Die heimliche Macht der Bewerber

Personalentscheider in Verlagen sind meist Babyboomer. Sie machen heute eine unangenehme Erfahrung: Während sie früher mit Dutzenden Konkurrenten um Jobs zitterten, wählen heutige Bewerber gelassen unter vielen Optionen. Darauf gilt es sich einzustellen.

Bewerber haben heute die Wahl. Für Arbeitgeber bedeutet dies: Sie müssen sich mehr anstrengen, indem sie im Recruiting-Prozess ihre Leistungen deutlicher herausstellen, Sympathiepunkte auf allen Ebenen zu erzielen suchen und den Prozess nicht in die Länge ziehen. Ein erfolgloser Recruiting-Prozess ist nicht zu Nullkosten zu haben – der „Cost of Vacancy“, also der betriebliche Verlust durch Nichtbesetzung von Stellen kann sich summieren – auf 49 Mrd Euro jährlich allein im deutschen Mittelstand, wie Ernst & Young 2017 errechnete. Dies betrifft vor allem den deutschen Arbeitsmarkt. Wie virulent das Problem für Arbeitgeber ist, zeigt eine StepStone-Analyse, für die in den Jahren 2016 bis 2018 mehr als 100.000 Bewerber online befragt wurden.

Drei von zehn Bewerbern lehnen ein Angebot ab

Wenn ein Einstellungsprozess abgebrochen wird, sind es längst nicht mehr nur die Bewerber, die eine Absage erhalten. Immer häufiger bekommt auch der Arbeitgeber einen Korb. Laut der StepStone-Studie entscheiden sich 29% der Fachkräfte gegen das Vertragsangebot, das sie am Ende des Bewerbungsprozesses bekommen. Damit verzichten Kandidaten im wirtschaftlich starken Deutschland fast doppelt so oft auf eine neue Jobmöglichkeit wie in Frankreich (15%) und rund drei Mal so häufig wie in Belgien (10%) und den Niederlanden (7%). Für die internationale Studie interviewte die Jobplattform zwei Jahre lang mehr als 100.000 Teilnehmer, die sich im Befragungszeitraum auf eine Stelle beworben hatten, detailliert zum weiteren Verlauf des Bewerbungsprozesses.

Jeder zweite Bewerber bekommt keine Antwort vom Unternehmen

Jeder zweite Befragte hat 45 Tage nach Versand der Bewerbung noch keine qualifizierte Rückmeldung vom Unternehmen erhalten. Die Feedbackquote der Arbeitgeber hat sich seit 2016 sogar um 5% verschlechtert. „Im Wettbewerb um die besten Talente müssen Unternehmen schnell sein. Wer Wochen braucht, um auf eine Bewerbung zu reagieren, braucht sich nicht über Personalengpässe zu beschweren“, sagt Dr. Sebastian Dettmers. „Schließlich haben qualifizierte Fachkräfte heute oft die Wahl zwischen mehreren Joboptionen.“

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Gute Erfolgsquote für Jobsuchende in Deutschland

Die Untersuchung, die in Deutschland und anderen europäischen Ländern durchgeführt wurde, zeigt: Jobsuchende in Deutschland haben im Vergleich zu ihren Nachbarn die mit Abstand beste Erfolgsquote bei Bewerbungen. Für ein Vorstellungsgespräch senden sie im Schnitt zehn Bewerbungen, aus zwei Gesprächen resultiert ein Jobangebot. Zum Vergleich: In Frankreich braucht es im Schnitt 21 Bewerbungen für ein Gespräch.

Bessere Erfolgsquoten für Frauen

Frauen werden in Deutschland etwas häufiger zu Vorstellungsgesprächen eingeladen als Männer und sie bekommen häufiger einen Vertrag angeboten. Eine mögliche Ursache: Frauen gehen bei der Jobsuche realistischer vor und bewerben sich nur auf Stellen, für die sie auch tatsächlich qualifiziert sind. Auch das Alter hat offenbar einen Effekt auf den Erfolg im Bewerbungsprozess: Je jünger der Bewerber, desto höher die Erfolgsquote.

Deutlich mehr Vertragsangebote in der Pflege 

Die Analyse der Erfolgsaussichten bei der Bewerbung für einzelne Berufe bildet die Situation am Arbeitsmarkt deutlich ab. In vielen Bereichen, in denen die Nachfrage nach Fachkräften stark ist, ist auch die Einstellungsquote überdurchschnittlich hoch. Die meisten Vertragsangebote im Verhältnis zur Anzahl der Bewerbungen gibt es in der Alten- und Krankenpflege, für medizinisches Praxispersonal, aber auch für Jobs im Elektroingenieurwesen. In Bereichen wie Training, Fortbildung, Assistenz und Sekretariat ist die Erfolgsquote der Bewerber hingegen deutlich geringer.

Die 1996 in Oslo gegründete Online-Jobplattform StepStone ist eine Tochterfirma der Axel Springer SE und auf Fach- und Führungskräfte spezialisiert.

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