Ben Aaronovitch: Inspirierendes London

Wo entstehen Bücher? Und welchen Routinen folgen Autoren eigentlich beim Schreiben? In der buchreport-Serie „Mein Schreibtisch” gewähren Autoren Einblick in ihre Arbeit.

Dieses Mal: Ben Aaronovitch, dessen Arbeitszimmer gleichzeitig sein Schlafzimmer ist. Daraus hat er jedoch einen Blick über London, der ihn bei der Arbeit immer inspiriert.

Schreibtisch mit Ausblick: Ben Aaronovitch schaut bei der Arbeit auf London. (Foto: privat)

Ich arbeite in meinem Schlafzimmer, was zwar nicht ideal ist, aber wenigstens habe ich morgens einen kurzen Arbeitsweg. Abgesehen von dem Bett ist der Raum weitgehend auf Arbeit ausgelegt. Fangen wir mit der Aussicht an: Ich wohne im siebten Stock eines Hochhauses, und schaue ich nach draußen, breitet sich London unter mir aus. Von den anderen Zimmern in meiner Wohnung habe ich eine ähnlich gute Aussicht. Sie ist einer der Hauptgründe, weshalb ich mich sträube, woanders hinzuziehen – wo sonst bekäme ich Inspiration, ohne meinen Schreibtisch zu verlassen?

Für gewöhnlich wache ich frühmorgens auf, noch zeitiger im Sommer, wenn es heller ist als im Winter. Ich rolle mich aus dem Bett, koche Kaffee, nehme an meinem Schreibtisch diverse Medikamente gegen Bluthochdruck ein und prokrastiniere für gute zwei bis drei Stunden, in dem ich E-Mails checke, im Netz surfe und so weiter, bevor ich dann um etwa 9 Uhr mit der Arbeit anfange. Mein Ziel ist es, 500 Wörter am Tag zu schreiben, was sich einschüchternder anfühlen kann, als es eigentlich ist. Im Großen und Ganzen erledige ich den Hauptteil meiner Arbeit am Morgen, esse dann, mache ein Schläfchen für ein oder zwei Stunden und arbeite danach noch ein paar Stunden.

Ich höre gerne Musik, während ich schreibe. Ich erstelle Playlists abhängig von Thema und Gefühl, um die Stimmung aufrechtzuerhalten, die für das Schreiben einer Szene erforderlich ist. Es kann beispiels­weise zwei Wochen dauern, eine Actionsequenz oder eine traurige Szene zu schreiben und Musik kann einen in dieser Zeit in der richtigen Stimmung halten. Filmsoundtracks sind hierfür besonders geeignet, weil sie komponiert wurden, um unbewusst zu wirken. Dadurch erzeugen sie Stimmung, ohne den eigent­lichen Schreibprozess zu beeinträchtigen.

Jeder Autor benötigt einen Notizblock oder ein elektronisches Äquivalent. Häufig eröffnen sich Lösungen zu schwierigen Handlungsproblemen an den ungewöhnlichsten Orten. Nichts ist schlimmer, als etwas nicht aufzuzeichnen und sich dann nur noch daran zu erinnern, dass man eine gute Idee hatte, aber nicht mehr, wie sie aussah. Wenn ich doch mal kein Notizbuch zur Hand habe, rufe ich schon mal einen Freund an und spreche meine Ideen auf dessen Anrufbeantworter.

Ich bin im Besitz eines guten Schreibtischstuhls. Wenn du keine Rückenprobleme bekommen möchtest, wenn du älter wirst, investiere in einen guten Stuhl, den du etwa alle fünf Jahre auswechseln solltest. Die zweitwichtigste Hilfe, abgesehen von einer guten Internetverbindung, ist Kaffee, ohne den ich keine Arbeit erledigt bekommen würde. Verleger schicken gerne Wein, wenn sie glauben, dass du dich gut machst. Tja, ich trinke aber nicht, also habe ich sie überredet, mir stattdessen Kaffee zu schicken. Infolgedessen habe ich Gefallen an besorgniserregend teurem Kaffee gefunden.

Ban Aaronovitch (Foto: Bogenberger-Autorenfotos)

Ben Aaronovitch

wurde 1964 in Nordlondon geboren und ist dort mit zwei Geschwistern aufgewachsen. Zunächst schrieb der Sohn eines britischen Ökonoms und Polit-Aktivisten Drehbücher für die britische Science-Fiction-Fernsehserie „Doctor Who?“, einem Dauerbrenner der BBC über einen Zeitreisenden, der mithilfe einer alten Polizei-Notrufzelle Zeit und Raum überwindet. Seine Skripte adaptierte er auch als Romane und fand so Geschmack an der Langform. Der große Durchbruch gelang Aaronovitch mit der Urban-Fantasy-Romanreihe um Peter Grant, einem Police Constable, der unter den Fittichen seines Vorgesetzten, Polizei-­Inspektor Thomas Nightingale, in die Grundlagen der Magie eingeführt wird. Fortan hat er es mit allerhand übernatürlichen Bewohnern Londons zu tun. Die „Flüsse von London“-Serie erscheint bei dtv und wurde mittlerweile mehr als 1 Mio Mal verkauft. Aaronovitch erweitert das Universum von Peter Grant kontinuierlich. So schickte er 2019 mit der Figur Tobi Winter einen deutschen Ermittler für magische Vorkommnisse an den Start.

Was Prosa betrifft, arbeite ich allein. Ich bin zu langsam und launisch für Kollaborationen, aber mein Freund Andrew Cartmel nimmt eine erste Redigatur jedes Kapitels vor, meistens um Grammatik- und Tippfehler sowie Handlungslücken auszumerzen. Bei den Comics ist Andrew ein gleichwertiger Partner und wir tun uns zusammen, teilen die Arbeit auf und tauschen sie untereinander aus, bis wir fertig sind.

Ich bekomme nicht oft Besuch und gemessen daran, dass mein Arbeitszimmer gleichzeitig mein Schlafzimmer ist, kann man sich vorstellen, dass ich auch nicht oft Leute eintreten lasse. Nichtsdestoweniger habe ich oft das Problem, meinen Sohn aus meinem Zimmer zu halten. Ich hoffe, er zieht bald aus, dann kann ich in Ruhe und Frieden arbeiten.

Rückblickend ist es schwierig, zu sagen, was mich zum Schreiben inspiriert hat. Bei den frühesten Geschichten, an die ich mich erinnere geschrieben zu haben, war ich 8 oder 9 Jahre alt. Meine Lehrer waren nicht beeindruckt – besonders nicht von meiner Rechtschreibung. Ich schrieb einige Kurzgeschichten auf der tragbaren Schreibmaschine meiner Mutter, aber erst mit dem Aufkommen günstiger Textverarbeitungsprogramme Mitte der 1980er-Jahre begann ich ernsthaft zu schreiben. Film und Fernsehen habe ich immer geliebt, daher schien es mir natürlich, mit dem Schreiben von Drehbüchern anzufangen – davon abgesehen kommen sie mit weniger Wörtern aus. Aber bald bekam ich die Möglichkeit, eines meiner „Doctor Who“-Skripte als Buch zu adaptieren und erfuhr dabei die schiere Freiheit der Prosaliteratur.

Aus dem Englischen von Daniela Zielberg

Bestseller von Ben Aaronovitch

Titelbester Platz (Dauer* )
Ein Wispern unter Baker Street (5/2013)15 (6 Wochen)
Der böse Ort (4/2014)13 (9 Wochen)
Fingerhut-Sommer (8/2015)9 (8 Wochen)
Der Galgen von Tyburn (5/2017)1 (8 Wochen)
Geister auf der Metropolitan Line (5/2018)2 (7 Wochen)
Die Glocke von Whitechapel (5/2019)1 (9 Wochen)
Der Oktobermann (9/2019)3 (7 Wochen)
Ein weißer Schwan in … (10/2020)2 (5 Wochen)1)
* Verweildauer auf SPIEGEL-Bestseller-Listen  1) Stand: 27. November 2020

Quelle: buchreport

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