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Stehend zum Bestseller

Ein Fels, der haarscharf aus der Brandung des Alltags ragt, das ist mein Schreibtisch im Büro: Hier rauschen die Mails, sprudeln die Anfragen, fluten die Steuerunterlagen. Zum Schreiben aber brauche ich Ruhe. Mein Kopf muss umschalten vom Banalen zum Besonderen, vom Alltags- in den Schreibmodus. Dazu benötige ich einen Ort, der nicht nur „Schreibtisch“ heißt, sondern ein Tisch ausschließlich zum Schreiben ist.

Der Schreibtisch von Martin Wehrle (Foto: privat)

Ich weiß nicht mehr, wer mich aufs Stehpult gebracht hat. War es Meister Brecht, der (in seinem Gedicht) „Stehend am Schreibpult“ nicht nur aus dem Fenster, sondern bis in seine Augsburger Kindheit blickt? Waren es meine Rückenschmerzen? Oder war es mein Wunsch, den Kopf beim Schreiben oben zu haben? Sitzen knickt meinen Körper, Stehen entfaltet ihn. Wenn ich stehe, denke und schreibe ich dynamischer. Als würde die Muskelanspannung meine Gedanken spannen – lange Sätze straffen, Füllwörter austilgen, Phrasen durch Treffendes ersetzen.

Mein erstes Buch am Stehpult entstand 2010: „Ich arbeite in einem Irrenhaus“. Es stand dann auch: rund 150 Wochen in der SPIEGEL-Bestsellerliste. Mag sein, ich bin abergläubisch, aber seither habe ich nie mehr ein Buch im Sitzen geschrieben. Und tatsächlich standen alle Bücher danach tapfer in der Liste (wenn auch keine 150 Wochen).

Mein Stehpult sieht spartanisch aus. Wenn ich um 5.30 Uhr mit dem Schreiben starte, liegen dort nur ein Block, ein Bleistift und ein Anspitzer. Die erste Textfassung entsteht in einer Handschrift, von der böse Zungen behaupten, nur ich könnte sie lesen. Das ist falsch: Auch ich muss später oft raten. Warum von Hand? Weil das Schriftbild, wenigstens bei mir, am weitesten vom Druckbild eines Buches entfernt ist. Diese Fassung muss kein großer Wurf, sie darf ein Entwurf sein. Das stimmt meinen inneren Lektor großzügig. Meine Gedanken dürfen ungefiltert aufs Papier fließen, Hauptsache, ihr Fluss hält an. Dieses assoziative Schreiben, direkt nach dem Aufstehen mit etwas Traum gewürzt, hat mir viele gute Ideen zugespielt – etwa die Irrenhaus-Paragrafen meines größten Bestsellers.

Erst gegen 9 Uhr, wenn sechs bis zehn handschriftliche Blätter gefüllt sind, fahre ich meinen Laptop hoch und erfasse die Texte. An kalten Tagen fläze ich mich auch mal vor den Kamin. In der Regel stehe ich weiter an meinem Schreibpult. Je leerer die Oberfläche ist, desto größer die Fülle meiner Gedanken. Ein karger Schreibplatz lässt mich bunter denken. Nur ein auffälliger Gegenstand ziert mein Pult: eine rote Halb-Liter-Tasse, gefüllt mit meinem liebsten Morgengetränk, lauwarmem Wasser.

Zwei Meister schauen mir beim Schreiben zu: Brecht und Kafka. Ihre Porträts hängen hinter mir an der Wand, die Künstlerin Enke Cäcilie Jansson hat sie für mich angefertigt. So mancher Satz, den ich mir sonst durchgehen ließe, streiche ich unter ihren Blicken. Die beiden sollen mich ja nicht für einen Banausen halten. Und wenn mir mal eine Formulierung gelingt, schiele ich über meine Schulter. Dann zwinkert Brecht. Und Kafka schaut etwas freundlicher.

Martin Wehrle

Martin Wehrle (Foto: privat)

Seine Bücher haben in Deutschland, aber auch international Debatten über die Arbeitskultur angeregt. Ob in einer Titelgeschichte für den „Stern“, auf dem Sessel bei „Markus Lanz“ oder auf der Couch bei „Maischberger“: Martin Wehrle engagiert sich für eine menschenfreundliche Arbeitswelt.Der 48-Jährige begann seine Karriere als Journalist, wurde ausgezeichnet mit dem Reportagepreis der Akademie für Publizistik und hat später zwei Abteilungen in einem M-Dax-Konzern geleitet. Seit 2003 veröffentlichte er zahlreiche Bücher, mit denen er sich auf der „manager magazin“-Wirtschaftsbestsellerliste sowie den SPIEGEL-Taschenbuch und -Paperbacklisten. Bekanntester Titel ist „Ich arbeite in einem Irrenhaus“ (Econ), das über 300.000-mal verkauft wurde. Er bringt anderen Menschen das Beraten bei (u.a. durch „Karriereberatung “, Beltz). Zuletzt ist sein Bestseller „Noch so ein Arbeitstag, und ich dreh durch“ (Mosaik) erschienen. Sein Publikum erreicht Wehrle auch über seinen Youtube-Kanal „Martin Wehrle: Coaching- und Karrieretipps“. Der vielseitige Autor schreibtauch über sein Hobby („Angeln ist irre“, Müller Rüschlikon) und legt mit „Die Ratte“ (Benevento, ET: 21.3.2019) seinen ersten Kriminalroman vor, der auch in die Abgründe der Arbeitswelt leuchtet. Im Mittelpunkt steht Susanne Mikula, eine entlassene Redakteurin, die es ihrem fiesen Verleger heimzahlen will – und bei ihrer Recherche im Kleinstadt­milieu auf einen politischen Skandal stößt, Mord inklusive.

 

Wirtschaftsbestseller

Noch so ein Arbeitstag und ich dreh durch (9/2018) – bester Platz: 5

Herr Müller, Sie sind doch nicht schwanger? (9/2014)– bester Platz: 3

Die Geheinmisse der Chefs (3/2012)– bester Platz: 14

Ich arbeite in einem Irrenhaus (2/2011)– bester Platz: 1

Das Lexikon der Karriere-Irrtümer (2/2009)– bester Platz: 5

Die Geheimnisse der Chefs (3/2004)– bester Platz: 19

Geheime Tricks für mehr Gehalt (2/2003)– bester Platz: 24

Quelle: buchreport

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