Inspirieren statt bejammern

Nicht nur die Buchhändler reagieren gelassen auf die Ausweitung der verlegerischen Amazon-Aktivitäten. Auch Agenten und Verlage bleiben entspannt, wie die Stimmen zeigen, die buchreport.de gesammelt hat. Amazon müsse erst einmal beweisen, neben „dicken Vertriebsmukkis“ auch verlegerische Expertise aufbauen zu können. Die etablierten Akteure sollten nicht über Amazons Macht klagen, sondern vom Onliner lernen und es besser machen.

John Mitchinson (Autor, Verleger von Unbound): 

Es ist ziemlich erschreckend, dass ein einziges Unternehmen die gesamte Wertschöpfungskette für sich beansprucht. Zwar bewundert jeder, was Amazon erreicht hat, doch das Problem ist die Art und Weise, wie es erreicht wurde. Ich erinnere nur daran, dass Jeff Bezos sein Unternehmen ursprünglich relentless.com nennen wollte. Diese Gnadenlosigkeit ist deutlich zu spüren. Der Schritt zum Amazon Verlag kam zwar nicht überraschend, dennoch sollten wir extrem vorsichtig sein. 

Beate Kuckertz (Verlegerin, Dotbooks):

Wie schätzen Sie Amazons Vorstoß ein?

Für Amazon ist der Schritt sicher folgerichtig. Ich wünsche viel Erfolg, glaube aber nicht an einen wirklich großen Erfolg. Einer Verkaufsplattform fehlt das nötige Fachwissen, das man sich nicht durch das Recruiting einzelner Personen aneignen kann. Außerdem fehlt die Unternehmenskultur, aus der qualitativ hochwertige Produkte entstehen. Und letztendlich auch die Leidenschaft dafür, Bücher zu verlegen. Statt des allgemeinen Branchengeschnatters wünsche ich mir ein generelles Umdenken: Kein Bejammern dessen, was Amazon macht oder nicht macht, sondern eigene Initiativen, die alle inspirieren.
Wächst da eine große Konkurrenz für (Digital-)Verlage heran? – Andrew Wylie meinte in der „FAZ“, das Amazon Verlagsprogramm sei durch „Idiotie“ gekennzeichnet…

Da Andrew Wylie in der Vergangenheit eng mit Amazon zusammengearbeitet hat, um Verlage unter Druck zu setzen, kennt er sich sicher gut mit dem Unternehmen aus – ich bezweifle aber, dass er sich mit den Büchern auseinandergesetzt hat, die auf dem deutschsprachigen Markt erscheinen sollen und sehe seine verallgemeinernde Aussage daher kritisch. In gewisser Weise wird uns die Konkurrenzsituation wahrscheinlich sogar helfen: Die verlegerischen Schwächen von Amazon zeigen unsere Stärken umso deutlicher wie beispielsweise einen Vertrieb, der nicht auf eine einzelne Plattform ausgerichtet ist, und das Knowhow langjähriger Verlagsprofis, bei denen Autoren sich gut aufgehoben fühlen. 
Sollten auch Buchhandlungen hierzulande (im deutschsprachigen Raum) Titel von Amazon Publishing boykottieren?

Diese Diskussion empfinde ich als zu aufgeregt. ‚Boykott!‘ schreit man doch nur, wenn man Angst vor etwas hat, und dazu sehe ich keine Veranlassung. Man muss sich einfach überlegen, was das Lesepublikum im Laden erwartet. In literarischen Buchhandlungen gibt es keine kommerzielle Unterhaltung, in einem Kinderbuchladen wird man vergeblich nach einem harten Thriller suchen. In beiden kann man aber jedes lieferbare Buch bestellen, und das ist auch gut so. Wenn ein Kunde dann ein Amazon-Buch kaufen möchte, ist dies doch eine gute Gelegenheit, um mit ihm darüber ins Gespräch zu kommen und gegebenenfalls Alternativen vorzustellen.

Volker Busch (Verlagsleiter Egmont Verlagsgesellschaften):

Wir sehen das gelassen. Auch, weil wir selber dabei sind, ein neues Rollenverständnis  zu entwickeln, was Autoren- und Leserbeziehungen angeht. Warum sollte ein Autor, der bei uns einen Roman veröffentlicht, nicht Kurzgeschichten digital woanders publizieren, oder umgekehrt? Hybridautoren sind willkommen.     

Peter S. Fritz (Literaturagent, Paul & Peter Fritz AG):

Ich denke Amazon wird in Deutschland ähnlich wie in den USA beim Buchhandel auflaufen. Da Amazon sich sehr proprietär verhält, werden bedeutende Namen sich nicht hergeben und „Jeder-kann-mitmachen“-Verlegerei wird sicherlich nur für sehr verzweifelte Autoren eine Option sein.
Man darf nicht vergessen, dass Amazon in irgendeiner Form alle Autoren als Händler verkauft. Wenn ein Klient mit Amazon ins Geschäft kommen will, dann stehen wir einer solchen Intention nicht im Wege. In unserer Beratung ist Amazon aber sicherlich nicht erste Wahl. Deren Bedingungen sind zu vertrackt und intransparent.
In Deutschland gibt es einige E-Book-Verlage, welche Amazon im digitalen Verlegen konkurrieren möchten. Was mich beunruhigt, ist die Feststellung, dass einige Verlage sich weigern, solchen E-Book Verlagen die Rechte an den Übersetzungen, wie früher üblich, zu verkaufen oder zu lizenzieren – obschon diese Verlage selber keine Rechte mehr für eine eigene Veröffentlichung haben. Sie schädigen damit die Übersetzer und die Autoren. Vor allem aber, sie ersticken auch Verlage, welche Amazon zu konkurrieren suchen. Einmal mehr gebiert die Zukunftsangst einen Kleingeist – oder ist es Rache dafür, dass diese Verlage bessere Honorare für E-books bieten?

Andrea Wildgruber (Literaturagentin, Agence Hoffman):

Wie schätzen Sie Amazons Vorstoß ein?
Ich bin da erstmal sehr gelassen, als Agentin ja sowieso. Es zeichnete sich ja schon länger ab, dass Amazon in Deutschland solche Aktivitäten plant, überrascht hat das jetzt sicher niemanden.
Wächst da eine große Konkurrenz für Verlage heran? – Andrew Wylie meintw in der „FAZ“, das Amazon Verlagsprogramm sei durch „Idiotie“ gekennzeichnet…
In den USA hat man ja gesehen, dass es auch erstmal einen großen Hype (verbunden mit Angst und Neugier) gab um die verlegerischen Aktivitäten von Amazon. Der alte Hase Larry Kirshbaum wurde angeheuert (und ist inzwischen schon wieder von Bord), der ein Lektoratsteam aufbauen und Autoren zu Amazon holen sollte. Innerhalb kurzer Zeit wurde ein erstes Programm auf den Markt gebracht. Letztlich hat man dann beobachten können, dass Amazon aber eben auch nur mit Wasser kocht, sich manche Titel gut und manche schlecht verkauft haben, manche Autoren mit ihrem nächsten Buch schon wieder woanders hingegangen sind. Ich bin davon überzeugt, dass zu einem guten Verlagsprogramm viel mehr als das Auswerten von Algorithmen gehört: Kreativität, Mut zu Innovationen, aber eben auch Tugenden wie Verlässlichkeit und Treue seinen Autoren gegenüber. Wenn Amazon es schafft, ein erfolgreiches und verlässliches Lektoratsteam auf die Beine zu stellen, von dem Autoren sich gut betreut fühlen, dann können sie mit ihrer ganzen Marktmacht sicher zu einem ernstzunehmenden Spieler hier werden, sonst eher nicht.
Würden Sie Ihren Autoren empfehlen, zu Amazon zu gehen bzw deren Titel an Amazon verkaufen?
Im Moment würde ich das nicht tun, denn ich kann das Team und das Programm hier in Deutschland noch nicht einschätzen und daher meinen Autoren auch nicht guten Gewissens dazu raten. Also erstmal abwarten, wie sich das alles entwickelt. Ich habe es da zum Glück nicht eilig. 
Sollten auch Buchhandlungen hierzulande (im deutschsprachigen Raum) Titel von Amazon Publishing boykottieren, wie in den USA?
Ich finde, das sollte der Buchhandel aufgrund der Qualität des Programms und der ihm von Amazon angebotenen Konditionen entscheiden. Ein Boykott würde das alles sicher bedrohlicher erscheinen lassen, als es in meinen Augen ist.

Joachim Jessen (Literaturagent, Schlück):

Wie schätzen Sie Amazons Vorstoß ein?
Ein Vorstoß ist eben ein Vorstoß – und ein solcher war in den USA nicht von Erfolg gekrönt. Ein Verlag „zu sein“ ist mehr als „wir bringe jetzt auch mal Bücher raus“. Da muss man was beweisen. Ich finde: Wer vorstoßen will, der soll vorstoßen, für die anderen gilt: nicht der Panik zu verfallen, sondern sich selbst zu vertrauen, souverän zu sein und quicklebendig. 
Wächst da eine große Konkurrenz für Verlage heran? – Andrew Wylie meinte in der „FAZ“, das Amazon Verlagsprogramm sei durch „Idiotie“ gekennzeichnet…
Konkurrenz ist ja nicht per se schlecht, und natürlich hat Amazon dicke Vertriebsmukis – und die Verlage wissen nichts über ihre Endkunden. Aber Verlegerei ist mehr als Vertrieb – es wird sie weiter geben, diese andere Seite. Denken Sie nur an diesen Selfpublishing-Hype – wer will denn diesen ganzen Schrott lesen? Der ein oder andere Erfolg spricht nicht dagegen.
Würden Sie Ihren Autoren empfehlen, zu Amazon zu gehen bzw deren Titel an Amazon verkaufen?
Die Frage kann man nicht einfach so beantworten. In einem Verlagsvertrag steht, dass ein Verlag für einen breit gefächerten Vertrieb zu sorgen hat. Wenn Amazon beim E-Book nur über seine Plattform verkauft, dann schau’n wir mal.
Sollten auch Buchhandlungen hierzulande (im deutschsprachigen Raum) Titel von Amazon Publishing boykottieren, wie in den USA?
Als Agent steht es mir nicht zu, Buchhändlern Ratschläge zu erteilen.

Steffen Meier (Readbox, AKEP):

Wie schätzen Sie Amazons Vorstoß ein?

Als naheliegend bzw. vorhersehbar. Amazon versucht, die komplette Wertschöpfungskette abzudecken, eine Entwicklung, die wir in anderen Branchen bei Unternehmen dieser Größenordnung auch sehen.  Wer jetzt überrascht tut, hat nicht aufgepasst.
Wächst da eine große Konkurrenz für Verlage heran? – Andrew Wylie meinte in der „FAZ“, das Amazon Verlagsprogramm sei durch „Idiotie“ gekennzeichnet…
Anstatt über „Idiotie“ zu spekulieren wäre es sinnvoller, sich zu überlegen, was Verlage ausmacht und deren Stärke ist und was eben Amazons Benefits sind. Sollte es wirklich so sein, dass ein bei Licht betrachtet „Logistiker“ ein insgesamt besseres Umfeld für Autoren bietet, würde ich behaupten, machen Verlage etwas falsch. Machen Verlage ihren Job aber richtig, gibt es auch keinen Grund, sich wegen Amazon Sorgen zu machen. Zudem ist „Verlag“ auch nicht gleich „Verlag“, hier muss man sehen, welche inhaltlichen Ausrichtungen Amazon im Auge hat. Und dass Amazon einige Dinge von Metadaten über schlanke Prozesse bis zu Discoverability im Moment besser macht sollte eigentlich eher Ansporn sein. Insofern wäre Gelassenheit statt Polemik, aber auch Lern-Lust statt Überheblichkeit sicher angebracht.
Sollten auch Buchhandlungen hierzulande (im deutschsprachigen Raum) Titel von Amazon Publishing boykottieren, wie in den USA?
Die Frage stellt sich nicht, wenn man den Großteil etwa des unabhängigen Sortiments betrachtet – die Wahrscheinlichkeit, dort Titel des „bösen A“ zu finden wird gegen Null tendieren, die großen Filialisten werden sicher den einen oder anderen Titel in ihr Angebot nehmen. Die Frage ist, ob hier ein Boykott das richtige Instrument ist, zumal in Amazons Strategie der Abdeckung der kompletten Wertschöpfungskette das deutsche Sortiment keine große Rolle spielt. Die extrem durchdeklinierten Vermarktungsinstrumente Amazons funktionieren eben auch nur dort. Der Buchhandel spielt in Amazons Augen nur eine Rolle als Argument für Autoren, die komplette Distributionslandschaft abzubilden.

Sebastian Ritscher (Literaturagent, Mohrbooks):

Wie schätzen Sie Amazons Vorstoß ein?
Wenn der Spezialist für Logistik jetzt auch gute Inhalte finden und entwickeln will, braucht er zunächst die besten Verlagsleute, die ihren guten Geschmack, jahrelange Erfahrung und Engagement einbringen wollen. Als attraktiver Arbeitgeber hat sich Amazon bisher aber nicht hervorgetan.
Wächst da eine große Konkurrenz für Verlage heran? – Andrew Wylie meinte in der „FAZ“, das Amazon Verlagsprogramm sei durch „Idiotie“ gekennzeichnet…
Amazon ist stark und erfolgreich. Den neuen Geschäftsbereich wird jeder Markteilnehmer sehr genau und kritisch beobachten. Immerhin hat Amazon die Branche in den letzten Jahren ganz schön vor sich her getrieben.
Würden Sie Ihren Autoren empfehlen, zu Amazon zu gehen bzw deren Titel an Amazon verkaufen?
Das kann nur vom einzelnen Fall abhängen. Eine Grundsatzfrage ist das für mich nicht.
Sollten auch Buchhandlungen hierzulande (im deutschsprachigen Raum) Titel von Amazon Publishing boykottieren, wie in den USA?
Einen Konkurrenten durch systematisches Mobbing vom Markt drängen zu wollen, wäre ein Zeichen von Hilflosigkeit und Schwäche, bliebe vermutlich wirkungslos und wäre schlimmstenfalls sogar illegal. Jedenfalls kann ich daran nichts Gutes erkennen.

Antje Wolf (Verlagsleiterin BLV):

Das ist ein folgerichtiger Schritt und man darf gespannt sein, was daraus wird und wie Amazon auf dem Markt agieren wird. Als Verlegerin macht es mir aber keine Sorgen. Wir haben eine  ganze Reihe von Erfahrungen im Hintergrund, gerade auch mit dem gedruckten Buch. Und wir haben selber sehr viel vor für die Jahre 2015 und 2016. Kann man von Amazon lernen? – Man kann von jedem respektablen Player immer etwas lernen, auch von Amazon, die über ihren Online-Shop viele gute Möglichkeiten gefunden haben, näher an den Kunden heranzurücken. Als Verlag  muss aber immer näher an den Leser rücken wollen. Das ist nicht neu.   

Georg M. Oswald (Autor, Verleger, Berlin Verlag):

Es überrascht mich nicht, dass Amazon jetzt auch verstärkt selbst Bücher verlegen will. Ob das Angebot für einen Autoren interessant ist, hängt sehr stark davon ab, was für eine Art von Literatur er publiziert. Amazon bildet nur einen Vertriebsweg ab, während Autoren bei klassischen Verlagen auch im stationären Buchhandel präsent sind. 

Kommentare

1 Kommentar zu "Inspirieren statt bejammern"

  1. Monika Hönig (Buchhändlerin)
    Über die Anfrage nach einem Büchertisch wurde ich auf einen Titel, der über Amazon Publishing verlegt wird, aufmerksam. Etliche Telefonate mit Amazon und dem Autor machten deutlich, dass das Buch deutsche Buch nur aus den USA versandt werden kann. Der Autor meinte, ich könne ja eine größere Anzahl der Bücher bestellen um das Porto (und die lange Lieferzeit) besser auf ein Buch verteilen zu können. Nun frage ich Sie, wie soll die Zukunft für deutsche Bücher aussehen – bei einer Gewinnspanne für den Buchhändler im Cent-Bereich? Das naheliegende liegt auf der Hand: umschulen und bei Amazon bestellen… (das betreffende Buch boykotiere ich mit dem Wissen, meine Kunden zu Amazon zu schicken).

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