Beltz unter Beschuss

In Kooperation mit der Stiftung Lesen verschenkt der Verlag Beltz & Gelberg aktuell 50.000 Exemplare von „In die Wildnis, dem ersten Band der Bestseller-Serie „Warrior Cats“, an Lehrer. Ziel der Aktion ist es, die Lektüre von Fantasy-Stoffen in Schulen zu fördern und die Schüler allgemein für das Lesen und speziell für die Serie „Warrior Cats“ zu begeistern.

Bei 64 deutschen Kinder- und Jugendbuchautoren, darunter Kirsten Boie, Rainer M. Schröder, Mario Giordano, Klaus-Peter Wolf und Andreas Schlüter, sorgt die Aktion allerdings für Unmut. Sie kritisieren, die „aggressive Marketingmaßnahme“ solle andere Verlage und Autoren aus der Schullektüre verdrängen, mache den Gang zum Buchhändler oder in die Bibliothek vor Ort überflüssig und schüre die „Piraten-Mentalität“, derzufolge „Literatur nichts kosten müsse, Verlage ohnehin die Millionen übrig und Autoren Tantiemen nicht nötig hätten und locker Bücher massenweise verschenken könnten“.

Hier der Offene Brief im Wortlaut:

Sehr geehrte Damen und Herren,

mit Befremden haben wir – die unterzeichnenden Kinder- und Jugendbuchautorin-nen und -autoren – die Nachricht gelesen, dass die Verlagsgruppe Beltz dem Lehrerclub der Stiftung Lesen 50.000 Exemplare von Band 1 der „Warrior Cats“-Reihe schenkt.

Wir begrüßen die Idee, in Einzelfällen Klassensätze zu verschenken, damit auch die Schüler zum Lesen angeregt werden, die in ihrem Elternhaus nicht mit Büchern versorgt werden können, oder um beispielhaft die Anschaffung von Klassensätzen moderner Kinderliteratur anzuregen.
Wir freuen uns über jedes Kind, das über Leseförderung in Schulen dazu animiert wird, ein Buch in die Hand zu nehmen.

Doch in einem solchen Ausmaß 50.000 Bücher eines internationalen Bestsellers zum Anfüttern zu verschenken, um dann anschließend mit der gesamten Reihe die Schule endgültig als Absatzgebiet für sich zu erobern (siehe Ihre Interviews), betrachten wir nicht als Maßnahme der Leseförderung für sozial Schwache, sondern als aggressive Marketingmaßnahme, um andere Verlage und Autoren aus der Schullektüre zu verdrängen.

Jeder Verlag hat natürlich das Recht, nach innovativen Marketingideen zu suchen und diese auch umzusetzen. Aber sie sollten die Verhältnismäßigkeit nicht sprengen und vor allem nicht als „Leseförderung“ getarnt werden.

Echte Leseförderungs-Aktionen sollten ja prinzipiell Schule machen, als Beispiele dienen, Nachahmer finden im Sinne der weiteren Verbreitung der Leseförderung.
Wie dürfen wir uns dieses Beispiel in Ihrem Fall vorstellen?
Als Hochrüstungswettbewerb der Verlage in Verschenkaktionen? Morgen 70.000 „Harry Potter“ von Carlsen, übermorgen 100.000 „Gregs Tagebücher“ von Lübbe? Alles zu Lasten und auf Kosten des stationären Buchhandels und der Autoren?
Wofür soll Ihre „Leseförderungs-Aktion“ als Beispiel dienen?
Oder wie mag es um den deutschen Buchhandel bestellt sein, wenn beispielsweise Amazon Ihre „Leseförderungsaktion“ so großartig findet, dass im nächsten Jahr eine halbe Million Amazon- Buchgutscheine an die Schulen verschenkt werden?  Alles im Namen der „Leseförderung“, die Ihrem Beispiel folgt?

Wir fragen uns, ob Sie sich bei der Entwicklung Ihrer Aktion Gedanken über die mögliche Tragweite gemacht haben?

Ein weiterer Aspekt:
An allen Ecken argumentieren wir Autoren gegen die Piraten-Mentalität, dass Bücher (zunächst nur digital) gratis sein sollten. Zudem haben wir seit langem mit massiven Angriffen auf das Urheberrecht zu kämpfen. Auch für die Buchpreisbindung setzen wir uns ein. Denn nur der VERKAUF von Büchern ist die Lebensgrundlage von uns Autoren (und vom stationären Buchhändler). Sie befördern mit Ihrer groß angelegten Marketingmaßnahme aber leider genau diesen Irrglauben, dass Literatur nichts kosten müsse, Verlage ohnehin die Millionen übrig und Autoren Tantiemen nicht nötig hätten und locker Bücher massenweise verschenken könnten.

Wir Kinderbuchautoren reisen zusammengenommen jährlich tausendfach in die hin-tersten Winkel unseres Landes, um im echten Sinne der Leseförderung Schülern nicht nur vorzulesen, sondern ihnen in Gesprächen zu erläutern, wie Bücher entstehen, welche Arbeit es bedeutet, wovon Verlage, Buchhändler und Autoren leben, und wie wichtig es deshalb ist, Bücher zu kaufen, selbst wenn es technisch die Möglichkeit gibt, sie (illegal) gratis herunterzuladen.
Mit Ihrer Aktion arbeiten Sie unseren tausendfachen Bemühungen und Gesprächen entgegen. Sie schaden den örtlichen Bibliotheken, dem stationären Buchhandel und uns, Ihren Autoren.

Wirkliche Leseförderung hat immer auch mit literarischer Vielfalt, Auswahl, Kennen-lernen von Neuem und Vergleichen zu tun. Für eine solche Leseförderung gibt es eine hervorragende Grundlage: eine hohe Anzahl sehr guter Kinderbuchautoren und eine Vielzahl von hervorragend für den Schulunterricht geeigneter Literatur.

Sie aber nutzen diese Möglichkeiten nicht, sondern schaden ihnen, indem Sie die vorhandene Vielfalt durch das massenhafte Verschenken einer Bestseller-Serie aus den Schulen verdrängen und somit den Gang zum Buchhändler oder in die Bibliothek vor Ort überflüssig machen, weil die Bücher ja gratis in die Schule geliefert werden.
Das Prinzip des Lottogewinns als Leseförderung?

Es hätte viele Möglichkeiten zur echten Leseförderung gegeben. Sie hätten den Wert der 50.000 Bücher – rund eine halbe Million Euro – spenden können für den Auf- und Ausbau von Schulbibliotheken. Sie hätten sogar verlagseigene Buchgutscheine für Schulbibliotheken verschenken können. Immerhin wäre dann noch die Vielfalt Ihres eigenen Verlagsprogramms und Ihrer Autoren gewahrt geblieben und Sie hätten den Besuch der Schüler in die Bibliotheken befördert.

Sie hätten auch gemeinsam mit anderen AVJ-Verlagen eine große Aktion der Le-seförderung initiieren können.

Kurzfristig mag Ihre Art der „Leseförderung“ in Ihrer Marketingabteilung als Erfolg verbucht werden. Langfristig aber könnte sie der gesamten Buchbranche großen Schaden zufügen.

Herzlichst

•    Milena Baisch
•    Jan Birck
•    Brigitte Blobel
•    Kirsten Boie
•    Julia Breitenöder
•    Beate Dölling
•    Lisa-Marie Dickreiter
•    Martin Ebbertz
•    Alice Gabathuler
•    Mario Giordano
•    Bettina Göschl
•    Christine Fehér
•    Stephanie Fey
•    Werner Färber
•    Cornelia Franz
•    Susanne Fülscher
•    Andreas Hartmann
•    Wolfram Hänel
•    Sylvia Heinlein
•    Dagmar Hoßfeld
•    Luise Holthausen
•    Saskia Hula
•    Nikola Huppertz
•    Mathias Jeschke
•    Martin Klein
•    Daniela Kulot
•    Jaromir Konecny
•    Sabine Lipan
•    Sabine Ludwig
•    Judith Le Huray
•    Kai Lüftner
•    Irene Margil
•    Christian Matzerath
•    Gina Mayer
•    Dagmar H. Mueller
•    Karin Müller
•    Maja Nielsen
•    Bettina Obrecht
•    Winfried Oelsner
•    Alice Pantermüller
•    Nina Petrick
•    Barbara Peters
•    Boris Pfeiffer
•    Holly-Jane Rahlens
•    Barbara Rose
•    Katharina Reschke
•    Anna Ruhe
•    Andreas Schlüter
•    Marie-Thérèse Schins
•    Patricia Schröder
•    Rainer M. Schröder
•    Ulli Schubert
•    Gerswid Schöndorf
•    Deniz Selek
•    Antje Szillat
•    Peter Schwindt
•    Thilo
•    Joëlle Tourlonias
•    Barbara van den Speulhof
•    Regula Venske
•    Dirk Walbrecker
•    Jutta Wilke
•    Klaus-Peter Wolf
•    Sigrid Zeevaert

Kommentare

1 Kommentar zu "Beltz unter Beschuss"

  1. Manuel Bonik | 28. Mai 2015 um 12:50 | Antworten

    „An allen Ecken argumentieren wir Autoren gegen die Piraten-Mentalität,
    dass Bücher (zunächst nur digital) gratis sein sollten.“ – Im Ernst? Warum folgt seit Jahren so gar nichts daraus?

    Die Aktion von Beltz möchte ich nicht beurteilen, aber im Hinblick auf die eigentliche, die E-Book-Piraterie sind deutsche Autoren, ihre Verlage und ihre Standesvertretung stark versetzungsgefährdet. Die jahrelange und anhaltende Untätigkeit hat die „Piraten-Mentalität“ natürlich ungemein gefördert. Darüber jetzt zu jammern, auch wenn es vielleicht nur metaphorisch ist, schmeckt wie Beschwerden über die Farbe des Brunnens, in den das Kind gefallen ist, jedenfalls an der Sache vorbei und irgendwie bigott. (Uff! Ist heute auch nicht gerade mein großer Metaphern-Tag.)

    Einstweilen sei mal so zwischenreinprophezeit, dass der Schulbuchmarkt in den nächsten Jahren ohnehin komplett kippen wird, wenn sich Tablets in den Schulen verbreiten. Und das werden sie. Da gibt es dann mal so richtig Gründe zum Jammern „an allen Ecken“.

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