Finden, binden und begeistern

2015 haben viele Bewerber ihre Ausbildung in der Buchbranche nicht angetreten. Wie reagiert die Branche und wo herrscht Verbesserungsbedarf? Monika Kolb (Foto: nodesign), seit Sommer 2007 Bildungsdirektorin des Börsenvereins und Geschäftsführerin des Mediacampus Frankfurt bezieht im buchreport-Interview Stellung.

Viele Bewerber haben 2015 ihr Ausbildungsverhältnis nicht angetreten. Werden beim Recruiting Fehler gemacht?

Es ist für viele Betriebe zu einer echten Herausforderung geworden, weil sich Selbstverständlichkeiten zum Berufseinstieg gravierend verändert haben. Es gibt heute eine Vielfalt von Möglichkeiten, verbunden mit einer immer stärker zu beobachtenden Orientierungslosigkeit. Bachelor oder duale Ausbildung? Oder gleich zwei Abschlüsse in einem: Die Zahl der dualen Studienangebote hat sich in nur wenigen Jahren verdoppelt. Immer mehr Schulabgänger sind studienberechtigt. Warum also nicht zur Universität gehen? Demografisch kommen auf steigende Angebote immer weniger Nachfrager. Junge Menschen entscheiden in diesen Zusammenhängen kurzfristig und bedauerlicherweise oft auch unverbindlich. Kommt ein vermeintlich besseres Angebot, ist der Wechsel auch schon da.
Auch die Zahl der Abbrecher in der Probezeit steigt. Verliert die Branche den Kampf um die guten Einsteiger?
Wir beobachten, dass sich die Erwartungen auf beiden Seiten oft nicht erfüllen. Neben dem Finden wird das Binden und Begeistern zwischen Vertragsabschluss und Ausbildungsbeginn wichtiger werden. Meine Empfehlung ist, von festgefahrenen Erwartungshaltungen auch einmal abzuweichen und neue Wege zu gehen. Beispielsweise einen guten Realschüler für die Ausbildung zu gewinnen.
Muss der gesamte Auswahl- und Ausbildungsprozess auf den Prüfstand?
Ich wünsche mir, dass Betriebe beides grundlegend reflektieren. Welche neuen Wege gibt es beim Recruiting, bei der Ansprache der Kandidaten? Ist mein Ausbildungskonzept anspruchsvoll, modern, handlungsorientiert und auch abwechslungsreich? Junge Menschen legen heute großen Wert auf eine aktive Begleitung, sie wollen gern in einem gewissen Rahmen Verantwortung übernehmen, gefordert und gefördert werden. Je mehr diese Kriterien erfüllt sind, umso stärker sind Motivation, Bindung und Begeisterung. Zur Unterstützung entwickeln wir gegenwärtig mit Wiley-VCH eine Beratungsbroschüre, in der diese Punkte behandelt werden.
Ist flankierend eine neue Imageoffensive an den Schulen angesagt?
Das wäre ein Projekt, das wir gemeinsam mit den Verlagen und dem Buchhandel angehen sollten. Viele andere Branchen haben sich schon lange aufgemacht und werben offensiv für ihre Berufe und Perspektiven.

Kommentare

3 Kommentare zu "Finden, binden und begeistern"

  1. Vielleicht schreckt den Einen oder die Andere auch die Aussicht auf die zu erwartenden prekären Verhältnisse, angesichts hoher Mieten in den Großstädten auf der einen und sehr geringer Bezahlung auf der anderen Seite. Da hilft auch die berühmte Imageoffensive nur bedingt.
    Umfassende Bildung, Leidenschaft für´s Buch und wirtschaftliches Denken. (das beim eigenen Geldbeutel aber bitte aufzuhören hat) und dann ab in den Buchhandel. Man träume weiter!

  2. Ich finde es sehr gut, dass Frau Kolb, Bildungsdirektorin beim
    Börsenverein und Geschäftsführerin des Mediacampus in
    Frankfurt/Main in ihrem ausführlichen Statement die Zeichen der
    Zeit erkannt hat, die doch sehr den Buchhandel bewegen.
    Ihre Aussagen stehen unter den Leitworten: ,Finden, binden und
    begeistern` .
    Und darauf kommt es doch in erster Linie an, dass junge Menschen
    wieder für den Beruf des Buchhändlers/der Buchhändlerin be-
    geistert werden.
    Dazu muss sich aber auch der Börsenverein mit seinen Landesver-
    bänden gezielt bei den Buchhandlungen, den Fachklassen für
    Buchhändler an den Berufsschulen, den Arbeitsämtern und den
    Schulen für eine richtige Werbung für diesen Beruf einsetzen.
    Und dazu gehört auch, dass man da klare Vorgaben macht und
    eben auch mitteilt, dass der Verdienst nicht so hoch sein wird.
    Dies gehört da mit dazu.
    Frau Kolb weist auch auf einen ,guten Realschüler` hin, der sich
    doch auch gut für eine Ausbildung als Buchhändler eigenen würde.
    Und zudem sollte auch mal etwas genauer dieser Lehrplan für
    den Ausbildungsberuf Buchhändler/Buchhändlerin, der zuletzt
    2011 verabschiedet wurde, mal genauer unter die Lupe ge-
    nommen werden.
    Es genügt eben vor allem als Buchhändler/Buchhändlerin nicht,
    dass in den Fachklassen für Buchhändler nur Kenntnisse in BWL
    und EDV usw. vermittelt werden.
    Völlig zu kurz kommen die Kenntnisse im Fach Literatur und Deutsch. Und gerade dies ist doch sehr wichtig bei Gesprächen
    mit den Lesern/Leserinnen als Kunden, dass man doch etwas
    zu Schriftstellern sagen kann. Da genügt nicht nur das schnelle
    Anlesen eines Klappentextes im Schutzumschlag eines Buches.
    Da gehört vie mehr dazu. Gewiss, sind BWL, EDV und andere
    Fächer in den Fachklassen der Berufsschulen und im Campus
    in Frankfurt/Seckbach wichrig, aber ein gutes Gerüst im Wissen
    der Dichtung und Literatur ist für junge Buchhändler und
    Buchhändlerinnen ein guter Grundpfeiler auf den es sich auf-
    bauen lässt.
    Und zudem sollte auch das Jammern innerhalb der Buchbranche
    aufhören.
    Der Buchhandel muss sich im Börsenverein und im Berufs-
    bildungsausschuss sowie in den Landesverbänden eben die
    Fragen um die Berufsausbildung für Buchhändler/innen einmal
    richtig vornehmen.
    Es ist auch nicht so überragend, wenn dauert auch im Buchhandel
    vom Wachstum innerhalb der Buchbranche gesprochen wird.
    Von Wachstum, so glaube ich, kann man erst wieder sprechen,
    wenn mal auch grundsätzlich notwendige Fragen und Probleme
    im Buchhandel angegangen werden.
    Und dazu gehören auch Fragen, welche die Ausbildung betreffen
    dazu.
    Man muss aber auch knallhart sehen, dass der Buchhandel mit den anderen Medien sehr zu kämpfen hat.
    Und es ist auch so, dass es sich eben nicht jede Buchhandlung
    heute leisten kann junge Menschen in eine Ausbildung zu
    nehmen, obwohl diese daran interessiert und auch begeistert
    wären.
    Besonders kleinere Buchhandlungen müssen, auch wenn sie eine
    gute Nische an Büchern im Verkauf haben, sich so einsetzen, dass
    sie überleben können.
    Und deshalb kann man auch nicht so pauschal sagen, dass der
    Buchhandel nicht ausbilden möchte. Es kommt immer auf die
    einzelne Buchhandlung an.
    Und da viele Bereiche auch in der Buchbranche sich im Umbruch
    befinden, bedarf es sicher vor allem auch an Mut, Vernunft und
    einer Zuversicht.
    Und im Buchhandel selber kann man nur gemeinsam, also mit dem
    Börsenverein, den Landesverbänden und den Buchhandlungen
    die Fragen und Problemfelder anpacken. Anders ist dies sicher
    nicht möglich.
    Oft wäre es von einem großen Vorteil, wenn da auch ,Runde
    Tische` geschaffen werden, um dies alles mit Vernunft anzugehen.
    Es sollte nicht nur bei Gesprächsrunden bleiben, sondern auch
    in den Fachklassen der Berufsschulen und am Campus in
    Frankfurt/Seckbach sollten die Lehrpläne so geändert werden, dass auch das Fach Literatur und Deutsch wieder mehr be-
    rücksichtigt wird. Besonders im Grundwissen Literatur, also die
    Kenntnisse von Dichtern (Leben, Werk und Lebensumfeld) sollten
    vermittelt werden. Und darauf lassen sich auch andere Kenntnisse,
    die man als Buchhändler/in noch weiter benötigt, aufbauen.
    Nur sehe ich eben in der Wissensvermittlung in der Literatur
    bisher etwas eine lückenhafte Weitergabe.
    Und da könnte man sicher eine Änderung an den Lehrplänen an
    den Fachklassen der Berufsschulen usw. vornehmen.
    Aber alles mit Maß und Ziel, Vernunft, Ausgewogenheit und einem
    guten Überlegen (wie dies eben umgesetzt werden könnte).
    – Dies von mir hier alles freibleibend und nach vorne offen. –

  3. Neue Wege einschlagen: „auch mal einen Realschüler nehmen?“
    Für mich eine klare Diskriminierung meiner und anderer Personen, werte Frau Bildungsdirektorin. Hauptsache, Sie können mit bedeutungslosen Fremdwörtern um sich werfen, um Ihre Bildungsnähe zu demonstrieren.
    Zur gelungenen Ausbildung brauchts keine Wiley-Broschüren, sondern einsatzfreudige LehrherrInnen, die Ihren LehrlingInnen auch wirklich etwas beibringen wollen. Fachlich und menschlich, das lässt sich aber nicht aus Excel-Tabellen ablesen. Der Beruf kann ja tatsächlich interessant und abwechslungsreich sein, aber dazu müssen die jungen Menschen natürlich auch angeleitet werden. Möglichkeiten gibt es viele, ergreifen muss man sie. Dann kann man sich auch die Fremdwörter sparen.

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