Wo schreibt Bas Kast?

(Foto: Mike Meyer)

Was auf meinem Schreibtisch steht, ist mir nicht so wichtig. Wichtig für mich ist in erster Linie, dass es ruhig ist. Es ist eine ganz bestimmte Ruhe, die ich meine: Naturgeräusche stören mich nicht, Vogelzwitschern oder Gewitter oder das Rauschen von Regen finde ich geradezu herrlich. Auch sehr regelmäßige entfernte Geräusche sind okay, wie zum Beispiel ein Zug in der Ferne.

Nicht okay sind durchgeknallte Nachbarn mit Hip-Hop-Musik, die offenbar nur dann genießbar ist, wenn man sie auch spürt. Stimmen sind auch schlecht. Gespräche lenken mich ab, ich fange dann an, hinzuhören. Das geht natürlich nicht, denn beim Schreiben muss ich in meiner Welt sein.

Ich weiß, im Moment steht ein Berliner Bär auf meinem Schreibtisch und es liegt ein Blutdruckgerät drauf, aber das spielt alles keine Rolle. Ich beachte das nicht beim Schreiben. Wenn ich es beachte, ist das ein schlechtes Zeichen.

Das Zweitwichtigste ist das Licht. Ich kann in grellem Sonnenlicht nicht gut schreiben, es ist zu intensiv, es ist, als würde es die Aufmerksamkeit zu sehr auf sich, also nach draußen ziehen, und meine Aufmerksamkeit soll ja beim Schreiben nach innen kehren. Also schreibe ich immer mit geschlossenen Rollläden, wobei ich die kleinen Schlitze liebe, durch die ein wenig Sonnenlicht fällt, aber nicht so aufdringlich. Überhaupt mag ich Aufdringliches nicht. Ich weiß, es ist ein bisschen absurd, aber so richtig dunkel mag ich es auch nicht, also schalte ich ein paar gemütliche Lampen an, wie meine geliebte Wagenfeld-Leuchte. Abends auch gerne ein paar Kerzen. Ich liebe das Licht und den Duft von Kerzen und auch das unaufdring­liche Knistern!

Ich schreibe aber am liebsten morgens, wenn mein Gehirn noch unbelastet vom Tag ist, frisch halt, nicht matschig von all den E-Mails oder den sonstigen Botschaften. Ich muss die Zeit nutzen, heut mehr als früher, und schreibe also, sobald es geht, was bei mir heißt: Sobald die Kinder und die Ehefrau aus dem Haus sind. Ein Tag ist dann gut, wenn ich mich sofort hinsetzen kann, fast immer mit einem frisch gebrühten Kaffee und einem Stück dunkler Schokolade. Tja, und dann sollte etwas passieren, denn um 14.30 Uhr hole ich die Kinder ab.

Insofern klemme ich mich dran, nicht wirklich verbissen, aber doch im Bewusstsein, dass ich nur ein paar Stunden habe. Oft mit großem innerem Antrieb, man könnte fast sagen: Verlangen. Das geht so weit, dass ich bewusst checke, ob ich meinen Kaffee gemacht habe etc. Denn sobald ich in meinem Text gefangen bin, gibt es, wenn alles gut geht, sobald kein Loslassen mehr. Es ist, als würde sich dann alles auf­lösen und du wirst eins mit dem Text oder mit der Textarbeit. Schon ein paar gelungene Absätze oder Ideen, und der Tag ist, was mich betrifft, gerettet: Es kann jetzt im Grunde passieren, was will, ich fühle mich dadurch meist für den Rest des Tages ausgeglichen. Ich habe das Gefühl maximaler Produktivität. Das klappt natürlich nicht immer so.

(Foto: Mike Meyer)

Zur Not kann ich aber auch im Keller schreiben, was ich auch gelegentlich tue, wenn es oben zu laut ist. Ich lebe in einem kleinen Dorf, und man könnte denken, dass es da schön ruhig ist. Das Gegenteil ist der Fall. Ich glaube, zumindest das Grundrauschen einer Großstadt – sagen wir, im 10. Stock oder so – wäre für mich besser als ein einzelner allzu fleißiger Handwerker mit Kreissäge oder einem Hammer oder was auch immer es sein mag, das er gerade braucht. Auch ein einzelnes Auto, das eine Viertelstunde benötigt, um einzuparken, lenkt mich extrem ab. Im Keller ist man davor geschützt. Das ist auch wichtig: Dass ich weiß, dass es irgendwo einen Raum gibt, wo ich einiger­maßen sicher bin. Sie sehen schon, das macht die Immobiliensuche nicht gerade einfach …

Ich glaube, ein Grund für die Notwendigkeit dieser bestimmten Form von Ruhe liegt nicht nur darin, dass man sich auf die Innenwelt konzentrieren, darin eintauchen muss, sondern auch, weil ich tatsächlich die Sätze in meinem Kopf hören will. Ich höre, wie meine innere Stimme sie ausspricht, ich höre ihren Klang, ihren Rhythmus, und jedes Geräusch, das dazwischenfunkt, macht dies natürlich zunichte: Ich höre meine eigene Stimme nicht mehr, und damit hat sich die Sache. Ich kann es dann genauso gut bleiben lassen.

Ich habe in meinem Arbeitszimmer die dicksten Fenster einbauen lassen, die es gibt, mit höchster Schallisolation – nur Panzerglas wäre noch dicker gewesen. Ich dachte mir, Panzerglas ist übertrieben. Tatsächlich aber bringen diese Anti-Schallfenster nicht so irre viel, da es ja noch allerlei Ritzen und was weiß ich was gibt. Der Schall findet also trotzdem seinen Weg.

Vielleicht noch kurz ein Wort dazu, was Schreiben für mich bedeutet, damit wir nicht nur über Schall gesprochen haben. Bitte halten Sie dies nicht für ein Klischee, es ist wirklich so, bei mir jedenfalls: Sobald du anfängst zu schreiben, bringt dieser Vorgang Gedanken hervor, auf die ich sonst nie kommen würde (höchstens in einem superanregenden Gespräch). Du kannst ja auch immer wieder zu deinem Text zurückkehren und den Gedanken verfeinern. Der Gedanke, der da steht, bringt dich auf neue Gedanken. Das Schreiben ist für mich somit eine Art von Instrument. So wie ein Forscher mit einem Mikroskop mehr sehen kann, so kannst du, indem du schreibst, mehr Gedanken sehen oder hervorbringen.

Es gibt übrigens keine Aktivität für mich, bei der die Zeit so schnell vergeht wie beim Schreiben. Manchmal setze ich diese Waffe bewusst ein. Sagen wir, ich freue mich so richtig auf einen Besuch, der aber erst in Stunden kommt, und ich weiß gar nicht, wie ich die lange Warterei aushalten soll. Wenn es geht, setze ich mich hin und schreibe, und wenn es dann – gefühlt eine Viertelstunde später oder so – an der Tür klingelt, bin ich immer wieder aufs Neue erstaunt: Was? Wirklich? Jetzt schon? Man, das ist ja doof …

Schwerpunkt Sachbuch

– im buchreport.magazin 07-08/2019

Bas Kast

Bas Kast (Foto: Mike Meyer)

Der Sohn einer Holländerin und eines Deutschen wurde 1973 in Landau in der Pfalz geboren, verbrachte aber die ersten 14 Jahre seines Lebens bei Utrecht in den Niederlanden. Bas Kast studierte Psychologie mit Schwerpunkt Hirnforschung in Konstanz, Bochum sowie am Massachusetts Insti­tute of Techno­logy (MIT) in Boston. Im Jahr 2000 fing er als Volontär beim Tagesspiegel in Berlin an und war anschließend dort Redakteur. Mittlerweile ist Kast seit über zehn Jahren als freier Journalist tätig und veröffentlicht seit 2003 auch Bücher. Der erste SPIEGEL-Bestsellererfolg stellte sich 2004 mit „Die Liebe und wie sich Leidenschaft erklärt“ ein, das sich auch international zum Erfolg entwickelte. Der Auslöser für Kasts Bestellertitel „Der Ernährungskompass“ (C. Bertelsmann) war ein Anfall von Angina Pectoris, der ihn beim Joggen ereilte. Daraufhin recherchierte er drei Jahre lang zum Thema. Das gleichnamige Kochbuch ist im Februar dieses Jahres erschienen. Bas Kast lebt mit Frau und Kindern in Rottendorf b. Würzburg.

Bestseller von Bas Kast

Titelbester Platz
Der Ernährungskompass. Das Kochbuch (2/2019)1
Der Ernährungskompass (3/2018)1
Und plötzlich macht es KLICK! (2/2015)26
Ich weiß nicht, was ich wollen soll 4/2012)49
Wie der Bauch dem Kopf beim Denken hilft (7/2007)12
Die Liebe und wie sich Leidenschaft erklärt (4/2004)5
SPIEGEL-Bestsellerlisten Sachbuch bzw. Ratgeber Essen & Trinken

Quelle: buchreport

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