen um den Lebensunterhalt machen zu müssen?

    Geradezu lächerlich ist die naturrechtliche Begründung des Urheberrechts. Was sind Autoren ohne die Kultur, in der sie aufgewachsen sind?

    In der Papierwelt war das auf dem Urheberrecht beruhende System von Verlagen und Buchhandlungen geeignet, Literatur zu fördern, dem Netz entspricht es nicht mehr. Des Profits wegen künstlich Information zu verknappen, ist genauso unredlich, wie künstlich die Lebensdauer von Glühbirnen zu verkürzen.

  7. 1.) Nur weil es mit Urheberrecht nicht reicht, reicht es ohne Urheberrecht auch nicht.
    2.) Viele Verlage verlegen nach dem Prinzip: Kleinscheiß macht auch Mist. Das führt zu zu vielen Titeln, um die sich nach Veröffentlichung zu wenig gekümmert wird. Daraus folgen zu niedrige Auflagen und u.a. zu wenig Ertrag für die AutorInnen.
    3.) Die Kampagne Wir-sind-die-Urheber gräbt die vorhandenen Schützengräben auf seiten der Urheber noch einen Meter tiefer aus – man scheint sich auf einen langen Stellungskrieg einzurichten. Ob dies bei jungen Menschen, die einfach nur Lust auf Lesen und Bücher haben, gut ankommt, wage ich zu bezweifeln.

  8. Liebe Petra, das ist ein hervorragendes Manifest. Das unterschreibe ich als „Verwerter“ mit Vergnügen. Auch auf der Seite der Verlage, vor allem der Zeitungsverlage, haben sich unsittliche Praktiken eingebürgert. Das Urheberrecht zwingt in seiner „in seiner erhabenen Majestät“ zwingt natürlich keinen dazu, diese Verträge anzubieten oder zu unterschrieben. Man könnte aber durchaus einmal die Sittwidrigkeit solcher Buy-Outs überprüfen lassen. Ich darf als Buchverlag ja schon lange keine Verträge ohne einen effektive Erfolgsbeteiligung abschließen.

    Und noch was zur Bezahlkultur: Mit dem Bezahlen für digitale Werke bei Youtube, Amazon & Co. ist es sehr schnell vorbei wenn das kostenlose (nicht kommerzielle) Verbreiten nach dem Wunsch der Piraten legalisiert wird, dann verlieren alle kostenpflichtigen Angebote einen ganz entscheidendenden Vorteil, nämlich den, dass sie eine legale Quelle sind. Ich glaube niemals, dass eine erwähnenswerte Zahl von Verbrauchern bezahlen für ein digitales Werke wird wenn es dasselbe in der werbefreien Peer-to-Peer-Piratenbucht ganz legal kostenlos gibt. Wenn dieser Geist einmal aus der Flasche ist, dann kriegt ihn niemand mehr da rein. Diese Debatte wurde im Übrigen auch schon in den 60er Jahren geführt als es um die urheberrechtliche Bewertung der Tonbandgeräte ging.
    Das große Dilemma ist aber dann natürlich die maßlose Strafverfolgung und das durch und durch unseriöse Abmahnwesen von Abzockerkanzleien. Die Musikindustrie scheint das mittlerweile begriffen zu haben. Wir in der Buchbranche müssen aber offenbar erst einmal selbst auf die Nase fallen bevor wir es begreifen.

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