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Engpass-Management: Wenn die Pappe fehlt

Die Sommermonate haben den Glauben an eine gute Buchkonjunktur genährt, und der Buchhandel attestiert den Verlagen ein gutes Herbstprogramm. Aber wie auch in manch anderer Branche droht ein Material- und Nachschubproblem.

Der deutsche Buchmarkt wird nach vorläufigen Zahlen von einer ganz ordentlichen Ausgangslage ins 4. Quartal starten. Und mit guter Hoffnung, in der diesjährigen Hochsaison nicht wieder hart ausgebremst zu werden wie Mitte Dezember 2020. Der erzwungene Laden-Lockdown hatte das bis dahin sehr gute Weihnachtsgeschäft vor den umsatzstärksten Tagen stationär abrupt beendet.

Aber auch ohne einen absehbaren neuen Lockdown sind die Publikumsverlage in ihrer Vorbereitung auf das Jahresfinale alles andere als entspannt. Nicht wegen Zweifeln an ihren Programmen, sondern wegen Engpässen in der Buchproduktion und der Logistik. Auch weil sich noch nicht so recht abzeichnet, welche Hoffnungsträger tatsächlich das Weihnachtsgeschäft prägen werden, könnte es eng werden, wenn zunächst unterschätzte Titel kurzfristig und hochauflagig nachgedruckt werden müssen:

  • Papier ist knapp und deshalb merklich teurer.
  • Besonders kritisch ist die Lage bei der Fertigung von Einbänden.

Während andere Branchen ihre Produktion wegen Hightech wie fehlender Halbleiter drosseln, fehlt in der Buchfertigung schlicht Buchbinderpappe. Die ist derzeit für die in der weihnachtlichen Geschenksaison besonders gefragten Hardcover-Ausgaben nicht leicht zu beschaffen. Kaum auszudenken, dass die Buchkonjunktur durch fehlendes Papier abgekühlt wird.

Die Beschaffungskrise ist nur ganzheitlich lösbar

Engpässe aller Orten

„Lieferschwierigkeiten sowie deutliche Preissteigerungen bei Vorprodukten und Rohstoffen treffen Betriebe sämtlicher Branchen und Größenklassen“, hat der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) kürzlich analysiert und gewarnt: Diese Entwicklung könnte den wirtschaftlichen Erholungsprozess nach der Krise merklich erschweren.

Da haben auch viele Hersteller in den Buchverlagen mit Blick auf die eigene Malaise genickt, die sich in den großen wirtschaftlichen Gesamtzusammenhang einordnet. Ganz neu ist das Thema nicht, aber es ist eskaliert: Bereits seit Jahresbeginn hatten erste Preissteigerungen und Lieferverzögerungen angedeutet, dass die Produktion bei erfreulicher Belebung der Buchkonjunktur keineswegs ruckelfrei durchstarten kann:

  • Im Juni rücken zunächst die gestiegenen Einkaufspreise für Papiere, nicht verfügbare Pigmente und Sonderfarben in die Branchenaufmerksamkeit. In den Verlagen ist viel Flexibilität bei der Buchausstattung gefragt. Nicht alles ließ sich realisieren. buchreport berichtete über „stockende Beschaffung und höhere Preise“..
  • Im Juli verschärft sich die Lage, weil Papiere und Pappen, Klebstoffe und Farben, Vorprodukte und Halbfabrikate von Engpässen betroffen sind. Die mit massiven Zellstoff-Preiserhöhungen konfrontierte Papierindustrie schlägt auf den Papiereinkauf von Verlagen und Druckereien durch: „Beschaffungs-Hindernisse auf allen Ebenen“.

Zwar hatten die Papierindustrie und in der Folge auch die Druckereien ihre Kunden insbesondere vor steigenden Papierpreisen gewarnt, aber dass die Situation derart eskalieren würde, damit hatten auch viele Experten nicht gerechnet. Die Lager des Großhandels sind, Stand Anfang September, teilweise noch lieferfähig, aber nicht imstande, die aktuellen Engpässe auszugleichen und das Streckengeschäft zu ersetzen.

Die Krise im Maschinenraum: ausgebremst und verteuert

Noch keine Entspannung im 1. Quartal 2022

Peter Schlürmann vom Papiergroßhändler Inapa Deutschland sieht einen Ursachen-Mix aus Corona-Sondereffekten und einer Strukturbereinigung in der Branche, nachdem der Papierbedarf über 15 Jahre rückläufig gewesen ist. Aus seiner aktuellen Analyse:

  • Bisher entspannt sich die Lage nicht. Das betrifft sowohl die unverändert extrem langen Lieferzeiten als auch die Entwicklung der Papierpreise.
  • Nach mehreren Preiserhöhungen in diesem Jahr ist ist mit einer erneuten Erhöhung im 1. Quartal 2022 zu rechnen.
  • Bereits jetzt ist auch absehbar, dass die schwierige Beschaffungssituation auch noch im 1. Quartal Bestand hat und sich erst nach und nach entspannt.

Insbesondere bei Kartonqualitäten gilt die Situation als kritisch. Teilweise können Hardcover-Bücher nicht termingerecht gedruckt und geliefert werden, weil die zeitnahe Beschaffung von Buchbinderpappe ein unlösbares Problem darstellt.

Lena Scherer

Ausführlich: buchreport-Redakteurin Lena Scherer analysiert im buchreport.magazin 10/2021 auf 8 Seiten die Lage der Buch-Produktion, die längst auch eine Frage des Weihnachtsgeschäfts ist. Die stolze Just-in-Time-Buchlogistik, das schnelle Reagieren auf Nachfragespitzen, ruckelt. Eine Reihe von Verlagen hat bei allen Unwägbarkeiten der Auflagenplanung die Produktion jetzt vorgezogen. Und kleine Verlage drohen bei zuletzt knappen Druckkapazitäten und Papiervorräten in die Röhre zu schauen.

Hier geht es zur Online-Version der Analyse „Ausgebremst und verteuert: Die Krise im Maschinenraum“ (br+)

Engpässe bei den Lieferketten – im buchreport.magazin 10/2021

 

 

 

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