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Verlage
Freitag, 13. April 2012 (12:42 Uhr)


Reaktionen auf die Kartellklage gegen das Agency-Modell

„Gefährliche Zeiten für den Buchhandel“

Welche Konsequenzen hat die Klage des US-Justizministeriums gegen Apple und fünf US-Verlage wegen möglicher Preisabsprachen für E-Books? Der Fall des Agency-Modells träfe insbesondere den Buchhandel, weil Amazon den Markt weiter aushöhlen kann, sind sich die meisten Kommentatoren einig. Doch nicht nur in den USA, auch in Europa bedrohten die Entwicklungen den Buchhandel.

Der größte Verlierer bei einem möglichen Ende des Agency-Modells in den USA wird der Buchhandel sein, kommentiert MVB-Geschäftsführer Ronald Schild die Entwicklungen auf Nachfrage von buchreport.de. Mit dem Fall des Modells sei zu erwarten, dass große E-Book-Anbieter sich durchsetzen und die Norm werden: „Kurzfristig kann das für den Endkunden aufgrund von fallenden Preisen schön sein, lang- bis mittelfristig birgt es jedoch die Gefahr eines Verlustes der Sortimentstiefe und -breite und einer (fast) monopolistischen Preisgestaltung“, so Schild.

Es sei kaum zu glauben, dass das Justizministerium selbst davon überzeugt sei, dass diese Lösung gut für den Wettbewerb oder auf lange Sicht gut für die Leser sei, urteilt Scott Turow, Chef des US-Schriftstellerverbands „Authors Guild: Wenn das US-Justizministerium es Amazon wieder erlaube, die meisten E-Books mit Verlust zu verkaufen, verhindere die Justiz im Grunde, dass traditionelle Buchhandlungen in den E-Book-Markt eintreten.

Auch Oren Teicher, CEO der American Booksellers Association ist die Kartellklage ein „Rätsel“. Das Agency-Modell habe den Wettbewerb auf dem E-Book-Markt erhöht: „Es gibt mehr –nicht weniger – Wettbewerb unter den Einzelhändlern und mehr – nicht weniger – Beispiele für Marketing- und Werbemaßnahmen unter Verlegern, die Preise gesenkt haben.“

Zudem sei das Agency-Modell in keiner Weise illegal und „die Förderung eines wettbewerbsorientierten Umfeld ist im langfristigen Interesse der Leser und Buchkäufer“, zitiert ihn „Publishers Weekly. Denn, so Turow: „Die heutigen niedrigen Kindle-Preise wird es nur so lange geben, bis Amazon sein Monopol wieder aufgebaut hat“.

„Auch die Verlage sind in ihrer Existenz bedroht“

Nicht nur der Buchhandel, auch die Verlage seien mit dem Fall des Agency-Modells bedroht, meint Preisbindungstreuhänder Christian Russ: „Wenn E-Books zu Cent-Artikeln werden, verkaufen sich auch keine gedruckten Bücher mehr, was die Verlage in ihrer Existenz bedroht.“

Von diesen Entwicklungen sind auch deutsche Verlage, die ihre Titel auch in den USA anbieten, bedroht, ergänzt MVB-Geschäftsführer Schild: Diese „könnten bei einem Stopp fürs Agency-Modell nicht mehr von festen Buchpreisen ausgehen und müssten eine unverbindliche Preisempfehlung und Großhandelspreise aussprechen“, so Schild. Dies werde die Komplexität der Verlagsarbeit in diesem Nischenmarkt erhöhen.

Penguin: „Wir haben nichts Falsches getan“

Inzwischen haben auch weitere der vom US-Justizministerium Beschuldigten reagiert. In einer Stellungnahme bekräftigt der Penguin Verlag, der neben Macmillan und Apple für das Agency-Modell vor Gericht kämpfen will (hier mehr), dass der Verlag nichts Falsches getan habe. „Diese Entscheidungen, viele von ihnen teuer und schwierig, hat Penguin alleine getroffen.“

In der Klageschrift ist von mehreren Treffen der US-Verleger untereinander sowie mit Apple-Vertretern die Rede, bei denen über das Pricing-Problem gesprochen worden sei. Er freue sich darauf, die Falschaussagen und Versäumnisse vor Gericht auszuräumen, erklärt Chairmann John Makinson gegenüber „Publishers Weekly“. Ähnlich hatte zuvor Macmillan-Chef John Sargent argumentiert: Seine Entscheidung, die E-Books nach dem Agency-Modell zu verkaufen, sei die „einsamste Entscheidung meines Lebens gewesen“ (hier mehr).

Auch Apple bestreitet, dass die Vorwürfe des US-Justizministeriums wahr sind: „Der Launch des iBookStores hat Innovation und Wettbewerb gefördert, indem es Amazons monopolistischen Griff gebrochen hat“, heißt es in einer Stellungnahme des Konzerns gegenüber „AllThingsD.com.

Harper Collins erklärte, das Agency-Modell habe das rasante Wachstum des E-Book-Marktes befördert, man wolle jedoch einen langwierigen Rechtsstreit verhindern und akzeptiere daher einen Vergleich mit der US-Justiz. Auch die Verlage Simon & Schuster und Hachette Livre sind bereit, den Vergleich zu unterzeichnen und die Preishoheit wieder an die Händler abzutreten (hier die Vereinbarungen im Detail).

Amazon betrachtet den Vergleich als einen Sieg für Konsumenten und Kindle-Kunden: „Wir freuen uns darauf, die Kindle-Books wieder günstiger anbieten zu dürfen”, heißt es aus Seattle.

„Sehr gefährliche Zeiten für den Buchhandel in Europa“

„Der Vorgang zeigt, wie glücklich wir uns in Deutschland schätzen können, eine gesetzliche Preisbindung für Bücher und E-Books zu haben“, kommentiert Preisbindungstreuhänder Christian Russ die Entwicklungen auf Nachfrage von buchreport.de. Der Rechtstreit betreffe nur die USA und habe Dank der gesetzlichen Preisbindung keine Auswirkungen auf Deutschland: „Werden E-Books von den USA nach Deutschland verkauft, gilt die deutsche Preisbindung, da der ,Erfolgsort’ der Handlung dann Deutschland ist und hiesiges Recht zur Anwendung kommt.“

„Direkte Auswirkungen auf die Buchpreisbindung in Deutschland sehen wir im Moment nicht“, erklärt auch MVB-Geschäftsführer Schild. Konkrete Aussagen seien aber erst möglich, wenn die Europäische Union ihr Kartellverfahren abschließt. In diesem Fall streben Apple & Co. offenbar eine außergerichtliche Einigung an (hier mehr).

Auch wenn ruinöse Preiskämpfe und ein Buchhandelssterben in Deutschland sicher nicht so schnell zur Realität würden: Mit Blick auf die Untersuchungen der EU-Kommission „sollten wir uns gefasst machen auf neue, sehr gefährliche Zeiten für den Buchhandel in Europa“, kommentiert Holger Ehling, Unternehmensberater und früherer Vize-Direktor der Frankfurter Buchmesse, die Entwicklungen im Deutschlandfunk.



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