99 Dollar pro Rezension

In der Buchwelt gilt Selfpublishing als eine Art Graswurzel-Bewegung, in der Autoren auch jenseits der mächtigen Verlags-Gatekeeper Erfolge feiern. Doch am Himmel der schönen, neuen Welt sind spätestens zum Wochenende dunkle Wolken aufgezogen. Stars der Branche sollen Rezensionen manipuliert haben.

Die „New York Times“ widmet sich groß und breit der Manipulation von Kunden-Rezensionen, die inzwischen der wichtigste Verkaufs-Motor im E-Commerce seien, sei es für Mülleimer oder E-Books – im Glaube der Käufer, diese seien nabhängig. Doch nach Einschätzung  des Data-Mining-Experten Bing Liu (University of Illinois) sind ein Drittel der Rezensionen gefälscht. Eine Studie aus dem Jahr 2008 habe ergeben, dass 60% der Produkt-Rezensionen auf Amazon die Empfehlung „5 Sterne“ abgeben, weitere 20% seien 4-Sterne-Besprechungen. 
Zu den Firmen, die Rezensionen von Büchern manipulieren, gehörte laut „NYT“ der 2010 gegründete Dienst GettingBookReviews.com: 9 Dollar pro positiver Besprechung, 499 Dollar für 20 Rezensionen, 999 Dollar für 50 Kundenbewertungen.

John Locke: 300 Rezensionen gekauft?

Und zu den Überfliegern, die Dienstleistungen von GettingBookReviews.com bestelt haben, gehört laut „NYT“ kein geringerer als John Locke (Foto: priv.), der laut Amazon als erster Independent-Schriftsteller vor einem Jahr die Mio-Kindle-Downoads-Marke passiert habe (buchreport.de berichtete) – im Durchschnitt werde alle sieben Sekunden ein Locke-Buch heruntergeladen, schrieb Locke selbst damals stolz auf seiner Webseite. Einer seiner Erfolgs-Titel: „How I Sold 1 Million eBooks in 5 Months“, ein Marketing-Guide für Selfpublished-Autoren, in dem Locke allerdings sein Paid-Content-Prinzip verschweigt.
Rund 300 Rezensionen soll Locke gekauft haben, schreibt das Blatt aus New York, Locke habe dies zugegeben.
Die Seite GettingBookReviews.com ist inzwischen offline. Laut „NYT“ sorgte die Kritik der Self-Publishing-Autorin Ashly Lorenzana am Dienstleister dafür, dass zunächst Google den Werbe-Account von Rutherford sperrte, weil keine Anzeigen für gefällige Rezensionen geschaltet werden sollten. Später habe Amazon einen Teil seiner Rezensionen gelöscht.
Vermutlich ist Rutherford aber nur die Speerspitze entsprechender Rezensions-Dienstleister.

Hierzulande hatte der frühere Amazon-Top-Rezensent Thorsten Wiedau im Mai 2012 gegenüber buchreport.de seine Zweifel ausgedrückt: „Als Rezensent muss man sich früher oder später fragen: Sind meine Beiträge wirklich ehrlich und unabhängig? Zumindest bei den Top-Rezensenten ist dies nicht mehr der Fall. Man fängt an, sich selbst zu belügen, wenn man allen Büchern fünf Sterne gibt.“ Die meisten Nutzer hätten keinen Sinn für die Notwendigkeit von unabhängigen Rezensionen.

Kommentare

11 Kommentare zu "99 Dollar pro Rezension"

  1. Hans Peter Roentgen | 28. August 2012 um 13:45 | Antworten

    Rezis für 9$ kaufen? Da kann sich ja jeder selbst ausrechnen, was die taugen ;-).

    Ach ja, gibt in Deutschland übrigens eine „Literaturzeitschrift“, die für 178 Euros Rezis anbietet: “ Dafür wird eine Redaktionsgebühr i. H. v. 178,00 EUR (inkl. MwSt) erhoben“ heißt es auf den Seiten des „Literaturmarktes“ (http://www.literaturmarkt.info…. Rezis dieser Zeitschrift werden von einigen angesehenen deutschen Verlagen gerne als Werbung verwendet.

    Dass die meisten Amazon Rezis 5 Sterne haben, hat einen einfachen Grund: Leser (ich auch) lesen ungern schlechte Bücher zu Ende. Und schreiben dann logischerweise auch keine Rezensionen. Stehen unter dem Buch aber zu viele Lobhudeleien, dann kommt der Backlash, weil die enttäuschten Käufer sich melden: „Ich verstehe die Begeisterung um dieses Buch nicht, ich habe es nach fünfzig Seiten in die Ecke gefeuert, weil …“ Gibt halt doch manchmal eine ausgleichende Gerechtigkeit.

  2. Stephan Waldscheidt | 28. August 2012 um 11:18 | Antworten

    So lange ein Autor sich unter dem Radar der vorderen Verkaufsränge bewegt und auch weniger Druck von Seiten großer Verlage dahintersteckt, desto wahrscheinlicher bleiben ehrliche Rezensionen.

    Jedoch die Versuchung, mit gekauften, erbettelten oder selbst geschriebenen Rezensionen nachzuhelfen, kennt vermutlich jeder Autor. Verschärft wird das, wenn man sich als Autor auf einen einzigen Distributor, meist Amazon, festlegt. Da wird jede einzelne Rezension bedeutsam – gute sind essenziell für den Verkaufserfolg, eine einzige schlechte kann ein ganzes Buch verdammen. Und zwar für immer.
    Wenn man als Autor Glück hat und das Buch gut ist, laufen mit der Zeit die guten Rezensionen ein und können auch mal eine schlechte auffangen. Die Versuchung, gerade zu Anfang mit ein oder zwei Rezensionen die Anlaufphase in die richtige Richtung zu lenken, bleibt.

    Dass Rezensionen vor allem sehr gut oder sehr schlecht sind, liegt auch daran, dass man als Rezensent ja ein Buch vor allem dann bespricht, wenn es einem extrem gut gefallen oder extrem missfallen hat.
    Umso schwieriger bleibt es für den Leser, die echten von den falschen Besprechungen zu trennen. Ein geübtes Auge hilft zwar, sie auseinanderzuhalten – doch viele Leser und potenzielle (Nicht-)Käufer treffen ihre Vorauswahl anhand der Anzahl der Sterne.

    Bei aller Kritik: Leser/User-Besprechungen sind enorm hilfreich und das werden sie auch in Zukunft bleiben. Solange man sich die Mühe macht, die Besprechungen genauer zu lesen und sich der Gefahr bewusst ist, dass allzu euphorische Kritiken womöglich gefälscht sind.

  3. Wolfgang Tischer | 27. August 2012 um 18:01 | Antworten

    Wer das Buch von John Locke gelesen hat, für den erscheinen Locks „Besprechungskäufe“ nur logisch. E-Books schreiben und verkaufen ist für Locke ein Geschäft, das funktionieren muss. Sein alleiniges Ziel war es von Anfang an, mit E-Book Geld zu verdienen.

    Locke schreibt, dass er als Selbstverleger über 25.000 Dollar an Dienstleister gezahlt hat, um das Buch ins Gespräch zu bringen. Der Mann ist nicht arm. Es wäre verwunderlich, wenn er nicht auch Besprechungen gekauft hätte.

    Wir haben es hier weder mit einem „Selfpublishing-Thema“ noch mit einem amerikanischen Phänomen zu tun.

    Man muss sich nur in den deutschsprachigen Billiglohnschreiberbörsen umsehen und findet unter den Auftraggebern für bezahlte Besprechungen durchaus auch namhafte deutsche Verlage.

  4. Ruprecht Frieling (Prinz Rupi) | 27. August 2012 um 17:40 | Antworten

    Das Thema Gefälligkeitsrezensionen ist so alt wie der Buchmarkt selbst. Schon immer haben sich Verlage für positive Rezensionen erkenntlich gezeigt. Warum sollten Selbst-Verleger „moralischer“ handeln?

    • Na ja, Rupi, Moral fordert man immer von den Mitmenschen, mit der eigenen ist oft nicht so toll bestellt. Das mal als generelle Antwort. Rezis – bei meinen Rezis, bei sehr guten, wie auch sehr schlechten, frage ich mich gelegentlich, welches Buch gemeint war, ob nicht vielleicht eine Verwechselung vorliegt. Hin und wieder will mir einer was Gutes tun, das weiß ich. Das gleicht sich aber aus, denn hin und wieder will man mir auch was Böses. John Locke hat man erwischt, na so was. Der Unterschied ist nur, dass man sich an ihn heran traut. Die Großen der Zunft sind unantastbar. Es sei denn, sie haben sich daneben benommen, waren als Teenager in der SS oder lassen sich über Mitmenschen mit Kopftüchern aus.

  5. Hat sich ja trotzdem für ihn gerechnet anscheinend.

  6. Petra van Cronenburg | 27. August 2012 um 15:21 | Antworten

    Vor einigen Jahren gab es Blätterrauschen, weil herauskam, wie einige Verlage ihre Amazonrezensionen nicht nur kauften (da werden billig Studenten rangesetzt), sondern sogar planmäßig die Bücher der Konkurrenz mies machten. Verlagsautoren übrigens auch. Eigentlich nur folgerichtig, dass die Self Publisher auch davon lernen?

    Fragen wir uns doch lieber einmal, warum man sich zur Masse statt Klasse manipulieren lässt. Was sagt es über den Markt aus, in dem ein Buch mit erlogenen 100 Rezensionen mehr gilt als eines mit drei echten? Und was ist kaputt, wenn man auf ehrliche Kritiken im Feuilleton erst gar nicht hoffen darf? Wenn man sieht, was derzeit in Deutschland um „Der Sturm“ und erfundene Autoren wie Bannalec getreiben wird, erübrigt sich die moralische Keule doch ganz schnell? Die Berufskritiker lehren uns doch längst, wie’s auf die unlautere Tour geht.

    • Werner Stickler | 27. August 2012 um 18:21 | Antworten

      Die Frage ist, wie können erlogene von ehrlichen Kritiken sicher unterschieden werden?

      • Petra van Cronenburg | 29. August 2012 um 10:12 | Antworten

        Wenn es Profis machen, gar nicht. Wenn es Laien machen, weil sie sich blöd anstellen? Ich weiß es nicht.

        • Hans Peter Roentgen | 29. August 2012 um 12:10 | Antworten

          Doch, die meisten findet man raus. Das sind entweder Rezis von Leuten, die nur dieses eine Buch rezensiert haben (=> vermutlich Freund des Autors oder der Autor selbst). Oder es sind Rezensionen, die so unter tausend anderen Büchern stehen, die sogenannten Jubelrezis.

          Natürlich sieht man eine Rezension eines echten Profis, der das Buch gelesen hat, nicht ansehen, ob er dafür bezahlt wurde. Dass diese Massenrezensenten für 9 (oder 99$) die Bücher auch lesen, halte ich aber eher für unwahrscheinlich.

          Gerade bei den Werken von Druckkostenzuschuss-Autoren findet man immer wieder Jubelrezensionen, denen man sofort ansieht, wo die herstammen. Nützen tun sie gar nichts, das sieht man, wenn man sich den Amazonrang ansieht.

          • Werner Stickler | 30. August 2012 um 17:00 |

            Wichtig ist ja auch noch die Bewertung, die in Summe ausschlaggebend ist für die Reihung und mE viel Einfluss hat auf die Umsätze.

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