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Buchhandel
Samstag, 26. November 2011 (10:32 Uhr)


Die Vorgeschichte der Weltbild-Erotik-Affäre

„Nur passiv vorgehalten ...“

Der seit Jahren schwelende Konflikt zwischen Kommerz und Konfession beim katholischen Medienkonzern Weltbild hat sich mit dem Verkaufsbeschluss der Gesellschafter in dieser Woche (hier mehr) entladen. buchreport erzählt die Vorgeschichte.

Eine zentrale Weltbild-Geschichte ist die des Verlagskaufmanns Carel Halff, der 1975 als 23-jähriger die Aufgabe übernahm, den katholischen Zeitschriftenverlag Winfried Werk zu sanieren. Seine Entscheidung, den 1972 als kleinen Leserservice angelegten Katalogbuchhandel zum Kerngeschäft zu machen, legte den Grundstein zum Medienhandelskonzern, der in den 1980er- und 90er-Jahren eine atemberaubende Expansion hinlegte. Heute führt Halff (60) ein Handelsimperium, das einschließlich Beteiligungen 1,657 Mrd Euro umsetzt.

Der Katalog und die Umsätze wuchsen, wenn auch auf manches Buch oder Video mit Rücksicht auf die Inhaber, katholische Diözesen, verzichtet werden musste. Was geht und was nicht, war als Dauerthema und Dauerkonflikt frühzeitig angelegt. Die Grenze etwa beim erotisch Zumutbaren musste immer wieder neu getestet werden.

Länger dienende Weltbild-Mitarbeiter erinnern sich an einen Streich, den die Geschäftsführung einst dem Leiter der (2001 eingestellten) namensgebenden Zeitschrift „Weltbild“ gespielt hat: In Absprache mit der Druckerei wurden die Hausexemplare des christlich-weltanschaulich korrekten Familienmagazins mit einem eigens gefertigten leicht erotischen Cover abgeliefert. Der kleine Spaß verweist auf den inhaltlichen Druck im Augsburger Medienhaus durch die vom Gesellschafter vorgegebenen Richtlinien: Kirchenkritisches oder moralisch Fragwürdiges blieb bei Eigenpublikationen wie auch im Versandkatalog tabu.

Weltbild-Chef Carel Halff, in dessen Besprechungszimmern die in der Wand eingelassen Heiligenbild-Mosaike ständig an die Muttergesellschaft erinnern, hat diese Grenzziehung stets offensiv vertreten: Weltbild verzichte eben mit Rücksicht auf die christlich-moralische Ausrichtung des Hauses auf einigen Umsatz. Im Alltag waren bei der Sortierung allerdings Konflikte mit naserümpfenden Gesellschaftern oder konservativen Kirchenkreisen stets einzukalkulieren angesichts der Fülle erfolgreicher Titel, die nicht ohne weiteres ins katholische Weltbild passen: Fantasy-Welten, bei denen Magier und Vampire Überweltliches repräsentieren, Bücher der esoterisch-spirituellen Szene, auch die mit Kirchenintrigen gewürzten Vatikan-Thriller und ganz generell die nur selten erotikfreie Unterhaltungsromane.

Eine schwierige Entscheidung zwischen wirtschaftlich attraktiven und inhaltlich bedenklichen Titeln. Verschärft wurde die Problematik mit der Titelausweitung im Online-Angebot von Weltbild.de: Durch Integration der Datenbanken des Buchgroßhandels wurde die Tür für vieles geöffnet, was zuvor von Hand aussortiert worden war.

Der lange schwelende Konflikt entzündete sich schließlich am Marketing des Hamburger Erotik-Verlags Blue Panther Books, der begann, seine Erregungsromane („...sein mächtiger, eregierter Schwanz glänzte in der Sonne“) aktiv mit der Bezugsadresse Weltbild zu bewerben.

Eine buchreport-Nachfrage in Augsburg über eine veränderte Sortimentspolitik erbrachte die unaufgeregte Auskunft, Artikel wie die Blue Panther „Schlampeninternat“-Reihe würden nicht aktiv beworben, „sondern nur passiv vorgehalten“. Der darauf aufsetzende buchreport-Artikel zur Frankfurter Buchmesse rief dann allerdings konservative Katholikenkreise auf den Plan, die kein passives Vorhalten tolerieren mochten und eine aktive Sortimentspolitik gerade angesichts der aktuellen „Entweltlichung“-Forderung des Papstes verlangten. Die Publikumspresse griff das Thema auf und Boulevard-Zeitungen jazzten das Thema zu „Kirche macht mit Pornos Millionen“ hoch.

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