Indie-Verlage kritisieren gestrichene Programmplätze für Literatur

Mehr als 40 unabhängige Verlage kritisieren in einem Offenen Brief die Programmpolitik der öffentlich-rechtlichen Sender und insbesondere des WDR. Sie wenden sich gegen die gestrichenen Programmplätze für Literatur und Buchrezensionen.

Anlass ist, dass ab dem 1. März auf dem Radio-Kultursender WDR 3 unter der Woche alle festen Programmplätze für Literaturkritik wegfallen sollen. Betroffen sind neben der Buchrezension, die täglich in der Sendung „Mosaik“ ihren festen Platz hatte, das Mosaik Samstagsgespräch mit Kulturschaffenden sowie die Sendungen „Das Lesezeichen“ und „Das Gedicht“. Auch der Börsenverein hat sich bereits kritisch dazu geäußert. 

In der Vergangenheit sind bereits öfter Sendeplätze für Literaturkritik gestrichen worden: 2020 hatte der WDR bereits den „Literaturmarathon“ des Radiosenders WDR 5 aus dem Programm genommen. Zuvor entschied der NDR, die Literatursendung „Bücherjournal“ einzustellen.

Der aktuelle Brief, den unter Federführung des Homunculus Verlags entstanden ist, im Wortlaut:

Sehr geehrter WDR, sehr geehrter Tom Buhrow, sehr geehrte Valerie Weber, sehr geehrter Matthias Kremin,

sehr geehrte Rundfunkveranstalter des öffentlichen Rechts,

das bevorstehende Ende der täglichen Buchrezension in »WDR3 Mosaik« möchte ich zum Anlass dieses Schreibens an Sie nehmen:

Diese Abschaffung wirkt besonders ignorant im Kontext der derzeitigen Lage für alle Kunst- und Kulturschaffenden. Aufgrund der Corona-Pandemie ist es Verlagen kaum möglich, durch Lesungen und Messen die Aufmerksamkeitspolitik aufrechtzuerhalten, die das Kulturgut Buch so sehr verdient. Es ist ganz und gar erstaunlich, dass sich gerade in einer solch verheerenden Situation Vertreter:innen einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt zu solchen Entschlüssen hinreißen lassen und darin auch offenbar überhaupt kein Problem sehen.

Literatur ist nicht weniger wichtig geworden und damit auch nicht die Literaturvermittlung. Literatur war schon unverzichtbar kulturstiftend zu einer Zeit, in der nur jede:r Zehnte lesen konnte – die Quoten sind heutzutage also hervorragend.

Ich bin auch fest überzeugt, dass die offensichtliche Grundhaltung, dass Literatur heutzutage »problematisch« sei, eine gewaltige Fehleinschätzung ist. Dass diese Grundhaltung bei vielen Verantwortlichen solcher Entscheidungen besteht, ist ein offenes Geheimnis. Literatur war nie unproblematisch, war immer prekär – und auch ist der Topos des armen Poeten älter als Goethe und Schiller. Das einzige neue Problem, das das 21. Jahrhundert mitbringt, ist eine Konzentration oder Versessenheit auf die Unmittelbarkeit und Quantität des Feedbacks, eine Algorithmisierung von allem, was sich an Klickzahlen, Daumen bemisst, die nach 24 h bereits veralten. Das Feedback muss instant erscheinen – und reichlich. Am Abend muss validiert werden können, ob der Morgen ein Erfolg war. Den episodischen Menschen nennt man das, der sich vom komplexen Menschen entfernt. Aber Literatur ist ein langsames Medium – und weil komplexes Denken auch ein langsamer Prozess ist, ist diese Entschleunigung nicht substituierbar. Literaturvermittlung und Diskurs dürfen sich nicht zurückziehen!

Der zunehmende Unwille der Medien, der Literatur den nötigen Raum zu geben, ist nicht organisch – dieser Unwille ist gemacht und aktiv entschieden, ist das Kind einer unterkomplexen Weltsicht und Wertbemessung, wobei die Messung den Wert wiederum als Haustier hält, den man nur dann zu füttern braucht, wenn er bereits jaulend darniederliegt.

Mit welch enormer Verlässlichkeit wir in den täglichen Nachrichten Ergebnisse von Fußballspielen oder Lottozahlen präsentiert bekommen und mit welcher Verlässlichkeit niemals Sätze wie »heute erschien folgendes absolut großartiges Buch«. Das Feuilleton wird marginalisiert – aber das ist eine aktive Entscheidung der Gestalter:innen, die gerne im Duktus der Selbstverständlichkeit präsentiert wird.

Die tägliche Buchrezension im »WDR3 Mosaik« war ein leuchtendes Beispiel dafür, dass Literatur nicht marginalisiert wird, sondern zum täglichen kulturellen Input gehört. Das Format strahlt genau jene Selbstverständlichkeit aus, die andere Formate so sehr vermissen lassen, die aber notwendig und tatsächlich ist.

Matthias Kremin versichert, dass es sich um eine Umformung und keine Kürzung handelt. Wir Verlegerschaft sind skeptisch und interessiert, wie es dem WDR gelingt rd. 250 Titel im Jahr im Duktus der Alltäglichkeit von literarischem Diskurs nun besser zu präsentieren. Wie? Das wurde nicht gesagt. Bei konstruktiven Abschaffungen geht eigentlich mit dem Bekenntnis zur Abschaffung die Präsentation des neuen Konzepts einher bzw. geht das neue Konzept dieser voraus. Man ist geneigt anzunehmen, dass das »Verbrämen der schrittweisen Abschaffung von Literaturkritik [im] öffentlichen Rundfunk«, wie Jan Wiele es in der FAZ am 27.01.2021 nannte, auch hier wieder wie bei vielen anderen Landesmedienanstalten als Fall vorliegt. Der traurige Umstand ist leider nicht zu leugnen und langsam wird die Mär der Abschaffung zugunsten neuer, besserer, ja großartiger Formate nicht mehr geglaubt, die Mär, die uns jedes Mal die Destruktion als Erfolgsmeldung verkaufen will.

Liebes ZDF, lieber BR, lieber hr, lieber MDR, lieber NDR, liebes Radio Bremen, lieber rbb, lieber SR, lieber SWR und nach wie vor natürlich lieber WDR:

Leider sind solche Entscheidungen zunehmend zu bemerken und ich möchte an dieser Stelle nicht versäumen, allen öffentlich-rechtlichen Rundfunkveranstaltern den Inhalt dieses offenen Briefes zu empfehlen. Sollten Sie mit ihren eigenen Formaten der Literaturvermittlung und des literarischen Diskurses unzufrieden sein, haben Sie vielleicht sogar recht – doch liegt das Problem nicht bei der Literatur oder der Leserschaft, die reichlich und sehr interessiert ist. Das Problem ist vielmehr regelmäßig in der Ausgestaltung Ihrer Formate zu finden, in unzeitgemäßen bourgeoisen Konzepten. Aber anstatt zu revolutionieren, canceln Sie lieber, stampfen ein, verschlanken, wo ausgebaut werden sollte, und erzählen dazu Geschichten, die einzig und allein die Gemüter beruhigen sollen, die man aber besser nach ein paar Jahren nicht validieren sollte. Die fortschreitende literarische Verarmung der Medien ist ein Symptom zunehmenden Antiintellektualismus, der verheerend für eine demokratische Gesellschaft ist, aber schlicht und ergreifend durch solche Entscheidungen aktiv geformt wird. Ich möchte betonend wiederholen: Es handelt sich nicht um einen passivischen Effekt, den man wehrlos erleidet, weil die Umstände ihn bedingen, sondern um die Konsequenz aktiver Entscheidungen und Formgebungen. Diesen Umstand prangere ich an.

Außerdem ist der Umstand verheerend, dass die öffentlich-rechtlichen Sender die Ausfälle im Literatur- und Kulturerleben seit Frühjahr 2020 nicht maßgeblich gewillt waren, zu kompensieren. Es wäre der rechte Zeitpunkt dafür gewesen, Sendezeit all jenen Schriftsteller:innen, Musiker:innen, performativen Künstler:innen zu geben, die ihre Kunst nicht mehr live einem Publikum vorführen konnten, die Technik und die Reichweite zur Verfügung zu stellen, anstatt die brachliegende performative Kulturproduktion dem Wohnzimmer und der Smartphone-Kamera zu überlassen. Ich bezeichne diese Ignoranz als Corona-Generalversagen der öffentlich-rechtlichen Anstalten.

Es wird Zeit für ein Bekenntnis. Kein rhetorisches Bekenntnis – ein Bekenntnis der Tat, ein tief ins Innerste der Grundsätzlichkeit vordringendes Bekenntnis.

Ich empfehle tatsächlich auf dieses Schreiben nicht (verbal) zu antworten: Keine Rhetorik, keine Versprechung, keine Erzählung. Die Antwort muss allein als Maßnahme erfolgen und die Veränderungen müssen so massiv, so substanziell sein, dass wir sie von selbst erkennen, ohne dass man sie uns vorher als Märchen erzählen muss. Vielleicht – wenn wir auf die Rhetorik verzichten, auf die Verschüttung – bleibt am Ende nur die Realität der Tat als Option. Das ist die Hoffnung.

Viele Grüße

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