Martina Bergmann: Das Prinzip Boutique

Martina Bergmann: Das Prinzip Boutique

Der Totengräber des Buchhandels war nicht Amazon. Das Schäufelchen wurde eher und emsiger geschwungen. Es gab damals, das ist zwölf oder 15 Jahre her, diese merkwürdige Hybris von Kaufhausleuten, die den Buchhändlern mal wirklich zeigen wollten, wie es geht. Sie bescherten uns Flächenfluchten, sanfte Lounge-Musik und Kaffeebars. Das sollte die Rosskur gegen eine in die Jahre gekommene Unternehmensweise sein, gegen die Kleinkrämerei mit Buchprodukten.

In Wahrheit war es ein giftiger Cocktail der gemeinsten Veränderungen der Agenda 2010 und des sorglosen Gelds auf Pump vor der Bankenkrise. Alteingesessene Buchhandlungen, Lebenswerke, wurden aufgekauft wie Modellfahrzeuge, und angestellte Buchhändler ließ man wissen, ihre Lage sei alternativlos: Mitarbeiter im Verkauf, Bediener in Tarifgruppe 1 des Einzelhandels. Schändlich.

Aber dann das Internet: Zalando, Amazon und wie sie alle heißen, sie haben das Kaufhausmodell hinweggefegt. Oder anders, der Kunde hat entschieden. Wenn funktional, dann digital. Wenn anonym, dann vom Sofa oder Smartphone aus. All das, was Kunden unverändert in Geschäfte gehen lässt, nennen wir es: Das Menschliche, die Individualität, das kann ein Kaufhaus nicht bieten – weder bei Damenschuhen noch bei Büchern oder Kleinkeramik. Das Prinzip Boutique, die Eigenwilligkeit von Personen und Konzepten, verhilft erfolgreichen Einzelhändlern zu gerade dem Profil, das es braucht, sich neben den Netzgiganten zu behaupten.

Und dieses Internet: Es kommt uns Buchhändlern soviel mehr zugute als dass es schadet. Es macht uns für Autoren und Verlage sichtbar, wenn wir uns nur ein bisschen Mühe geben, es gibt uns auch im Kundenkontakt neue Möglichkeiten von Unmittelbarkeit. Wir könnten jetzt sagen, wir Indies, ok, wir sind die Sieger der Geschichte. Uns gibt’s und wir sind fröhlich, und dass die Ketten mit dem Rotstift Struktur vernichten – ist das unser Problem?

Ich fürchte, ja, das ist es wenigstens zum Teil. Ich verkaufe natürlich kein Buch mehr oder weniger dadurch, dass zwanzig Kilometer weiter soundsoviel Quadratmeter mit Osterhasen zugestellt sind. Auch das Bedürfnis nach modernem Kaffee wird landwärts eher nicht in den Buchladen getragen. Problem ist aber zum einen, dass nicht wenige Titel aus Publikumsverlagen inzwischen Kaufhausbücher sind, für deren relativ beliebigen Inhalt Kunden wahrlich nicht in den Facheinzelhandel gehen müssen. Das ärgert mich. Richtig böse macht mich aber die ungebrochene Überheblichkeit der Kaufhausleute. Als genügte es nicht, dass sie Arbeitsplätze vernichtet und Kultur auf Fastfood-Niveau gedimmt haben, dass sie durch zielloses Rumgefuchtel den Einstieg in den E-Book-Markt so stümperhaft haben aussehen lassen und dass durch ihr Werbewirken die Mehrheit der Kunden meint, ein Buchladen im Internet braucht notwendig einen White-Label-Shop: All das genügt noch immer nicht. Neuester Unsinn ist die Zentrallagerregulierung für unabhängige Buchhandlungen.

Was schon bei den großen Firmen nicht allzugut funktioniert, muss natürlich ins kleine Sortiment getragen werden. Von der Sachebene abgesehen – was kann das Thalia-Lager besser als die zweieinhalb großen Barsortimente plus VVA und Sigloch – ist es auch (branchen-) politisch mehr als fragwürdig, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Amazon tut allen weh; den Kaufhäusern sicher mehr als Buchboutiquen, Spezialsortimenten und anderen Individualisten. Dass aber wir Kleineren, die wir uns eine Zukunft neben Amazon überlegt haben, dass wir nun die Zeche für Thalia zahlen, dass wir eine zu groß gewordene Logistik mit nutzen und also finanzieren sollen: Das ist absurd, und ich frage mich, was als Nächstes kommt. Hugendubels alte Möbel? Ein weiteres genossenschaftliches Internet von vorgestern?

Die Liste lässt sich beliebig erweitern, denn es gibt fast unüberschaubar viele Mittler, Verbände und Verbünde, die ja allesamt ihr Geld verdienen wollen. Sehen wir uns vor und seien wir vorsichtig, dass nicht ein zweites Mal gerade die Strukturen vernichtet werden, die unsere Identität begründen.

Martina Bergmann ist Buchhändlerin in Borgholzhausen

Kommentare

5 Kommentare zu "Martina Bergmann: Das Prinzip Boutique"

  1. Peter Trautmann | 16. April 2015 um 15:17 | Antworten

    Ist der Artikel nicht etwas flach und gar zu schnell dabei mit Klischees? „Bsorgloses Geld auf Pump“, „Agenda 2010“, arme Buchhändler, die in Tarifgruppe 1 gezwungen werden? Das iat gar zu kleine Münze – vielleicht haben die Ketten ja, wenn auch nicht nachhaltig gewinnbringend, ein Bedürfnis erkannt und befriedigt, das der verklärte kleine Buchhändler eben nicht befriedigen konnte?

  2. Wie wahr!

  3. Dietrich Wienecke | 19. März 2015 um 19:14 | Antworten

    Kompliment! Besser kann man das nicht sagen. Mögen es viele Kollegen lesen und danach handeln!

  4. „Wenn anonym, dann vom Sofa oder Smartphone aus.“

    Ein wahrer Satz. Wer sich einmal in die Innenstadt gequält hat, um in der Mayerschen/Thalia/Hugendubel die bemalten Ostereier zu finden, der denkt sich auch: „Mann, Kerkeling oder Fitzek kann ich auch über Amazon kaufen.“

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