20 Jahre »Harry Potter«: Es war einmal (k)ein Märchen

„Das Buch läuft wie geschnitten Brot”, berichtet buchreport Ende der 1990er aus Großbritannien über „Harry Potter and the Prisoner of Azkaban“ von J.K. Rowling. Bald darauf stehen in Deutschland die ersten 3 Bände ihrer „Harry Potter”-Reihe an der Spitze der SPIEGEL-Bestsellerliste.

Das gab es vorher noch nicht: Ursprüngliche Kinderbuchtitel dominieren die Spitze der SPIEGEL-Bestsellerliste Hardcover Belletristik. Nachdem der Potter-Hype ab 2000, zwischen dem Erscheinen des 3. und 4. Bandes, so richtig Fahrt aufnimmt, besetzen die Potter-Bände 1 bis 3 zwischenzeitlich die ersten 3 Plätze im Ranking. Als im Oktober 2000 Band 4 erscheint, reiht er sich nahtlos in den Bestsellerreigen ein. Ab dann heißt es: 4 Mal Potter auf den ersten 4 Plätzen (Foto: buchreport).

Die Erfolsgeschichte begann vor 20 Jahren, als der Carlsen Verlag die deutsche Ausgabe des ersten Bands „Harry Potter und der Stein der Weisen” veröffentlichte. Seither wurden 34 Mio deutsche Exemplare von Rowlings siebenteiliger (Kern)reihe verkauft, weltweit waren es über 500 Mio. Die Bücher wurden in 80 Sprachen übersetzt, die deutsche Übersetzung stammt von Klaus Fritz. Jeder Teil der Reihe schaffte es auf die SPIEGEL-Bestsellerliste der Kategorie Hardcover Belletristik, teils auch die englischen Originalausgaben.

Zum Jubiläum des deutschen Reihenstarts veröffentlicht Carlsen am 31. August alle sieben Bände als Neuausgabe. Außerdem hat der Verlag die Website „20 Years of Magic” eingerichtet, auf der Fans unter anderem ihre Potter-Erlebnisse teilen können. Für Hörbuchfans gibt Rufus Beck, der alle Harry-Potter-Bände eingesprochen hat, drei Jubiläumslesungen in Hamburg, Berlin und München. „Harry Potter ist für Carlsen auch heute noch außergewöhnlich und in der Buchbranche einzigartig”, wird Verlagschefin Renate Herre in einem aktuellen Beitrag von der „Welt” zitiert, wo sie auch prophezeit: „Das wird es so wohl nie wieder geben.”

Anlässlich des Jubiläums wirft buchreport einen Blick zurück: Ein Originaltext vom September 1999, als der Potter-Hype in den USA und Großbritannien schon um sich griff. In Deutschland gedeihte das Phänomen geruhsamer und nahm ab 2000 Fahrt auf.

Es war einmal (k)ein Märchen

aus: buchreport.magazin 10/1999 (Foto: buchreport)

Unglaublich, aber wahr: Junge Mutter, frisch geschieden, mittellos und mit Baby, schreibt Kinderbücher – und wird zur Kultautorin.

Der Kontrast könnte kaum größer sein: Nach dem blutgerinnendschaurigen „Hannibal“ von Thomas Harris sorgt jetzt ein zauberhafter Knabe namens Harry Potter in Großbritannien für Aufsehen. Drei Romane mit dem vorwitzigen Schuljungen im Mittelpunkt, der magische Fähigkeiten besitzt, hat Joanne K. Rowling seit 1997 veröffentlicht, einer erfolgreicher als der andere. Zuletzt erschien „Harry Potter and the Prisoner of Azkaban“, der im Buchhandel für gute Laune sorgt: Innerhalb von drei Tagen nach der Auslieferung hatte Bloomsbury 70 000 Exemplare verkauft. Das ist ein Rekord, an den selbst „Hannibal“ nicht heranreicht, für den der Pegel in der ersten Woche 58 000 Bücher anzeigte.

Insgesamt hat Bloomsbury seit dem Erstverkaufstag am 8. Juli nur über die Buchhandelsschiene mehr als 100 000 Bücher zum empfohlenen Ladenpreis von 10,99 Pfund abgesetzt. Aber auch in Supermärkten, Warenhäusern und Kinderläden läuft das Buch wie geschnitten Brot. Die Startauflage von 270 000 Exemplaren (inkl. Export) mußte bereits mehrfach  nachgebessert werden.

Wochen vor der Auslieferung hatte der Verlag mit Anzeigen begonnen, für Harry Potter kräftig die Werbetrommel zu rühren. Als Glücksgriff erwies sich die Entscheidung, das Buch am 8. Juli erst ab 15.45 Uhr zu verkaufen, um die jungen Leser davon abzuhalten, die Schule zu schwänzen. Zwar hielten sich nicht alle Händler an das Embargo, dafür stürzten sich die Medien mit Begeisterung auf diesen PR-Trick. Die Berichterstattung tat ihre Wirkung: Vor vielen Buchhandlungen stauten sich ab 15 Uhr lange Schlangen wartender Potter-Fans.

Kultstatus genießt Harry Potter nicht nur bei Kindern, sondern er wird – ähnlich wie in den 80er Jahren in Deutschland „Momo“ und „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende – auch von Erwachsenen gern gelesen. Wer nicht mit einem Kinderbuch erwischt werden möchte, muß zwei Pfund mehr auf den Tisch legen und erhält dafür ein Hardcover mit „seriösem“ Umschlag. Die Offerte kommt an: Laut „Daily Telegraph“ wurden schon 25 000 Exemplare abgesetzt.

Auch in Deutschland besitzt Harry Potter eine ständig wachsende Fangemeinde. „Der Stein der Weisen“, „Die Kammer des Schreckens“ und „Der Gefangene von Askaban“ sind bei Carlsen erschienen, der von den ersten beiden Bänden in weniger als neun Monaten schon 70 000 Exemplare verkauft hat. Für den Handel gibt es Sonderkonditionen: 45% Rabatt und 90 Tage Valuta für das Trio.

So märchenhaft wie der Inhalt ihrer Bücher liest sich die Geschichte der 31-jährigen Autorin: Frisch geschieden, mit einer drei Monate alten Tochter und mittellos, verbringt sie viel Zeit in einem Café in Edinburgh. Während ihre Tochter schläft, schreibt sie Geschichten für Kinder – mit der Hand, weil sich die Sozialhilfeempfängerin keinen PC leisten kann. Zwei Manuskripte schickt sie schließlich nach London, eins wird von Bloomsbury angenommen. Dort erscheint „Der Stein der Weisen“ mit einer Startauflage von 7000 Exemplaren. Der Rest ist Geschichte. Zur Zeit arbeitet Joanne Rowling an Buch Nummer vier, zwei weitere Titel sind in Planung.

Anja Sieg

Kommentare

1 Kommentar zu "20 Jahre »Harry Potter«: Es war einmal (k)ein Märchen"

  1. lieber buchreport: „gedeihte“?

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