»Jungen Eltern interessante Angebote machen«

Christian Montag (Foto: Elvira Eberhardt/Universität Ulm)

Psychologische Mechanismen ketten besonders junge Menschen an Smartphones, Games und Plattformen wie Facebook und Instagram. Der Ulmer Heisenberg-Professor für Molekularpsychologie Christian Montag zeigt u.a. anhand von Daten aus der Hirnforschung, warum Kinder und Jugendliche anfälliger für eine exzessive Nutzung sind als Erwachsene. Welche Folgen hat das für traditionelle Medien?

App-Anbietern wird vorgeworfen, ihre Anwendungen so zu programmieren, dass sie süchtig machen. Ist dieser Vorwurf aus wissenschaftlicher Sicht berechtigt?

In einer Analyse von Freemium-Games auf Smartphones haben wir durchaus einige Spielelemente herausarbeiten können, die offenkundig auf längere Spielzeiten abzielen. Aber hierbei handelt es sich um einen noch relativ wenig beachteten Bereich in der Suchtforschung: Welche Spiel- oder App-Elemente haben welche süchtig machenden Eigenschaften? Da zudem die Entwicklung in der Regel nicht transparent ist, lässt sich schwer nachweisen, inwieweit die Industrie Techniken wie AB-Testing einsetzt, um möglichst süchtig machende Applikationen zu erzeugen.

Inwiefern ist das bedeutsam für die Medienwirtschaft?

Das ist natürlich sehr bedeutsam. Schon weil mehr Zeit auf Apps weniger Zeit und weniger Zahlungsbereitschaft für andere Medien bedeutet. Gerade im Internet hat sich eine Gratismentalität durchgesetzt, Menschen möchten jeden erdenklichen Service umsonst nutzen. Im Gegenzug hat sich ein Geschäftsmodell entwickelt, das Servicenutzung gegen Daten lautet. Anbieter leben davon, dass sie die Nutzer immer länger auf ihren Plattformen halten. Denn dies resultiert in mehr Daten über eine Person, die wiederum besser mithilfe von individualisierten Nachrichten in einem News-Feed oder Ähnlichem zu einem noch längeren Verbleib auf der Plattform motiviert werden kann. Dadurch fallen noch mehr Daten an, die es irgendwann erlauben, ein klares Bild der Person zu zeichnen. Das wird dann gern eingesetzt, um diesem Nutzer möglichst maßgeschneiderte Werbung zu präsentieren.

Wenn besonders Kinder und Jugendliche für solche Mechanismen anfällig sind: Haben Verlage mit jungen Zielgruppen noch eine Chance im Kampf um Aufmerksamkeit?

Meines Erachtens haben Jugendbücher, anders als Smartphones und Co., das Potenzial, junge Menschen mit intelligentem Kopfkino in andere Welten abtauchen zu lassen. Das war und ist doch das Spannende an Büchern: Wir bekommen nicht wie im Film bereits alles mundgerecht präsentiert. Das geschriebene Wort muss noch im eigenen Kopf aktiv zu einer lebendigen Welt ausgestaltet werden. Ich würde das Buch deswegen nicht abschreiben wollen. Es bedarf allerdings, wie übrigens auch schon früher, guter Geschichten, um junge Leser zu begeistern.

Auch pädagogisch ist es sinnvoll, weiter aufs Buch zu setzen. Die intensive Auseinandersetzung mit der Sprache – sei es durch lesen oder vorgelesen bekommen – ist eine wichtige Voraussetzung, im Erwachsenenalter erfolgreich mit Sprache umzugehen. Sprache ist Macht und in vielen Berufen unverzichtbare Voraussetzung für Erfolg.

Was können Verlage konkret tun?

Grundbedürfnisse von Kindern und Jugendlichen unterscheiden sich heute nicht von denen von vor 100 Jahren. Junge Menschen wollen – neben der Befriedigung basaler Bedürfnisse wie genügend Nahrung und Sicherheit – vor allen Dingen die Welt entdecken. Ohne Neugierde würden wir kaum Wissen anhäufen. Dies geschieht natürlich auch über Bücher. Der Königsweg, wie man Kinder an Bücher gewöhnen kann, ist ein Elternhaus, in dem viel vorgelesen wird. So werden sie schnell an die Sprache und imaginäre, fantastische Welten herangeführt. Eltern sind in vielerlei Hinsicht Vorbilder. Finden sich im Elternhaus viele Bücher und hat das Buch dort einen hohen Stellenwert, so kommen Kinder leichter mit diesem wichtigen Kulturgut in Kontakt. Von daher müssen Verlage bereits jungen Eltern interessante Angebote machen. Zum einen bei der Preisgestaltung: Wenn Online-Inhalte scheinbar kostenlos sind, muss meines Erachtens das gedruckte Buch günstiger werden. Das gilt gerade dann, wenn auch bildungsfernere Familien an das Buch herangeführt werden sollen. Des Weiteren: Kinder- und Jugendbücher müssen sich nicht immer, aber manchmal, an den Zeitgeist der Jugendkultur anpassen. Klassiker wie Astrid Lindgren, die ich als Kind gut fand, werde ich auch meiner Tochter vorlesen. Aber um die neue junge Leserschaft nachhaltig zu begeistern, gilt es auch, auf Geschichten zu setzen, die mehr unserer neuen Zeit angepasst sind.

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