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»Sind wir bereit, auf Plastik zu verzichten?«

 #ohneFolie: Ein Siegelband soll auf das Ende der üblichen Einschweißfolie bei Ullstein aufmerksam machen (Foto: Ullstein)

Die Bonnier-Verlagsgruppe sagt der Plastikumhüllung von Hardcovern den Kampf an. Den Weg bereiten soll Ullstein-Bestsellergarantin Nele Neuhaus, deren neuer Krimi „Muttertag“ (22 Euro, ET: 19.11.) ohne die übliche Einschweißfolie auf den Markt kommen wird. Den Buchkäufern wird dies mit einem Aufkleber erklärt, mit dem das Buch an der Vorderseite versiegelt wird.

Die Frühjahrs-Hardcover der Verlagsgruppe will Bonnier-Deutschland-CEO Christian Schumacher-­Gebler dann komplett ohne Folie und ohne Aufkleber in den Markt bringen. Im buchreport-Interview erläutern Neuhaus und Schumacher-Gebler ihren Ansatz.

Bestsellerautorin Neuhaus (Foto: Gaby Gerster)

Frau Neuhaus, Sie haben als Selfpublisherin begonnen und Ihre Bücher über Ihre Fleischfabrik vertrieben – eingeschweißt?

Neuhaus: Nein, direkt aus dem Karton auf die Theke.

Wie sehr hat es Sie später gefreut, als 2012 „Böser Wolf“ im Buchhandel in Schutzfolie gestapelt wurde?

Neuhaus: Es war ein großartiges Gefühl, es nach den Taschenbuch-Erfolgen ins Hardcover geschafft zu haben. Das ist nun mal für uns Autoren die Königsklasse. Die Folie war nur insofern lästig, als jedes Buch, das ich signieren sollte, erst mal aus der Plastikhülle befreit werden musste.

Das könnte man auch als Luxusproblem verstehen. Wie empfinden Sie die Kunststoffhülle unabhängig davon?

Neuhaus: Die Hülle ist ein Zeichen, dass das Buch neu und unbenutzt ist. Wie im Supermarkt suggeriert Plastik: neu, hygienisch, sauber. Ich habe mir ehrlicherweise zunächst keine großen Gedanken gemacht, warum es ein Standard ist, dass ein Hardcover derart eingepackt wird. Umso mehr freut es mich jetzt, dass die Verlagsgruppe die Initiative ergreift, diese Praxis infrage zu stellen und zu ändern.

Für mich als Autorin ist es ein großer Schritt, dass mein Buch jetzt nicht wie alle anderen verschweißt auf den Tischen liegen wird, denn ich sehe insgesamt die zunehmende Plastikverpackerei und den dabei entstehenden Müll bis hin zur Verseuchung mit Mikroplastik sehr kritisch. Wir müssen deshalb diesen Schritt wagen und versiegelt ist mein Buch ja auch ohne Plastik. Ich hoffe, dass wir damit für andere Verlage ein Vorbild sind und sie diesen Weg in Zukunft mitgehen.

Wie wichtig ist das Siegel?

Verlagsmanager Schumacher-Gebler (Foto: Peter von Felbert)

Schumacher-Gebler: Es schützt das Buch, indem es die Buchdeckel zusammenhält. Viel wichtiger: Es erklärt dem Buchkäufer, weshalb dieses Buch nicht eingeschweißt ist. Wir müssen ja erst einmal die Selbstverständlichkeit der Einschweißung aufbrechen. Dieses Siegelband ist hoffentlich nur in der Übergangszeit notwendig.

Was hat den Anstoß gegeben?

Schumacher-Gebler: Ich ärgere mich über Bio-Gurken und Bio-Äpfel in Plastikfolie. Wir Konsumenten können das kaum ändern, der Produzent ist in der Verantwortung. Da ist es naheliegend, sich selbst als Hersteller zu hinterfragen: Was tun wir da? Wir schweißen unsere Hardcover ebenfalls in Plastik ein. Wir möchten nicht länger Ausflüchte vor dieser Verantwortung einer saubereren Umwelt suchen. Und so haben sich bei Bonnier die Verleger entschlossen, zu handeln.

Wo erwarten Sie Widerstand?

Schumacher-Gebler: Ich bin überzeugt davon, dass die Mehrheit der Buchkäufer den Sinn der Veränderung positiv bewertet. Um maximale Sichtbarkeit und ein Umdenken zu erreichen, mussten wir für die Einführung des Neuen ein Leuchtturmprojekt finden. Mit Nele Neuhaus und der Auflage von 300.000 Hardcovern ist das gewährleistet.

Kritisch wird es spätestens, wenn die Ware „angefasst“ wirkt und wenn es remittiert werden soll  …

Schumacher-Gebler: Es wird sich zeigen, wie tolerant wir alle mit kleinen Mängeln am Schutzumschlag umgehen werden. Am Ende läuft aber doch alles auf die Frage hinaus: Werden wir unserer Verantwortung gerecht und sind wir bereit, auf Plastik zu verzichten? Wenn es ein Erfolg werden soll, dann müssen sich alle Verlage und Buchhandlungen ihrer Verantwortung bewusst werden. Ich hoffe sehr, dass uns das gelingt.

Wenn man etwas weglässt, spart man sich auch etwas. Wie ist die wirtschaftliche Rechnung?

Schumacher-Gebler: Zunächst erwarten uns deutliche Mehrkosten, weil die Übergangslösung mit dem Siegelband viel teurer ist als Plastikfolie, die leider katastrophal günstig ist. Allein für den Auftakt mit Nele Neuhaus investieren wir so einen fünfstelligen Betrag. Das machen wir gerne, um ein Umdenken zu erreichen. Im besten Fall gewinnen die Umwelt und unsere gesamte Branche. Wenn das gelingt, sind die Mehrkosten der Übergangsphase schnell vergessen.

Kommentare

10 Kommentare zu "»Sind wir bereit, auf Plastik zu verzichten?«"

  1. Gabriele Seeger | 17. Oktober 2018 um 19:36 | Antworten

    Finde ich gut, früher waren Bücher nie eingeschweißt in Folie, es geht auch so!

  2. Peer-Marten Scheller | 15. Oktober 2018 um 15:36 | Antworten

    Wie schön, dass die Großen von den Kleinen lernen: der auf Niederdeutsche Literatur spezialisierte Quickborn-Verlag hat bereits Anfang September dieses Jahres aus Umweltgründen seine Hardcover-Neuerscheinungen ohne Folie ausgeliefert!

  3. Kerstin Bühren | 14. Oktober 2018 um 12:16 | Antworten

    Eine super Idee!!!

  4. Gerlinde Droste | 10. Oktober 2018 um 19:31 | Antworten

    Es würde genauso reichen, das Buch einfach ohne Folie und ohne Siegelband zu produzieren. Wenn unsere Kunden bei einem kartonierten oder gebundenen Buch nach einem neuen, einfolierten Exemplar fragen (die Mehrzahl der Titel kommt ohne Folie aus!), antworte ich einfach “Das gibt es nur ohne Folie”, und schon ist die Diskussion beendet, der Kunde kauft es, und fertig. Wenn der Kunde reingucken will, folieren wir alle Bücher aus, ebenso, wenn wir Bücher als Geschenk verpacken, damit der Beschenkte sofort reinblättern kann und nicht noch mit der Folie hantieren muss. Jetzt müssen wir statt der Folie ein Siegel abknibbeln, das ist auch nicht viel besser. Bei einem Bestseller-Autor wird doch kein Exemplar weniger verkauft, nur weil das Buch nicht eingeschweißt ist! Und wenn 20 große Verlage das so handhaben, dann bekommt das beim Endkunden schon Aufmerksamkeit. Traut euch, einfach mal machen!

  5. …..mhhh schon ein Kuriosum das solch ein Vorstoß gerade von Bonnier kommt.

    Wenn ich da bei so mancher kleinst Lieferung ein bis zwei Lieferscheine finde, dazu eine Rechnung über nicht selten drei oder vier Seiten, obwohl es sich gerade mal um einen Beleg über zwei oder drei Titel handelt…..

    Habe eigentlich bisher nicht einen Verlag erlebt wo es so viel “Papierkram” gibt wie bei Bonnier…… Evtl. sollte man da mal ansetzen – das einspar potenziell dürfte immens sein.

  6. Chapeau! Echte ökologische Verantwortungsübernahme für den eigenen Fussabdruck.

  7. Chapeau! Endlich ein Verlag, der Verantwortung für seinen ökologischen Fussabdruck übernimmt und diesen konsequent minimiert, auch gegen Branchenvorbehalte.

  8. Finde ich super und hoffe, dass andere Verlage folgen!

  9. Hiltraud Handle | 10. Oktober 2018 um 10:47 | Antworten

    Finde ich mutig!

  10. Endlich! Prima! Standing Ovations!!!

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